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"Ein Tsunami von Verzweifelten wird Europa erreichen"

Der Patriarch der griechisch-melkitischen Katholiken von Damaskus hat in Lugano vor dem Hintergrund des Krieges in seinem Land einen Hilferuf lanciert. Grégoire III Laham hat die Schweizer Bischöfe beauftragt, eine Bischofskonferenz mit dem Ziel einzuberufen, den Frieden in der Heimat des Christentums wieder herzustellen.

"Alle Menschen im Nahen Osten sind bedroht": Der Patriarch der griechisch-melkitischen Katholiken von Damaskus Grégoire III Laham.

(AFP)

 Der Patriarch kam direkt aus Rom, wo er an der Synode der katholischen Kirche teilgenommen hatte. Im Jahr 2001 hatte Grégoire III Laham den damaligen Papst Johannes Paul II in Damaskus empfangen und in eine Moschee geführt, was eine Premiere war.

In Lugano war er Gast des Kollegiums Pius XII in Lugano und Hauptredner an einer Tagung zur Situation der Christen im Nahen Osten, die von der kürzlich im Tessin gegründeten Vereinigung "Christen ohne Grenzen" organisiert wurde. In seiner Rede lancierte Grégoire III einen Hilferuf. "Ein regelrechter Tsunami wird Europa erreichen, ein Strom von Verzweifelten und Verfolgten, die vor dem Krieg und dem Terror des Islamischen Staates flüchten. Um die Flut einzudämmen, die eine Gefahr für das säkulare Europa darstellt, müssen sich die Christen und die moderaten Muslime der ganzen Welt vereinen und den Frieden wieder herstellen. Nur eine interreligiöse und internationale Koalition kann stärker sein, als die Bomben."

Friedliches Zusammenleben gefährdet

Syrischer Bürgerkrieg

Seit Beginn des Bürgerkriegs in Syrien während den Wirren des arabischen Frühlings im Jahr 2011 haben 250'000 Menschen ihr Leben verloren. Darunter sind zwischen 3000 und 4000 Christen.

50% der syrischen Ärzte sind nach Europa ausgewandert (insbesondere nach Deutschland). Mehr als vier Millionen Syrer sind aus ihrem Land geflohen.

Das syrische Regime und der Islamische Staat haben zahlreiche Massaker, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen. Die ehemalige Bundesanwältin Carla Del Ponte wurde von der UNO beauftragt, die Verbrechen zu untersuchen.

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Grégoire III Laham, ein im Libanon geborener Syrer, der sich fliessend in verschiedenen Sprachen – darunter italienisch und französisch - ausdrückt, rief Syriens Bedeutung in der Geschichte des Christentums, das in Damaskus geboren wurde, in Erinnerung. Das Assad-Regime habe seit jeher den Christen in Syrien die Freiheit der Religionsausübung garantiert. Doch mit dem Aufkommen der muslimischen Kämpfer sei das Leben der Christen gefährdet.

"In Homs wurden zahlreiche Christen massakriert. Im Norden Syriens wurden 33 von aramäischen Christen bewohnte Dörfer zerstört. Zahlreiche Kirchen wurden verwüstet. Seit Beginn des Bürgerkriegs vor fünf Jahren hält uns nur unser ausserordentlicher Glaube am Leben."

Doch Grégoire III denkt nicht lediglich an die Christen im Nahen Osten. Er zeigt sich auch solidarisch mit den moderaten Muslimen, die unter dem Terror-Regime leben müssen. "Alle Menschen im Nahen Osten sind bedroht. Wir erleben eine Art  Dritter Weltkrieg, und wir müssen gemeinsam daran arbeiten, um diese Tragödie zu beenden, die sich auf Europa und die ganze Welt auswirken kann. Das Zusammenleben der Völker und die Perspektiven für die kommenden Generationen in der ganzen Region sind gefährdet."

Da es der internationalen Gemeinschaft bisher nicht gelungen sei, die "barbarischen und unmenschlichen Extremisten" zu besiegen, ist der Patriarch bei den schweizerischen und europäischen Bischöfen vorstellig geworden, damit sie zusammen mit den moderaten Muslimen allen Syrern zu Hilfe eilen und dem Krieg ein Ende setzen. "Nur die Rückkehr zum Frieden kann den Flüchtlingsstrom eindämmen, der auch Europa bedroht. Sonst bedroht der Terrorismus auch die westliche Welt".

Dank an die Schweiz

Melkitische Kirche

Die Melkitische Griechisch-katholische Kirche ist eine Rituskirche der römisch-katholischen Kirche und gehört zu den Katholischen Ostkirchen.

Die Kirche zählte 2010 rund 1,6 Millionen Gläubige, die Bistümer befinden sich in Ägypten, Argentinien, Australien, Brasilien, Israel, Jordanien, Kanada, Mexiko, USA und Venezuela.

Die Mehrzahl der Bistümer liegt im Libanon mit sieben Eparchien sowie in Syrien mit vier Eparchen und dem Sitz des Patriarchen in Damaskus.

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Grégoire III hat der Schweiz und den europäischen Ländern für "den Empfang, den sie den Syrern bereiten" gedankt. Der Patriarch beschränkt sich nicht auf Worte. Von Damaskus aus hat er monatlich Spenden im Umfang von 50'000 US-Dollar für die direkte Hilfe (Nahrung, Medikamente, Wiederaufbau zerstörter Häuser) an die Flüchtlinge gesammelt.

Seine Rede in Lugano, die einen lang anhaltenden Applaus auslöste, schloss der Patriarch mit den Worten: "Wir melkitischen Katholiken sind Araber, aber keine Muslime, orientalisch, aber nicht orthodox, katholisch, aber nicht lateinisch. Und ich erinnere daran, dass Christen auf der ganzen Welt verfolgt werden. Was zurzeit in gewissen schwarz-afrikanischen Ländern passiert, ist noch schlimmer als das, was wir im Nahen Osten erleben. Vergessen wir nicht, dass die Teilung der westlichen Welt die Macht der radikalen Islamisten noch verstärkt."


(Übersetzt aus dem Französischen: Andreas Keiser)

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