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"Bin Ladens Tod ist wie das Ende einer Phase"

Am Ground Zero in New York haben sich Tausende eingefunden, um zu feiern.

(Keystone)

Der Tod von Osama Bin Laden, dem meistgesuchten Terroristen der Welt, habe symbolisches Gewicht, bedeute aber nicht das Ende des Terrornetzwerks Al-Kaida, sagt die schweizerisch-jemenitische Politologin Elham Manea gegenüber swissinfo.ch.

Bin Laden, der als der Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001 gilt, wurde nach Worten von US-Präsident Barack Obama von US-Spezialisten in seinem Versteck nahe der pakistanischen Hauptstadt Islamabad getötet.

swissinfo.ch: Welches war Ihre erste Reaktion, als Sie diese Nachricht hörten?

Elham Manea: Erleichterung. Es tönt vielleicht komisch. Aber die Tatsache, dass jetzt, wo in arabischen Ländern eine Art Frühling herrscht und Bestrebungen nach Freiheit im Gang sind, diese Nachricht kommt, ist für mich wie das Ende einer Phase.

swissinfo.ch: Israel, Grossbritannien, Deutschland und andere westliche Länder reagieren mit Erleichterung, in den USA wird gejubelt und gefeiert. Ist dieser Tod des Topterroristen ein Erfolg im Kampf gegen den Terrorismus? Wird die Welt jetzt sicherer?

E.M.: Es ist bestimmt ein Erfolg im Kampf gegen den Terrorismus. Der Tod hat eine symbolische Bedeutung. Gleichzeitig muss man sehen, dass Osama Bin Laden nur eine Person ist. Eine Person, die in letzter Zeit nicht stark direkt involviert war in die Planung terroristischer Anschläge. Sein Tod bedeutet nicht, dass diese Operationen, diese Terroranschläge jetzt enden.

swissinfo.ch: Was bedeutet sein Tod für die Zukunft des Terrornetzes Al-Kaida?

E.M.: Sein Tod bedeutet nicht das Ende von Al Kaida. Er war eine sehr wichtige Person mit  einer grossen Überzeugungskraft. Mit seinem Charisma fiel es ihm leicht, verzweifelte Menschen zu rekrutieren. Al-Kaida wird durch seinen Tod bestimmt geschwächt.

Andererseits muss man sehen, dass in letzter Zeit viele terroristische Anschläge eher von kleinen Organisationen und Gruppierungen verübt wurden, die zwar von Al-Kaida inspiriert waren, aber die Befehle nicht direkt von ihr erhielten.

swissinfo.ch: Werden auch die Taliban in Afghanistan durch den Tod Bin Ladens geschwächt?

E.M.: Das denke ich nicht. Die Taliban sind eine Bewegung, die in Afghanistan mit Hilfe Pakistans aufgebaut wurden. Hier sind verschiedene Stämme involviert. Der Einfluss des Todes von Bin Laden wird gering sein.

swissinfo.ch: Die arabische Welt ist seit einigen Monaten im Umbruch, etwa in Tunesien, Ägypten, Jemen und Syrien. Wird sich der Tod Bin Ladens auf den so genannten arabischen Frühling auswirken?

E.M.: Es ist eine positive Entwicklung, auch wenn es mir lieber wäre, Osama Bin Laden hätte sich für seine Verbrechen vor Gericht verantworten müssen.

Der Umbruch im arabischen Raum führt zu einer Hoffnung, die vorher nicht spürbar war. Man könnte auch sagen, dass diese Hoffnung eine Art Todesurteil für die Rekrutierung von Al-Kaida-Mitgliedern bedeutet. Die Terroristen und ihr Extremismus haben an Nährboden für ihre Ideologie eingebüsst. Die Al-Kaida wurde durch den arabischen Frühling also eher geschwächt.

swissinfo.ch: Könnten islamistische Kräfte denn jetzt nicht Aufwind erhalten, weil der Tod Bin Ladens gerächt werden soll?

