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Organspende bleibt Tabu

Letztes Jahr starben in der Schweiz 32 Menschen, während sie auf eine Organspende warteten.

(Keystone)

Trotz Informations-Kampagnen spenden - verglichen mit der Nachfrage - weniger Schweizerinnen und Schweizer Organe als früher. Der "Tag der Organspende" will aufrütteln.

In verschiedenen Schweizer Städten stehen diesen Samstag wie in Frankreich und Deutschland Informations-Stände in den Strassen und auf den Plätzen.

Was gesunde Menschen häufig verdrängen, wird Thema: Krankheit und Tod, die Möglichkeit, dass jeder und jede irgendwann auf eine Organspende angewiesen sein könnte. Und dass grundsätzlich alle Organspender wären, so sie ihr Einverständnis gäben.

Langes Warten

Letztes Jahr wurden schweizweit 424 Organe transplantiert. Gleichzeitig warteten 1030 kranke Personen auf ein Transplantations-Organ.

Das Warten verursacht nicht bloss Kosten, Ungewissheit und Angst. Seit 1998 sterben immer mehr Menschen auf den Wartelisten. Im letzten Jahr waren es 32, in den ersten Monaten dieses Jahres bereits 22.

Blosse Lippenbekenntnisse

Eine im Auftrag der "Coopzeitung" durchgeführte Umfrage zeigt, dass 43% der Schweizer Bevölkerung grundsätzlich bereit sind, ihre eigenen Organe für einen anderen Menschen zu spenden (Lebendspende und nach dem Tod), 31% sind bereit, nach ihrem Tod Organe zu spenden.

Ihre Organe auf keinen Fall spenden wollen bloss 19% der insgesamt 606 Befragten. Allerdings: Trotz der schönen Worte liegt die Schweiz mit 13,2 Spenderinnen und Spendern pro Million Einwohner im europäischen Vergleich weit hinten.

Die Situation der Schweiz und Deutschlands ist sehr ähnlich, auch in Deutschland haben in einer Umfrage rund 70% für die Organspende ausgesprochen. In der Realität hat im letzten Jahr die Zahl der Spenden leicht zugenommen, doch pro Million Einwohner sind gerade mal 12,8.

Positiver sind die Zahlen aus Italien und Frankreich; pro Million Einwohner spenden über 17. Zum Vergleich: Den höchsten Wert erreicht Spanien mit 32,5.

Mehr informieren

In der Schweiz ist für die Verteilung der Organe und die Information über die Organspende die Organisation "SwissTransplant" zuständig. An einer Medienorientierung für den "Tag der Organspende" betonte Philippe Morel vom medizinischen Vorstand von SwissTransplant, nur gerade 15% der Bevölkerung seien mit dem Thema Organspende etwas umfassender vertraut.

Dies erstaunt, denn in den letzten Jahren wurde - initiiert vom politischen Prozess - intensiv über Organspenden diskutiert.

Zurzeit gibt es keine einheitlichen Regeln zur Organspende. In einigen Kantonen dürfen Organe nur entnommen werden, wenn der Betroffene zu Lebzeiten (oder im Nachhinein seine Angehörigen) zugestimmt haben. In anderen Kantonen wäre es vom Gesetz her möglich, Organe zu entnehmen, wenn die Betroffenen oder ihre Angehörigen sich nicht explizit dagegen aussprechen.

Bereits 1999 hatten die Stimmberechtigten eine Verfassungsbestimmung über die Transplantationsmedizin angenommen und damit den Bund zum Erlass von Vorschriften verpflichtet. 2001 war das neue Bundesgesetz in der Vernehmlassung, letzten Herbst dann stellte die Regierung die Leitplanken für die gesetzliche Regelung vor.

Zustimmung notwendig

Noch muss das Parlament darüber diskutieren; doch bereits ist absehbar, dass die heutige Situation verbessert wird.

Mit dem neuen nationalen Gesetz soll Transparenz geschaffen und Rechtssicherheit hergestellt werden, sagte Bundesrätin Ruth Dreifuss bei der Präsentation der Botschaft.

Explizit verboten wird der Handel mit menschlichen Organen. Für die Entnahme von Organen bei Verstorbenen gilt die erweiterte Zustimmungslösung (von den Betroffenen oder - nach dem Tod - von den Angehörigen).

In den Grundzügen wird das Parlament diesen Vorschlägen vermutlich zustimmen. Doch ob die Rechtssicherheit genügt, damit mehr Menschen bereit sind, Organe zu spenden, ist fraglich.

Handlungsbedarf in den Spitälern

Einerseits soll sich jeder und jede Einzelne mit dem Thema auseinander setzen. Andererseits orten die Fachleute aber auch Aufklärungsbedarf in den Spitälern. "Pflegepersonal und Ärzteschaft müssten besser über Nutzen und Wichtigkeit der Organspende informiert werden", fordert SwissTransplant.

Damit ist es allerdings nicht getan. Denn die medizinischen Fachleute müssen besser ausgebildet werden, damit sie in einer schwierigen Situation - beispielsweise nach einem schweren Unfall - die richtigen Worte finden, um mit den Angehörigen eines sterbenden Menschen über eine mögliche Organspende nach dem Tod zu sprechen.

Organspende-Ausweis

Am Einfachsten ist es, wenn jede Person sich selber frühzeitig eine Meinung bildet - und in einem Organspende-Ausweis festhält, ob und welche Organe sie allenfalls spenden würde. Der Ausweis ist schweizweit problemlos erhältlich (zum Beispiel eben bei den Standaktionen in den Städten oder bei SwissTransplant).

Um ihn auszufüllen ist es allerdings unerlässlich, sich mit der eigenen Vergänglichkeit auseinander zu setzen. Die bisherige schwache Nachfrage nach den Ausweisen zeigt: Hier liegt wohl das Problem: Krankheit und Tod werden in der Gesellschaft heute weitgehend tabuisiert.

Eva Herrmann

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