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Nein, die Serengeti darf nicht sterben!



Die Wanderung der 1,3 Mio. Gnus sollte durch keine Strasse behindert werden.

Die Wanderung der 1,3 Mio. Gnus sollte durch keine Strasse behindert werden.

Der geplante Bau einer Strasse mitten durch den Serengeti-Nationalpark in Tansania bedroht das wohl berühmteste Unesco-Weltnaturerbe. Der Schweizer Zoologe Markus Borner setzt sich mit grossem Engagement dagegen ein.

Er wird als Nachfolger des berühmten deutschen Zoologen und Tierfilmers Bernhard Grzimek bezeichnet: Markus Borner lebt und arbeitet seit 1984 in der Serengeti, einer baumarmen Savanne, die sich auf einer Fläche von 30'000 km2 vom Norden Tansanias, östlich des Viktoriasees, bis nach Süd-Kenia erstreckt. Gegenüber swissinfo.ch erzählt er von seinem Engagement für die Tierwelt und wie er seinen Ruhestand zu verbringen gedenkt.

swissinfo.ch: Weshalb ist das Weltnaturerbe Serengeti für die gesamte Menschheit so wichtig?

Markus Borner: Mit dem World Heritage-Prädikat ist der Park nicht mehr nur ein Teil von Tansania, er gehört eigentlich uns allen. Begonnen hat es mit Professor Grzimeks Film "Die Serengeti darf nicht sterben". Er hat dazu geführt, dass dieser Park auf der ganzen Welt als Inbegriff eines Nationalparks angesehen wird.

swissinfo.ch: Und was macht diesen Park so einzigartig?

M. B.: Da sind einmal die grössten Tierherden mit saisonaler Migration, die Gnu und Zebra. Ich bin ja schon über 30 Jahre hier, aber es kommen mir immer noch die Tränen, wenn ich mit dem Flugzeug über zwei Millionen Tiere hinweg fliege. Dass es das überhaupt noch gibt auf dieser Welt! Zudem ist es die letzte Migration in dieser Grösse.

In der Serengeti leben auch die meisten Grosswildtiere – in Zahlen und in Arten. So sind hier über 28 Huftier-Arten ansässig – auch das gibt es sonst nirgends mehr.

swissinfo.ch: Trotzdem will die tansanische Regierung eine Strasse durch einen Teil dieses Gebietes bauen. Weshalb?

M. B.: Wir haben Mühe, das nachzuvollziehen. Ich weiss nicht, was sich dahinter verbirgt. Offiziell soll es sich um ein Wahlkampfversprechen des Präsidenten handeln.

Auch ich sehe ein, dass Tansania besser vernetzt werden muss. Ziel ist, möglichst alle grösseren Städte mit guten Strassen zu vernetzen. Zieht man direkte Linien zwischen den grössten Zentren Nordtansanias, führen diese auch durch die Serengeti.

Ein ähnliches Projekt wurde schon vor langer Zeit präsentiert und abgelehnt.

swissinfo.ch: Würde der Bau der Strasse die heutige Tierwanderung verunmöglichen?

M. B.: Der Präsident hat kürzlich in einer Rede geäussert, lediglich eine Schotterstrasse durch die Serengeti bauen zu wollen. Diese Schotterpiste würde mit einem zu beiden Seiten 50 Meter breiten Streifen nicht mehr den Nationalparkregeln unterstehen. Der Park würde auseinandergeschnitten.

Und wenn man eine Autobahn an beiden Enden dieses Schotterstückes baut, ist es ganz klar, dass bei zunehmendem Verkehr die Strasse durch die Serengeti bald keine Schotterstrasse mehr sein wird.

Viele Wildtiere, darunter die Gnus und Zebras finden in der Trockenzeit nur im Norden, beim Mare-Fluss, noch Wasser. Rund zwei Millionen Tiere müssen durch diesen Flaschenhals. Es gibt keinen anderen Weg.

Mit der Zeit werden sich wegen dem Tierzug die Unfälle häufen. Dann folgen Sicherheitsmassnahmen wie Zäune oder Mauern. Die Migration geht nicht auf Null zurück, wenn die Strasse morgen gebaut wird. Es wird ein paar Jahre dauern, bis diese Massnahmen eingeführt werden. Aber sie werden kommen.

swissinfo.ch: Sie haben eine Alternativroute vorgeschlagen. Gibt es da schon Reaktionen?