E.M.: Es ist damit zu rechnen, dass aus Rache weitere Terroranschläge verübt werden. Ich kann mir vorstellen, dass in Teilen von Afghanistan und Pakistan, aber auch in Jemen, wo Bin Ladin viele Anhänger hat und sein Mentor Scheich Zindani lebt, manche Leute sehr wütend auf seinen Tod reagieren werden.

swissinfo.ch: Bin Laden hat jemenitische Wurzeln. In welchen Verhältnissen ist er aufgewachsen?

E.M.: Er ist in sehr reichen Verhältnissen aufgewachsen und kommt aus einem privilegierten Umfeld. Sein Vater stammt aus Hadramaut, einer Provinz im Südjemen, und ist nach Saudiarabien ausgewandert , wo er  sich ein Milliardenvermögen erwirtschaftet hat.

Wegen seiner Nähe zu Scheich Zindani, der auch in Saudiarabien gelehrt hat, hatte Osama Bin Laden sehr starke Verbindungen nach Jemen.

swissinfo.ch: Wie kam es , dass Bin Laden sich mit den Jahren zum Topterroristen wandelte?

E.M.: Er verkehrte in entsprechenden Kreisen. Es ist aber auch historisch bedingt. Während des Kalten Krieges, als die Sowjetunion Afghanistan besetzte, haben die USA mit Saudiarabien zusammengearbeitet. Dabei war Religion eine Waffe, aber nicht irgendeine Religion, sondern eine sehr radikale saudische Interpretation des Islams.

Bin Laden war bei der Rekrutierung von Mitgliedern dabei und hat in Afghanistan Erfahrung in Logistik und Kampf erworben. Als dann die Sowjetunion als Feind Nummer 1 wegfiel, wurden die USA zur Zielscheibe.

Reaktion Schweiz

Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey hat die Tötung des Terroristen-Chefs Osama Bin Laden als "gute Neuigkeit" begrüsst. Die Schweiz verurteile jeglichen Terrorismus aufs Schärfste und heisse konkrete Aktionen gut, die darauf ausgerichtet seien, die Strukturen und Aktionen des internationalen Terrorismus zu beenden.

Osama Bin Laden und seine Organisation seien Akteure eines blindwütigen und brutalen Terrorismus, der Tausende von Toten gefordert habe. "Meine Gedanken sind in diesem Moment bei den Opfern und ihren Familien," erklärte Calmy-Rey, die derzeit in Tunis weilt am dreitägigen Treffen der Schweizer Botschafter in Nordafrika und im Nahen Osten.

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Einschätzungen von Albert Stahel

Laut Albert Stahel, Strategie-Experte der ETH Zürich, wird Bin Laden nun zum Märtyrer, quasi in den Stand der Heiligen gehoben. "Sein Tod ist ein Signal an den Rest von Al-Kaida und soll den Mitgliedern Triebkraft für weitere Aktionen sein." Stahel rechnet mit Racheakten, insbesondere gegen US-Institutionen und US-Bürger.

Für die USA sei die "Nach-9/11-Periode" nun vorbei, die US-Operation in Afghanistan bald abgeschlossen. "Präsident Obama kann jetzt sagen: 'Wir haben Al-Kaida besiegt und können uns aus Afghanistan zurückziehen'."

 

Der Schweizer Strategie-Experte vermutet, dass es zwischen den Pakistani und den Amerikanern einen Deal gegeben hat. "Denn ohne die Pakistani wären solche Operationen nicht möglich."

Bin Laden sei solange nicht gefasst worden, weil er von Pakistan beschützt und auch als Druckmittel gegenüber den Amerikanern verwendet worden sei, um mehr Einfluss zu haben.

Nun habe man Bin Laden aufgebeben und vermutlich eine Gegenleistung verlangt, so Stahel. "Ich habe den Eindruck, dass der US-Rückzug aus Afghanistan eine wichtige Rolle spielt. 2014 – der Beginn des US-Truppenabzugs – ist ein wichtiger Faktor, den man nicht vergessen sollte."

Interview: Simon Bradley, swissinfo.ch

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