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Mission erfüllt

Anne-Marie Rey: 30 Jahre Kampf um die Fristenlösung.

(ZVG)

Die Arbeit sei getan, sagt die ehemalige Co-Präsidentin Anne-Marie Rey. Deshalb löst sich die Schweizerische Vereinigung für Straflosigkeit des Schwangerschafts-Abbruchs (SVSS) nach 30 Jahren auf.

Es war die Hartnäckigkeit von Frauen, die zur heutigen liberalen Fristenregelung führte.

Fast etwas symbolisch mutet die Geste an, dass die SVSS den Rest des Vereinsvermögens in der Höhe von 9000 Franken dem Schweizerischen Katholischen Frauenbund für seinen Solidaritätsfonds zu Gunsten von Müttern in Bedrängnis überwiesen hat.

"Es war schon ein Kampf, bis wir die Fristenlösung in der Schweiz erreicht hatten", sagt Anne-Marie Rey gegenüber swissinfo. Und sie verhehlt nicht, dass die Gegner vor allem auf der "katholischen Seite" sassen.

Das sei nun aber vorbei, und an Podiumsgesprächen oder Fernsehdiskussionen seien die verschiedenen Seiten immer fair miteinander umgegangen. Und mit den gemeinen Briefen, die ins Haus flatterten, habe sie rechnen müssen.

Vatikan ein Problem

Einzig auf den möglichen Besuch des Papstes in der Schweiz im Jahr 2004 angesprochen, beginnen die Augen von Anne-Marie Rey zu blitzen. Man spürt: Diese Frau ist hartnäckig. Diesen Herrn in Rom hat sie gar nicht gern.

"Schon als er 1984 die Schweiz besuchte, hatten wir eine Demonstration organisiert mit Homosexuellen, aufmüpfigen Katholiken. Und Atheisten waren, glaube ich, auch dabei."

Wenn Johannes Paul II. wieder komme, dann werde sie sich erneut ärgern, vor allem, wenn er wieder vom Gesamtbundesrat empfangen werde. Entweder vertrete der Papst einen Staat oder eine Kirche. Der Vatikan solle sich entscheiden, was er sei. "Aber eine Demo organisiere ich nicht mehr, zumal es auch unter den Katholiken immer mehr liberal denkende Leute gibt."

Protestantische Kantone liberaler

Anne-Marie Rey ist nicht katholisch. Das ist im Zusammenhang mit der Abtreibungsfrage auch in der Schweiz nicht unwesentlich. Die protestantischen Kantone Zürich und vor allem Genf seien es gewesen, welche schon seit vielen Jahren punkto Abtreibung liberal gewesen seien und so einen Schwangerschafts-Tourismus innerhalb der Schweiz ausgelöst hätten, erinnert sie sich.

Eine erste Abstimmung für eine Fristenlösung war am 25. September 1977 vom Schweizer Stimmvolk wuchtig verworfen worden. Der Vorlage zugestimmt hatten nur die mehrheitlich protestantischen Kantone Zürich, Bern, Basel-Stadt, Schaffhausen, Waadt, Neuenburg und Genf sowie das "gemischte" Basel-Land.

Ja im zweiten Anlauf

Ganz anders verlief der zweite Anlauf am 2. Juni 2002. Zwei Abstimmungen kamen vors Volk. Erneut die Fristenregelung, als deren "Mutter" Anne-Marie Rey bezeichnet werden darf. Dazu die Initiative "für Mutter und Kind".

Beide Vorlagen betrafen zwar ein und dasselbe Thema: den Schwangerschaftsabbruch. Während aber die Fristenregelung die Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs vorsah, wollte die Initiative für Mutter und Kind diesen verbieten.

Die Entkriminalisierung wurde von rund drei Vierteln der Stimmenden angenommen (nur die Kantone Wallis und Appenzell-Innerrhoden lehnten ab). Die Initiative für Mutter und Kind hingegen wurde von rund 80 Prozent aller Stimmberechtigten sowie von allen Kantonen verworfen.

