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"Der Wechsel ist jetzt!" Hollande gewählt, aber vor allem Sarkozy abserviert

Vom "Labrador Mitterrands" zum strahlenden, neuen Präsidenten Frankreichs: François Hollande.

Vom "Labrador Mitterrands" zum strahlenden, neuen Präsidenten Frankreichs: François Hollande.

(Keystone)

Vom unterschätzten Parteisoldaten zum Präsidenten Frankreichs: Der Sieg François Hollandes hat in der Schweizer Presse auch Staunen ausgelöst. In erster Linie aber hätten die Franzosen den bisherigen Amtsinhaber Nicolas Sarkozy abgestraft.

Mit 51,6% der Stimmen wurde Hollande am Sonntag zum ersten sozialistischen Präsidenten Frankreichs seit dem Sieg François Mitterrands 1981 gewählt. Sarkozy unterlag mit 48,4%.

"Der Mai 2012 ist nicht der Mai 1981", warnt La Liberté angesichts schwacher Zahlen der französischen Wirtschaft, Rekordschulden, hoher Arbeitslosigkeit, Herabstufung durch die Rating-Agenturen, Misstrauen der Märkte, Steuerflucht und europäischem Schlamassel, so die Zeitung aus Freiburg.

Man habe ihn "Pudding", "den grossen, weichen Bösen" oder "Kapitän Pedalo" genannt, heute sei er ein "Judoka", der als "neue, ruhige Kraft" gefeiert werde, so Le Temps.

Für den Express de Neuchâtel haftet dem Sieg Hollandes der grosser Makel an, dass er auf der Ablehnung des Konkurrenten beruhe.

"Recht zu enttäuschen" 

Mit Blick auf die riesigen Herausforderungen, die auf Hollande warten, habe dieser "das Recht zu enttäuschen", so 24 Heures und die Tribune de Genève. "Ein neues Gesicht erscheint, gefolgt von oft widersprüchlichen Hoffnungen. Darauf folgt die Zeit der Desillusionierung."

"François Hollande im Elysée – ein erwartetes und doch erstaunliches Wahlergebnis", so die Südostschweiz. "Er legte einen fehlerlosen Wahlkampf hin und wuchs in dem entscheidenden TV-Duell über sich hinaus. Eine erstaunliche Metamorphose."

Ausschlaggebend sei aber der Unmut über Sarkozy gewesen. "Der Amtsinhaber erhielt die Quittung für fünf Jahre Polit-Narzissmus: Ständig auf sich bezogen, darf sich der Präsident nicht wundern, dass die Franzosen die Wahl in ein Plebiszit für oder gegen seine Person verwandelten. Und es fiel klar gegen ihn aus", so die Südostschweiz.

"Die Überraschung Hollande", titelt die Neue Zürcher Zeitung und schiebt nach: "Ein Politiker aus der zweiten Reihe wird zum Ersten der Franzosen gekürt." Wie eine reife Frucht sei ihm die Macht in den Schoss gefallen, so die NZZ.

Doch Hollande müsse rasch Zeichen setzen, fordert die liberale Zeitung. Es warteten die Sanierung der Staatskasse, die Vorlage eines glaubwürdigen Finanzprogramms und konstruktive Mitarbeit bei der Bewältigung der Euro-Krise.

"Französischer Schröder" 

Dringender Handlungsbedarf besteht auch für die Aargauer Zeitung. Frankreich ziere sich vor notwendigen Reformen, die andere grosse EU-Staaten bereits beschlossen hätten. Hollande müsse nun den französischen Arbeitsmarkt modernisieren und den Staatshaushalt sanieren. "Frankreichs neuer Präsident muss zum französischen Schröder werden", fordert die Aargauer Zeitung.

"Adieu Sarkozy, bonjour Hollande", grüsst die Basler Zeitung. "Tout sauf Sarkozy", alles ausser Sarkozy, habe das Motto an der Urne gelautet. "Sarkozy hat das Präsidentenamt bis zum Exzess personifiziert und sich derart in den Mittelpunkt gerückt, dass er sich am Ende über Anfeindungen nicht wundern darf."

Die BaZ gibt aber Hollande Kredit: "Allein schon mit seiner Wahlkampagne und seiner Forderung nach einem Wachstumspakt hat er aber auch in der EU einiges in Bewegung gebracht. Darauf wird er pochen, um noch weitergehen zu können."

"Die Franzosen haben Nicolas Sarkozy abgewählt. Diskussionslos", schreiben DerBund und Tages-Anzeiger. "Als Folge davon, man muss es so formulieren, haben sie François Hollande gewählt. Den anderen. Fast zufällig, jedenfalls nicht enthusiastisch."

Die Befürchtung, die Wahl des Sozialisten werde die Reformbemühungen in Europa zum Stocken bringen, sei unbegründet. "Er wird den Sparkurs Europas nicht unterminieren. Er wird ihn aber um eine Wachstumskomponente korrigieren wollen."

"Fast schon eidgenössischer Politiker" 

"Sarkozy wurde für seine Energie gelobt. Geliebt wurde er nie: zu arrogant, zu streitsüchtig, zu hektisch – und zu nah bei den Reichen", schreibt der Blick.

"Auf dem Elysée-Palast wird jetzt nicht die rote Fahne gehisst. François Hollande ist ein massvoller Mann. Sein Politik-Stil ist fast schon gut eidgenössisch zu nennen: Auch er will die Staatsschulden abbauen – aber mit anderen Mitteln als Sarkozy oder Merkel."

Der Sieg des Sozialisten sei "weniger ein persönlicher Triumph des immer etwas verkrampft wirkenden Hollande als eine Abkehr einer knappen Mehrheit vom snobistischen und an Eskapaden reichen Regierungsstil von Nicolas Sarkozy", schreibt auch das Bündner Tagblatt.

"'Mitterrands Labrador' jagt Sarkozy aus dem Elysée", tönt es von der Berner Zeitung. Sarkozys Vorgänger Chirac habe Hollande einst verächtlich "Mitterrands Labrador" genannt, der linke Konkurrent Jean-Luc Mélenchon ihn jüngst ein "Batteriehuhn" geschimpft. "Jetzt übernimmt der Labrador im Elysée das Kommando."

swissinfo.ch


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