M. B.: Die Regierung hat uns bis jetzt nicht geantwortet. Eine weiter aussen führende Version dieser Strasse wird jetzt gebaut, man müsste wahrscheinlich noch eine kürzere Version realisieren.

Wir versuchen Geberländer für den Bau des kürzeren Strassenstücks zu gewinnen. Entlang dieser Strasse leben 3,5 Mio. Menschen, vor allem Bauern. Und diese brauchen eine Strasse, um ihre Produkte auf den Markt bringen zu können. Auf der geplanten nördlichen Strasse leben nur etwa 40'000 Menschen, Massai. Die haben Rinderherden und brauchen und wollen keine Strassen.

swissinfo.ch: Sie möchten dem Park angrenzende Gebiete in Schutzzonen umwandeln. Wie soll das funktionieren? Erhoffen Sie sich ein Miteinander von Wildtieren und Bevölkerung?

M. B.: Absolut. Diesen Weg gehen wir seit zehn, fünfzehn Jahren. In der Serengeti gibt es nicht nur den Nationalpark, sondern rundherum eine Reihe von verschiedenen Schutzgebieten wie das Ngorongoro- oder das Mara-Schutzgebiet.

In den letzten Jahren entstandenen an den Park grenzende, lokal administrierte Schutzgebiete. Dort gab man der Bevölkerung das Recht auf die Nutzung, aber auch die Pflicht zum Schutz der Wildtiere. Das ist ein sehr interessanter Ansatz, aber es dauert viel länger, als wir uns das vorgestellt hatten. Man muss die Leute ausbilden, damit sie selbst für den Schutz aufkommen können. Sie müssen fähig sein, mit Tourveranstaltern Verträge zu schliessen. Und sie müssen lernen, das eingenommene Geld richtig zu verwalten und einzusetzen.

In zwei Gebieten ist das bereits gelungen, und in einem weiteren arbeitet man daran.

swissinfo.ch: Hat die Bevölkerung nicht andere Probleme als den Tierschutz?

M. B.: Es geht ihr nicht um den Schutz des Tiers. Sie will, dass das Land sie ernährt. Zeigt man ihnen nun, dass sie mit dem Wild mehr Geld verdienen können, als wenn sie Mais anpflanzen, dann macht es Sinn für sie, Wildtiere auf ihrem Land zu haben.

Die Serengeti zieht viele Touristen an. Das ist für diese Dorfgemeinschaften eine tolle Chance, auch davon zu profitieren. Aber wenn keine Wildtiere mehr auf ihrem Land sind, kommt auch kein Tourist mehr hin.

swissinfo: Sie haben lange Zeit in Afrika gelebt und gearbeitet. Worauf sind Sie besonders stolz?

M. B.: Naturschutz ist im Allgemeinen keine Erfolgsgeschichte. So verlieren wir immer noch an Biodiversität. Im Naturschutz wird die Erhaltung des Status Quo normalerweise schon als Erfolg bezeichnet.

Die Serengeti ist eine der seltenen Erfolgsstories. Zu Grzimeks Zeiten gab es viel weniger Tiere als heute. Das Gebiet war nicht weiter geschützt, es gab nur den Park. Und heute ist das gesamte Gebiet, in dem die Tiermigration stattfindet, durch ein Mosaik von Schutzgebieten umgeben. Die Zahl der Gnus hat sich von 300'000 auf 1,5 Mio. erhöht.

Tansania hatte bei seiner Unabhängigkeit einen Nationalpark. Heute gibt es deren 14. Fast 60% des Landes stehen unter Schutz. In der Schweiz sind es so ungefähr 0,45%. Weiter ist fast ein Viertel Tansanias unter irgend einer Art Schutz. Es ist unglaublich, was das Land zur weltweiten Biodiversitäts-Sicherung geleistet hat.

Und deshalb verstehe ich auch nicht, dass all das mit dem Strassenprojekt in der Serengeti nun in Frage gestellt werden soll. Im schlimmsten Fall könnte die Unesco den Serengeti-Nationalpark von der Weltnaturerbe-Liste streichen. Das wäre eine absolute Katastrophe für das Land, für seinen Ruf als führende Nation in Sachen Naturschutz. Weiter könnte es Riesenprobleme mit dem Tourismus geben: Man geht nicht in ein Land, in dem einer der berühmtesten Parks der Welt zerstört wird.

swissinfo.ch: Sie befinden sich bereits im AHV-Alter. Wie sieht Ihre Lebensplanung für die nächsten Jahre aus? Wollen Sie Ihren Lebensabend in der Serengeti verbringen?

