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Migranten in der Schweiz besser verstehen



Für Migranten aus dem Kosovo ist es oft schwierig, ihre Kinder beim Lernen zu unterstützen: Sonderklasse für kosovo-albanische Flüchtlingskinder in Zürich.

Für Migranten aus dem Kosovo ist es oft schwierig, ihre Kinder beim Lernen zu unterstützen: Sonderklasse für kosovo-albanische Flüchtlingskinder in Zürich.

(Keystone)

Von Ausländern werden Bemühungen zur Eingliederung in die Schweizer Gesellschaft erwartet. Integration ist jedoch ein gegenseitiger Prozess: Das Bundesamt für Migration will mit Handbüchern das Verständnis für Migranten fördern und Klischees aufbrechen.

Mario Gattiker, Vizedirektor des Bundesamts für Migration (BFM), beschreibt die Klischees so: "Portugiesen arbeiten auf dem Bau und in der Gastronomie, Türken haben Kebab-Stände, Kosovo-Albaner ein verbessserungsbedürftiges Image und über Flüchtlinge aus Somalia und Eritrea weiss man noch zu wenig, um sie in eine Schublade zu tun."

Für die Integrationsarbeit sei es jedoch wichtig, solchen Stereotypen zu entgegnen. Deshalb habe das BFM vier Untersuchungen in Auftrag gegeben.

Bedürfnis nach Wissen

Die vier in Bern vorgestellten Handbücher beschreiben eine facettenreiche Wirklichkeit der hier lebenden Menschen aus dem Kosovo, der Türkei, Portugal sowie Somalia und Eritrea.

Gattiker wertet sie als Beitrag zur Verständigung mit der Schweizer Bevölkerung, denn der Bund habe den Auftrag, über Ausländerinnen und Ausländer zu informieren.

Auch viele Schweizer – Nachbarn, Kollegen, Fachleute – wollten mehr Hintergrundwissen über die Herkunft, Kultur sowie die soziale und wirtschaftliche Lage von Migranten. Dies habe bereits eine 2007 herausgegebene Studie über die srilankische Diaspora in der Schweiz gezeigt.

Die vier neuen Studien vermitteln gut verständlich viel Information, die im öffentlichen Leben weiterhelfen soll. "Wenn eine Lehrerin erstmals ein somalisches Kind in der Klasse hat oder ein Arzt einen kosovarischen Patienten behandelt, finden sie nun gebündelt Auskunft", erklärt Gattiker. Die Handbücher widerspiegelten jedoch keine offiziellen Schweizer Standpunkte. Das BFM werte sie als wissenschaftliche Umfragen, die Fachleute und Betroffene zu Wort kommen lassen.

Wunsch nach Integration

"Das begrüsst die Kosovo-Gemeinschaft sehr, denn wir werden oft verkannt", sagt der in Neuenburg lehrende Politologe Bashim Iseni. Die meisten Kosovaren seien sehr motiviert, sich zu integrieren. Doch die Volksgruppe werde in jüngster Zeit negativ wahrgenommen, obwohl viele Menschen aus dem Kosovo seit Jahrzehnten in der Schweiz leben. Diskriminierung an den Schulen und auf dem Arbeitsmarkt mache der Diaspora schwer zu schaffen.

Tatsächlich werden albanischsprachige junge Männer bei der Lehrstellensuche gegenüber Schweizern benachteiligt. Dies führe zu Resignation, und das Gefühl, nicht akzeptiert zu werden, könne gewalttätiges Verhalten auslösen, hält die Untersuchung fest.

Bedrückende Arbeitslosigkeit

Grosse Probleme auf dem Arbeitsmarkt haben auch Männer aus Somalia und Eritrea. Wenn in der Folge Frauen den Lebensunterhalt verdienen, kommt es zu Schwierigkeiten in der Familie: Die Wertordnung werde auf den Kopf gestellt, sagt die Somalierin Hawa Duale Fritsche.

Die Ausgrenzung führe teils dazu, dass sich Somalier auf traditionelle Werte besinnten und konservativer würden. Dennoch stellt Hawa Duale ein Umdenken fest: Mädchenbeschneidung werde heute dank vernetzten Anstrengungen abgelehnt. Das Kopftuchtragen bleibe indes ein heisses Thema. "Ein Verbot gäbe grosse Probleme, obwohl viele Mütter nicht wollen, dass ihre Mädchen in der Schule ein Kopftuch tragen."

Bildungshunger

Gemeinsam haben die untersuchten Bevölkerungsgruppen, dass sie sich für ihre Kinder eine gute Schul- und Grundausbildung wünschen. Dabei stossen sie auf Schwierigkeiten. Vor allem Migranten aus dem Kosovo und Somalia, wo die Schulsysteme brach liegen, können ihre Kinder wegen eigener Bildungsdefizite kaum fördern. Sie müssten besser unterstützt werden, noch bevor Probleme auftreten, empfehlen die Studien.

Dabei nehmen Migranten und ihre Vereine einiges selbst an die Hand. Yohannes Berhane aus Eritrea etwa hat mehrere "Vatertische" organisiert. "Für Kinder ist es wichtig, dass ihre Eltern und besonders auch Väter die hiesigen Schulsysteme kennen", sagt Berhane. "Auch wir Erwachsenen wollen lernen. Es gibt in einigen Gemeinden nicht genug Deutsch-Angebote", beklagt Hawa Duale Fritsche.

Wo es welche Hilfsangebote und Fördervereine gibt, darüber informieren die vom BFM herausgegebenen Handbücher. "Wünschenswert bleibt, dass sie in Somalisch oder Englisch übersetzt werden, damit auch diese Gruppe von den gebündelten Informationen profitieren kann", meint Christine Müller von der Schweizerischen Flüchtlingshilfe SFH, Leiterin der somalisch-eritreischen Studie.

Viera Malach, swissinfo und InfoSüd

Die vier untersuchten Migrantengruppen

Menschen aus Portugal, der Türkei und dem Kosovo gehören zu den zehn grössten Migrantengruppen in der Schweiz. Die Auswahl soll laut BFM die unterschiedlichen Bedingungen in den Herkunftsländern zeigen.

Portugal, das nach Italien und Deutschland die drittgrösste Einwanderungsgruppe stellt, gilt als typisches Beispiel von Arbeitsmigration. Auffallend bei dieser Gruppe ist die hohe Rückkehr in die Heimat (70%), wie das BFM schreibt.

Eingewanderte aus der Türkei gehören zur sechstgrössten Migrantengruppe. Viele gehen mangels Arbeit selbstständigen Tätigkeiten nach.

Zur Bevölkerung aus dem Kosovo merkt das BFM an, dass sie sich heute vermehrt mit Fragen der Integration in der Schweiz befasst.

Menschen aus Eritrea (50% Christen) und Somalia (90% Muslime) haben sprachlich, kulturell und religiös wenig gemeinsam. Sie wurden dennoch in einer Studie erfasst, weil sie bei den Asylgesuchen in der Schweiz derzeit an erster Stelle stehen. Das Horn von Afrika ist seit langem eine Konfliktregion. Eritreer und Somalier verbindet die Sorge um ihre Familienangehörigen, die nach der Flucht weltweit verstreut leben.

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