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Nachhaltigkeit im Tourismus nicht verwässern

Typische Nachhaltigkeits-Probleme im Schweizer Tourismus: Zweitwohnungsbau in Ferienorten. Im Bild: Arosa. ex-press

Nachhaltigkeit hat Hochkonjunktur, auch im Tourismus. Am Jahrestreffen der Branche in Montreux, am Travel Trade Workshop, hat sich Professor Hansruedi Müller kritisch damit auseinandergesetzt, wie die Branche mit dem Begriff umgeht.

Dieser Inhalt wurde am 03. November 2010 - 16:21 publiziert
Alexander Künzle, swissinfo.ch

Anfang November trifft sich die Schweizer Reisebranche in Montreux: Transportunternehmer und Fluggesellschaften, Hoteliers und Hotelketten, Reiseagenten und -veranstalter aus dem In- und Ausland bereiten sich auf das kommende Reisejahr vor.

Kaum ein neues Reiseziel, ein neuer Katalog, ein neues Flug- oder Hotelarrangement, bei dem nicht mit der Nachhaltigkeit als Argument geworben wird. Am gängigsten sind die klimaneutralisierenden Preiszuschläge bei Flugtickets (CO2-Kompensationen).

Hansruedi Müller, Leiter des Forschungsinstituts für Freizeit und Tourismus FIF der Uni Bern, hat in Montreux vor den Praktikern der Tourismusbranche einen kritischen Blick auf die Nachhaltigkeits-Bestrebungen der Reisebranche geworfen, inklusive Klimaschutz.

swissinfo.ch: Die Signale aus der Tourismuswirtschaft sind widersprüchlich. Einerseits wird mit umweltschonender Nachhaltigkeit geworben, andererseits werden billige Schnäppchen für Massenstrände verramscht.

Hansruedi Müller: Der Tourismus befindet sich von je her im Dilemma: Das Kapital des Tourismus, nämlich Natur und Landschaft, ist unwiederbringlich, wenn es einmal verloren ist. Bei anderen Wirtschaftszweigen kann ebenfalls Kapital verloren gehen, nur kann es dort zurückgewonnen werden.

Ein weiterer Widerspruch steckt in der Mobilität selber, die einen wichtigen Teil des touristischen Angebots ausmacht: Diese wirkt nun einmal klimaschädigend. Zwar gibt es seriöse CO2-Kompensations-Programme, aber vom Klima her gesehen wäre es besser, weniger weit oder per Langsamverkehr zu verreisen.

Es gibt heute kaum noch eine Tourismusstrategie oder ein -konzept, kein Projekt und keinen Event, die ohne Nachhaltigkeits-Commitment auskommen. Und dennoch nehmen die Belastungen für Mensch und Umwelt zu.

swissinfo.ch: Wie verhalten sich die beiden Begriffe Klimaschutz und Nachhaltigkeit im Tourismus?

H.M.: Beim Klimaschutz ist alles viel einfacher zu verstehen. Es werden Treibhausgase produziert, die sich kompensieren lassen – und das kostet.

Das bezahlt man dann, denn für das Klima ist es gleichgültig, wo Treibhausgase emittiert und wo sie kompensiert werden.

Deshalb dient der Klimaschutz als geeigneter Aufhänger für das Nachhaltigkeits-Bestreben. Er hat wohl das Thema erst richtig populär gemacht.

Nur sollte die Nachhaltigkeit nicht auf dem Klimaschutz reduziert werden. Sie hat viele andere Facetten; das macht sie so kompliziert.

swissinfo.ch: Nachhaltigkeit wird im Sozialbereich, in der Wirtschaft oder in der Wissenschaft angestrebt. Welche Facetten betreffen den Tourismus?

H.M.: Alle. Deshalb tun sich die touristischen Leistungsträger schwer damit. Die Anliegen können langfristige Partnerschaften umfassen, Gender- und Entlöhnungsfragen, Ressourcenmanagement, Lebensstil, Kinderschutz, Respekt vor Kulturen und Religionen, Abfallbewirtschaftung, etc.

Diese vielen Facetten machen aus der Nachhaltigkeit ein kompliziertes Konzept, das viel mehr Dimensionen aufweist als messbares Treibhausgas.

swissinfo.ch: Kommen die einzelnen touristischen Leistungsträger unterschiedlich gut mit der Nachhaltigkeit zurecht? Zum Beispiel die Luftfahrt gegenüber der Hotellerie?

H.M.: Am schwersten tun sich meiner Einschätzung nach die Verkehrsmittel. Ich meine damit nicht nur die Luftfahrt, sondern auch die Bahnen.

Besonders klar zeigt sich das Dilemma bei den Bergbahnen. Nicht nur, weil sie besonders viel Energie benötigen, sondern auch, weil sie auf die künstliche Beschneiung der Berghänge angewiesen sind.