Die Frau geht vor

"Damit", so Rey, "haben wir das Hauptziel erreicht. Jetzt können Frauen selber entscheiden über einen Schwangerschaftsabbruch." Zwar sei dieser, sagt sie, die eigentlich einen vollkommen straffreien Abbruch wollte, auf die ersten 12 Wochen beschränkt. Aber die meisten Abbrüche würden sowieso in dieser Zeitspanne stattfinden.

Das Selbstbestimmungsrecht der Frau in dieser Frage war Anne-Marie Rey das zentrale Anliegen. Auf die Frage, was denn sei, wenn die Frau eine Abtreibung möchte, der Mann aber nicht, bleibt sie, die selber eine Abtreibung hinter sich hat, konsequent:

"Dann entscheidet die Frau, sie muss das Kind zur Welt bringen! Es ist für die Frau eine absolut zentrale Frage ob, mit wem und wann sie ein Kind zur Welt bringen will."

Migrantinnen ein Problem

Gibt es denn immer noch ungewollte Schwangerschaften in Anbetracht all der Verhütungsmöglichkeiten, die heute zur Verfügung stehen?

Drei Hauptgründe nennt Rey, warum Frauen auch heute noch ungewollt schwanger werden: Einmal gebe es die absolute Verhütung nicht, und 35 Jahre im Leben konsequent verhüten sei auch nicht immer leicht.

"Dann haben wir in der Schweiz noch ein grosses Problem: Die Migrantinnen, die aus Ländern kommen, wo das Wissen um das Verhüten fehlt, wo der Zugang fehlt oder wo die Frauen falsch informiert wurden."

Man dürfe nicht vergessen: 50% aller Abtreibungen in der Schweiz entfielen auf Migrantinnen. Deshalb verlangt der SVSS auch, dass die Prävention bei ausländischen Frauen verbessert wird.

Zahl der Abtreibungen nimmt nicht zu

Generell ist es nun etwas einfacher geworden, zu genauen Zahlen in der Schweiz zu kommen. Die Kantone sind seit der Einführung der Fristenregelung am 1. Oktober 2002 verpflichtet, eine Statistik der Abbrüche zu erstellen.

Diese Zahlen sind denn auch, mit Ausnahme des Kantons Thurgau, der die Angaben verweigert, zur Verfügung gestellt worden. Insgesamt dürften in der ganzen Schweiz im Jahr 2002 rund 11'500 Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen worden sein.

"Es kann daraus geschlossen werden, dass die Fristenlösung in den ersten drei Monaten ihrer Geltungsdauer keine Zunahme der Eingriffe bewirkt hat", sagt Anne-Marie Rey. Definitives lasse sich aber erst in einigen Jahren sagen.

Doch es sei schon so, dass bereits vor der jetzt gültigen Regelung in ähnlich "grossem" Rahmen abgetrieben worden sei, so Rey.

"Früher einfach vermehrt in den liberalen Kantonen. Doch seit nun auch Uri und all die andern 'harzigen' Kantone, die sich lange geweigert haben, Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen, mitziehen, geht der Abtreibungstourismus in der Schweiz stark zurück.

Merci

So hat denn eine liberalere Gesellschaft auch ein liberaleres Gesetz auf einem heiklen Gebiet erhalten. Nicht zuletzt dank dem unermüdlichen Einsatz von SVSS Co-Präsidentin Anne-Marie Rey. Wurde ihr dafür auch merci gesagt, für den, wie sie selber sagt, " teilweise 7-Tage-Kampf"?

"Oh ja! Ich habe wahnsinnig viele Briefe erhalten. Viele riefen an oder sandten E-Mails und bedankten sich. Auch zahlreiche rührende Dankeschöns waren darunter!"

swissinfo, Urs Maurer

Fakten

Anne-Marie Rey schreibt über all die Erfahrungen und Begegnungen rund um ihren "Kampf" für eine Fristenlösung in der Schweiz ein Buch. Den Titel des Buches wollte sie nicht preisgeben!

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