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Politischer Diskurs Wortgefechte auf Speed

Blick von oben auf einen Tisch, belegt mit Gläsern, Salzstängeli und Händen.

Speed Debating in Luzern: Bei Wasser und Bier lernen junge Menschen sich auszudrücken, zuzuhören und auf andere einzugehen.

(swissinfo.ch)

Speed Debating ist wie Speed Dating. Nur findet man nicht die neue Liebe, sondern neue Argumente. Im Jugendkulturzentrum in Luzern haben 24 Jugendliche in schnellen Wechseln über die Abgründe von Social Media diskutiert. Eine kleine Schule der Demokratie.

"Viele Likes bedeuten für mich ein Glücksgefühl", sagt eine junge Frau mit blonden Haaren. Die anderen nicken. "Ja", pflichtet ihre Sitznachbarin bei, "Likes sind eine Art Zustimmung. Aber deswegen ist man noch lange nicht narzisstisch, finde ich." Ein Wecker läutet. Die Zeit ist um.

Narzissmus in den Social Media, das ist eines der Themen an einem von fünf Holztischen im Jugendkulturzentrum Luzern, die garniert sind mit halbvollen Biergläsern und ein paar Wasserkaraffen. 24 Jugendliche zwischen 15 und 19 Jahren sitzen hier, wo sonst Hip-Hop-Konzerte oder Partys stattfinden, um sich in die politische Debatte zu stürzen – an einem Anlass, der die Schnelligkeit ihrer Generation aufnimmt.

"Jeder muss selber entscheiden"

Das Grundkonzept von Speed Debating ähnelt jenem von Speed Dating, also dem Kennenlernen potenzieller Beziehungspartner innert kurzer Zeit. Beim Speed Debating flirtet man hingegen nicht mit Menschen, sondern ungezwungen mit neuen Themen und der Politik. Der Debatte auf die Sprünge helfen Freibier und pro Tisch eine Moderatorin und ein Experte, der bei Bedarf die Hintergründe aufzeigt.

So sitzt da an einem Tisch ein Journalist der Neuen Luzerner Zeitung. Die Gruppe erörtert das Thema Fake News. "Ich glaube nicht, dass ich mit Falschinformationen in Kontakt komme", sagt ein junger Student. Die Diskussion flammt auf, ob zugespitzte Boulevard-Storys bereits als Falschinformationen zu werten sind? Man einigt sich – schnell – auf die Eigenverantwortung. "Jeder muss das selber entscheiden", sagt ein junger Mann mit Kapuzenpullover. Der Journalist wirft ein: "Dazu müssen wir aber erst die Kompetenz entwickeln." Der Wecker läutet. Doch die Jugendlichen stehen nicht auf, sie wollen weiter diskutieren.

"Sie lernen, wie man ein Zündholz benutzt. Damit können sie aber noch kein Feuer entzünden."

Rolf Gollob, Professor PH Zürich

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Mehr Gespräch als Gefecht

Speed Debating wird weltweit in verschiedenen Formen angewendet. In der Schweiz hat das Jugendparlament des Kanton Genf das Projekt lanciert und neu konzipiert, wie der Dachverband der Schweizer Jugendparlamente schreibt. Anders als in seinen Ursprüngen ist Speed Debating losgelöst von der Schule und vom Wettkampfcharakter. Der Fokus liegt auf einem Austausch in einer kleinen Gruppe. Es soll mehr Gespräch sein als Gefecht. Dieses Gefäss stellt der Dachverband den Schweizer Jugendparlamenten zur Verfügung. Sieben der kantonalen Jugendorganisationen nutzen es im November und Dezember.

Es geht weiter. An einem der fünf Tische ist kein Thema vorgegeben, die Jugendlichen sprechen darüber, was sie gerade beschäftigt. Beispielsweise Cybermobbing. Dabei wird offenbar, dass diese Digital Natives gar nicht mal alle so früh mit der virtuellen Welt in Kontakt gekommen sind. Zwar haben einige schon in der Unterstufe Freunde auf Facebook gesammelt und einander SMS geschrieben. Doch viele besitzen erst seit der Oberstufe ein Smartphone. Ein Mädchen sagt: "Ich wurde in der Primarschule gemobbt. Glücklicherweise hatten wir da noch keine Handys, sonst wäre das noch viel schlimmer gewesen." Was gegen Cybermobbing zu tun ist, fragt der Moderator in die Runde. Sensibilisieren, finden die Jugendlichen. Und die Kinder möglichst lange vom Handy fernhalten. Dann läutet der Wecker.

Aus der Saat wächst die Freude

Es sind keine bahnbrechenden Ideen, die die jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer hier wälzen – was auch auf der Hand liegt: Viele diskutieren zum ersten Mal in einer solchen Runde. "Es geht nicht darum, dass sich eine politisch hochstehende Debatte entwickelt", sagt Patrizia Niederöst, Bereichsleiterin Jugendparlamente des Dachverbands. "Wir sehen es vielmehr so: Wir bringen jetzt die Saat aus, daraus wächst langfristig die Freude an der Debatte und an der politischen Partizipation."

Mit Blick auf die sehr tiefen Stimm- und Wahlbeteiligung der Menschen zwischen 18 und 25 Jahren beurteilt auch Andreas Glaser, Direktor des Zentrums für Demokratie Aarau, dieses Gefäss als grundsätzlich sinnvoll. "Der Kontakt mit der Politik muss über Formate geschehen, die die Jungen ansprechen. Parteiversammlungen, Buure-Zmorge oder 1.Mai-Feiern eignen sich hierfür offensichtlich nicht oder nicht mehr", sagt er. Dennoch bezweifelt er, dass die Partizipation damit auf breiter Front erhöht wird. "Es wurde schon sehr viel ohne Erfolg versucht. Man kann aber zumindest Einzelne abholen."

Glaser weist auch daraufhin, dass das politische System in der Schweiz grundsätzlich anders funktioniert als beim Speed Debating. "Gerade in der Schweiz ist der politische Prozess auf allen Ebenen von der Gemeinde bis zum Bund komplex und schwerfällig. Kollegialregierungen, Zweikammersystem, Vernehmlassungsverfahren oder Mehrsprachigkeit sind nur einige wenige Stichworte in diesem Zusammenhang. Es müsste also gerade gelingen, die Jungen hierfür zu begeistern. Dies dürfte die grosse Herausforderung sein."

"Beim Speed Debating lernen die Jugendlichen, wie man ein Zündholz benutzen kann. Damit können sie aber noch nicht gleich ein Feuer entzünden", sagt auch Rolf Gollob, Professor an der Pädagogischen Hochschule Zürich und Leiter von International Projects in Education. Demokratiekompetenz lässt sich laut Gollob in drei Felder zerteilen: Urteilskompetenz, Handlungskompetenz, Methodenkompetenz. Für letztere eröffnet Speed Debating ein ideales Übungsfeld. "Junge Menschen lernen sich auszudrücken, zuzuhören, auf andere einzugehen." Eigenschaften, die Menschen am Ende fähig machen, Entscheidungen zu treffen – und damit an demokratischen Prozessen teilzunehmen.

Eine demokratische Basis, die sich leise und ungezwungen im Kulturzenturm in Luzern bildet. "Heute habe ich erstmals ganz locker debattieren können", sagt eine junge Frau. Und ein junger Mann mit Brille und grauem Pullover findet: "Neu waren für mich nicht unbedingt die Argumente, sondern dass wir uns intensiv darüber ausgetauscht haben."

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