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Patrizia Pesenti: Das Tessin ist kein Sonderfall

Nach dem Abschluss des Rechtsstudiums an der Universität Zürich und 14-jähriger Tätigkeit als Jugendrichterin im Tessin wurde Patrizia Pesenti 1999 als zweite Frau in die Tessiner Kantonsregierung gewählt. Die junge Sozialdemokratin übernahm die Fürsorgedirektion, wo sie Akzente in der Familien- und Gesundheitspolitik setzte.

Über das Tessin kursieren seit jeher mindestens zwei Legenden: Die eine spricht von der Sonnenterrasse der Schweiz und bezeichnet uns als grosszügige, gesellige und kreative Leute. Die andere hingegen sieht in den Tessinerinnen und Tessinern faule, skrupellose und mit Schwächen behaftete Menschen, die zu Intrigen neigen. Legenden sind bekanntlich langlebig.

In Wirklichkeit vergrössert jeder Versuch, das Tessin in eine Definition hinein zu zwingen, die Distanz zur übrigen Schweiz und macht es zu etwas Aussergewöhnlichem. Das Tessin ist jedoch kein Sonderfall. Richtig ist, dass sich das Tessin im Wandel befindet - wie übrigens die ganze Schweiz - und dass die Wirklichkeit zu komplex und zu unberechenbar ist, um eine klare Beurteilung zu ermöglichen. Das Tessin will kein Sonderfall sein, ebenso wenig wie die Schweiz.

Die Geschichte zeigt uns - sofern wir uns ernsthaft damit befassen und uns von den Legenden nicht aus dem Konzept bringen lassen -, dass wir in der Schweiz und auch im Tessin nicht deshalb einen hohen Lebensstandard und Unabhängigkeit erlangt haben, weil wir ein Sonderfall sind, sondern weil wir hart gearbeitet haben: für eine tragfähige Konkordanz zwischen verschiedenen Ideologien, Interessen und Sprachregionen.

Dieses Ziel haben wir erreicht, weil wir den Lebensbedingungen der Bevölkerung seit jeher grosse Aufmerksamkeit geschenkt haben. Unsere Vorfahren haben auf die Verbesserung des Lebensstandards gesetzt, nicht im Sinne eines kurzfristigen materiellen Forschritts, sondern in Form einer guten Ausbildung und Gesundheit. Die Schweiz hat schon lange begriffen, dass in einem Land, das keine natürlichen Ressourcen besitzt, der Erfolg in den menschlichen Ressourcen zu suchen ist.

Die hohe Priorität des Bildungswesens ist in der schweizerischen Geschichte fest verwurzelt: Im Verlauf der Jahrhunderte hat unser Land eine eigenständige pädagogische Tradition entwickelt (man denke nur an Rousseau, Pestalozzi oder Piaget). Dies trifft auch auf das Gesundheitswesen zu: Die Idee des Roten Kreuzes, dieser humanitärsten aller gesundheitsorientierten Einrichtungen, wurde in der Schweiz geboren und von ihr mit Begeisterung in die ganze Welt hinaus getragen.

Der Historiker Jean François Bergier hat vor einigen Jahren geschrieben, der Mensch sei seit jeher der Massstab der schweizerischen Gesellschaft gewesen, die aus kleinen und solidarischen Gemeinschaften bestehe, in der jeder und jede Einzelne eine Funktion erfülle. Dahinter stecke die Idee einer auf dem Willen begründeten Nation - einem Willen, der auf Bildung angewiesen sei. Mit dieser Schweiz kann ich mich problemlos identifizieren: Mit jener Schweiz, die auf eine bedeutende moralische, humanistische und humanitäre Tradition zurückblickt.

Und das Tessin? Das Tessin hat sich in dieser Tradition stets wiedererkannt - manchmal seiner Zeit voraus, manchmal mit Unterstützung durch den Bund. Mit der Fragilität jener, die ihre ersten Schritte in Armut und Abhängigkeit tun mussten - aber auch mit dem Enthusiasmus jener, die es weit bringen wollen.

Patrizia Pesenti

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