Online-Therapie als Hoffnung für irakische Opfer

Vor einem Internet-Café in Bagdad. Keystone

Zusammen mit dem Zentrum für Folteropfer Berlin hat die Universität Zürich ein auf dem Internet basierendes Psychotherapie-Programm für Gewalt-Opfer aus dem Irak entwickelt.

Dieser Inhalt wurde am 24. Februar 2009 - 13:16 publiziert

Bereits haben 250 Menschen von dem Angebot Gebrauch gemacht, das die Psychologin Birgit Wagner am Institut für Psychopathologie und Klinische Intervention der Universität Zürich im Jahr 2008 entwickelt hat.

Gewalt und Anschläge gehören in Irak immer noch zum Alltag. Laut offiziellen Schätzungen leiden rund 50% der Bevölkerung unter einem Trauma. "Es gibt eine enorme Nachfrage nach psychotherapeutischen Behandlungen, aber nicht genügend Behandlungsmöglichkeiten", sagt Birgit Wagner gegenüber swissinfo.

Studien in Europa haben gezeigt, dass Internet-basierte Psychotherapie, bei der die Betroffenen ihre Erfahrungen unter therapeutischer Leitung niederschreiben, positive Resultate bringen.

"Für Leute, die sexuell missbraucht oder vergewaltigt worden sind, ist es hilfreich, wenn sie ihre Erfahrungen in einer Form niederschreiben können", sagt Wagner.

"Ein weiterer Vorteil ist es, dass die Leute von überall her Zugriff haben und nicht in ein Behandlungs-Zentrum oder zu einem Therapeuten gehen müssen."

Um in das Programm aufgenommen zu werden, müssen die Patientinnen und Patienten verschiedene Kriterien erfüllen. Nicht zugelassen werden Menschen mit Suizid-Tendenzen und Schizophrene.

Die Behandlung geschieht in arabischer Sprache. Von den Patienten wird erwartet, dass sie zweimal in der Woche von ihrem Heimcomputer aus am Programm teilnehmen.

Mehrere Phasen

In der ersten Phase, die mit "Selbst-Konfrontation" überschrieben ist, schreiben die Patienten vier Texte über ihre schmerzlichsten Erinnerungen. "Wir fordern sie auf, die Texte in der Ich-Form und in der Gegenwart zu schreiben. Das ist unmittelbarer als alle anderen Formen", erklärt Wagner.

"Fast jede traumatische Erfahrung hat Komponenten, vor denen sich die Betroffenen fürchten. Sie haben Angst, das Erlebnis zu beschreiben. Die Konfrontation mit dem Erlebten kann zu Albträumen und Angstzuständen führen", so Wagner.

In der zweiten Phase geben die Patientinnen und Patienten ihre Erfahrungen einem fiktionalen Gegenüber weiter. Das gibt dem Erlebten eine ganz andere Perspektive.

In der dritten und letzten Phase schreiben die Patienten einen Brief an eine nahe stehende Person. Dabei bleibt offen, ob der Brief abgeschickt wird oder nicht.

Internet-Verbreitung nimmt zu

"Wir haben viele Leute, die Opfer einer Entführung wurden oder deren Mann oder Frau entführt wurde. Andere wurden Zeugen von Bombenanschlägen oder haben eine ihnen nahe stehende Person bei einem Anschlag verloren", sagt Wagner.

"Rund 15 Patienten haben die Therapie abgeschlossen und ihre Symptome damit signifikant lindern können", erzählt Wagner. Laut europäischen Studien leben 80% der Behandelten nach abgeschlossener Therapie ohne Beschwerden.

Wagner zeigt sich mit dem bisherigen Verlauf des Projektes zufrieden. Viele Therapien dauern jedoch länger als die vorgesehenen fünf Wochen. Das hängt damit zusammen, dass nicht alle Patienten zuhause einen Internet-Anschluss haben.

Insgesamt kann sich Wagner analoge Projekte auch für andere Krisenregionen vorstellen. "Konfliktgebiete und Entwicklungsländer haben immer mehr Zugang zum Internet. Hier liegt die Zukunft", so Wagner.

swissinfo, Isobel Leybold-Johnson, Zürich
(Übertragung aus dem Englischen: Andreas Keiser)

Internet-basierte Therapie

Die Therapie wurde Ende der 1990er-Jahre in den Niederlanden entwickelt und wird für posttraumatische Belastungsstörungen und auch bei Burnout, Depressionen und Essstörungen angewandt.

Der Kontakt zwischen Patient und Therapeut findet ausschliesslich übers Internet statt.

Der Begriff Trauma ist ein Sammelbegriff für psychische und körperliche Beschwerden, die als Folge eines negativen, erschütternden Ereignisses auftreten.

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