Bergbahnen, Skilifte und Skipisten sind ja oft zu einem einzigen Produkt zusammengefasst. Und ohne Schnee fährt man nicht nur nicht Ski, sondern im Winter schon gar nicht in die Berge.

Auch die Reiseveranstalter (Tour Operator) kommen um Nachhaltigkeits-Überlegungen nicht mehr herum. Es gibt viele, die noch nicht richtig wissen, wie sie es angehen sollen.

swissinfo.ch: Aber es gibt doch schon Fair Trade Reisen und nachhaltige Reisearrangements.

H.M.: Sicher. Aber wir sprechen von der Masse. Es gibt Tour Operator, die auf gesonderte Produktelinien im Natur-Luxusreisen-Bereich setzen. Aber diese machen nur einen kleinen Teil im Sortiment aus.

Auch der Umstand, dass Reisevermittler aus so genannten alternativen Kreisen stammen können, genügt nicht. Auch eine persönliche Vergangenheit als Rucksackreisende bringt einen nicht unbedingt näher an nachhaltige Reiseformen.

Unter den Hoteliers gibt es Pioniere, die das Konzept meiner Einschätzung nach begriffen haben. Andererseits haben Vier- und Fünfstern-Hotels automatisch mehr Probleme mit Nachhaltigkeit als Mittelklasse-Betriebe. Denn viel Licht, grosse Räume und Wellness gelten eben als Teil des verlangten Luxus, fressen aber viel Energie.

Unter den Reisezielen ist es wohl so, dass zurzeit skandinavische Länder die Vorreiter in der Nachhaltigkeit sind.

swissinfo.ch: Gibt es im Umgang mit Nachhaltigkeit einen Generationen-Graben?

H.M.: Ja. Die grösste Sensibilität für diese Anliegen scheinen mir die heute 60-Jährigen zu haben, zumindest die Gebildeteren. Sie haben die Erdölkrise der 1970er-Jahre erlebt, dann das Waldsterben, bis zu SARS und Schweinegrippe im letzten Winter. Bei ihnen hat sich eine breite Erfahrung mit Nachhaltigkeit angesammelt.

Die Generation der heute 40-Jährigen ist zwar mit diesen Themen bereits aufgewachsen. Doch ist sie aus Gründen der Kindererziehung oder Familie Sachzwängen ausgeliefert, die der Nachhaltigkeit zuwiderlaufen. Diese Generation scheint mir die schwierigste zu sein.

Den 20-Jährigen ist es bewusst, dass es um ihre Zukunft geht. Doch hat diese Generation neue Fähigkeiten entwickelt, mit Widersprüchen umzugehen. Sie nimmt es weniger fanatisch, bringt aber auch weniger Engagement auf.

swissinfo.ch: Und Sie als Wissenschafter? Was macht Ihnen Sorgen bei der Nachhaltigkeit?

H.M.: Ich mache mir Sorgen, da die Gefahr besteht, dass Nachhaltigkeit verwässert wird und es an Ernsthaftigkeit fehlt. Das wäre schade, denn die Wissenschaft stellt heute eine grosse Anzahl an Nachhaltigkeits-Ansätzen zur Verfügung.

Ich hoffe, dass es der Nachhaltigkeit nicht so ergeht wie dem Waldsterben und anderen so genannten Hypes. Wer erinnert sich heute noch an das "qualitative Wachstum", an den "sanften Tourismus". Es spricht niemand mehr davon, dabei ging es um ähnliche Gedanken wie heute.

Hansruedi Müller

Professor Müller, 1947 geboren, lehrt Freizeit und Tourismus an der Universität Bern und leitet das Forschungsinstitut für Freizeit und Tourismus (FIS) seit 1989.

Seine wissenschaftliche Laufbahn begann er dort 1982 als Assistent.

Ursprünglich absolvierte er eine Lehre als Betriebsdisponent bei den SBB, arbeitete 7 Jahre auf der SBB-Direktion und studierte parallel auf dem zweiten Bildungsweg.

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Nachhaltigkeit

Das Konzept der Nachhaltigkeit beschreibt die Nutzung eines regenerierbaren Systems auf eine Weise, dass es sich erhalten kann (sustainability).

Dieses System kann im vorliegenden Fall die gesamte Erde sein.

Ursprünglich kommt der Begriff aus der Forstwirtschaft.

Es gibt:
- ökologische Nachhaltigkeit (Artenvielfalt, Klimaschutz)
- ökonomische (dauerhafte Grundlage für Wohlstand)
- soziale (Partizipation aller Mitglieder einer Gemeinschaft)

Nachhaltigkeit kann lokal, regional, national oder global verwirklicht werden (Lebensstil, Mobilität, Energieversorgung).

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Tourismus-Emissionen

Der Tourismus ist seit Jahrzehnten eine globale Wachstumsindustrie.

2005 verursachte er "nur" 5% der globalen CO2-Emissionen.

Bis 2020, so Schätzungen, wird sein Anteil auf 10% steigen.

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