M. B.: Innerhalb der nächsten zwei Jahre möchte ich mein Amt ganz übergeben. Ich halte bereits Ausschau nach einer Nachfolge. Diese Person werde ich einarbeiten. Ich werde sicher weiter für die Zoologische Gesellschaft Frankfurt tätig sein, aber nicht mehr in der Serengeti stationiert sein.

swissinfo.ch: Und dann kehren Sie wieder zurück nach Europa?

M. B.: Ich war erst kürzlich in der Schweiz, in Zürich, am See. Wasser vermisse ich sehr. Zürich ist ein toller Ort, da könnte ich mich schon wieder sehen. Nicht zuletzt auch wegen der feinen Bratwürste, die es sonst nirgends so auf der Welt gibt.

Im Moment komme ich sehr viel in Afrika herum, bin fast dauernd unterwegs und lerne viele ganz tolle Gebiete kennen. Ich freue mich aber auch, wieder mal was anderes zu sehen, Südamerika zum Beispiel. Das hat mich als Kontinent sehr interessiert.

swissinfo.ch: Was werden Sie am meisten vermissen, wenn Sie die Serengeti verlassen werden?

M. B.: Ach, die Weite der Landschaft, die wunderbaren Bäume und Felsen. Das ist etwas Unglaubliches. Am Wochenende fahre ich gerne mit meinem Wagen irgendwo in die Ebene hinaus und campe für einen Abend.

Dort ist man dann allein mit ein paar Hunderttausend Tieren. Und kein Mensch im Umkreis von 50 oder 100 Kilometern. So etwas gibt es sonst fast nirgends mehr. Und in der Schweiz schon gar nicht. Die Weite und Wildnis werde ich sehr vermissen, das ist ganz klar.

Serengeti

Serengeti ist aus der Massai-Sprache abgeleitet und bedeutet "das endlose Land". Sie erstreckt sich auf eine Fläche von rund 30'000 km2.

Das Gebiet umschliesst den Serengeti Nationalpark, der 14'763 km2 umfasst. Die höchsten Berge reichen bis 1850 Meter über dem Meer, die Savanne reicht bis 950 Meter.

Seit 1981 ist er Teil des Unesco-Weltnaturerbes sowie Biospärenreservat.

Die Serengeti ist Schauplatz der grössten Tiermigrationen weltweit. Gnus, Zebras, Thomson-Gazellen und Elenantilopen unternehmen in Abhängigkeit von der Trocken- und Regenzeit ausgedehnten Wanderungen. Sie durchwandern seit über 10'000 Jahren im Laufe eines Jahres die komplette Serengeti von Norden nach Süden ins angrenzende Masai Mara und zurück.

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ZGF-Afrika Regionalbüro (ARO)

1992 richtet Dr. Markus Borner für die Zoologische Gesellschaft Frankfurt (ZGF) das ARO in Seronera, mitten im Serengeti-Nationalpark in Tansania ein.

Die Naturschutzaktivitäten der ZGF werden durch die tansanische Regierung legitimiert.

Von Seronera aus überwacht die ZGF Naturschutz-Projekte in Äthiopien, Kenia, DR Kongo, Sambia, Simbabwe und Tansania.

Das gesamte ZGF-Afrikaprogramm-Team wird von Dr. Markus Borner geführt.

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"Die Serengeti darf nicht sterben"

Umstrittene und berühmt gewordene Passage aus Bernhards Grzimeks Film:

"Diese letzten Reste des afrikanischen Tierlebens sind ein kultureller Gemeinbesitz der ganzen Menschheit, genau wie unsere Kathedralen, wie die antiken Bauten, wie die Akropolis, der Petersdom und der Louvre in Paris. Vor einigen Jahrhunderten hat man noch die römischen Tempel abgebrochen, um aus den Quadern Bürgerhäuser zu bauen.

Würde heute eine Regierung, gleich welchen Systems, es wagen, die Akropolis in Athen abzureissen, um Wohnungen zu bauen, dann würde ein Aufschrei der Empörung durch die ganze zivilisierte Menschheit gehen.

Genau so wenig dürfen schwarze oder weisse Menschen diese letzten lebenden Kulturschätze Afrikas antasten. Gott machte seine Erde dem Menschen untertan, aber nicht, damit er sein Werk völlig vernichte."

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swissinfo.ch


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