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Prozac für Kinder: Ein riskantes Spiel

Vor der Abgabe von Medikamenten sollte sich die Medizin bemühen, den Weg in die Depression zu ergründen. RTS

Der Entscheid der USA, die Verwendung von Antidepressiva für Kinder ab 7-8 Jahren zu erlauben, hat in Europa heftige Diskussionen ausgelöst.

Dieser Inhalt wurde am 27. Januar 2003 - 16:51 publiziert

Für Schweizer Kinderärzte und Psychotherapeuten stellt die Verabreichung von Pillen, um psychische Störungen zu beheben, eine Scheinlösung dar.

Depressionen, Hyperaktivität, Konzentrationsmängel, Auffassungs-Störungen, Ängste: Glaubt man den Statistiken, steht es um die Befindlichkeit der heutigen Kinder und Jugendlichen nicht zum Besten. Jedes zehnte Kind weist demnach starke Persönlichkeitsstörungen auf.

Lehrerinnen und Lehrer klagen über undisziplinierte Schüler, gestresste Eltern über die Unruhe im eigenen Heim. Gleichwohl ist die Bereitschaft der Erziehungsberechtigten, als Abhilfe Beruhigungspillen zu verabreichen, hierzulande sehr gering - vor allem im Vergleich zu den USA.

"Die amerikanische und die europäische, insbesondere lateinische Kultur unterscheiden sich sehr. In den USA handelt man sofort und greift daher schneller zur Arznei. Bei uns sucht man nach den Gründen, um zu verstehen, warum ein Kind depressiv ist", sagt Ferruccio Bianchi, Leiter des psychologisch-medizinischen Dienstes für Minderjährige in Lugano.

Gibt es mehr Fälle oder hat sich die Diagnostik verbessert?

Andreas Wechsler, Chefarzt für Pädiatrie am Regionalspital Lugano, hält es für einen medizinischen Rückschritt, Probleme von Kindern mit Psychopharmaka zu behandeln, welche auf der Ebene des zentralen Nervensystems aktiv werden.

"In den USA herrscht die Philosophie vor, Kinder funktional und normal zu machen, indem die Stimmung beeinflusst wird." Wechsler konnte sich selber davon überzeugen, als er im vergangenen Sommer an einer amerikanischen Universität arbeitete.

In der Schweiz gibt es keine detaillierten Zahlen, wie viele Kinder und Jugendliche Psychopharmaka einnehmen. Doch es herrscht der Eindruck vor, dass auch in der Schweiz die Fälle von Kinderdepression zunehmen. Möglicherweise hängt dies mit den verbesserten Diagnose-Methoden zusammen.

Kinder sind nicht Erwachsene in Miniatur

"Der Zuwachs an Fällen könnte tatsächlich mit der verfeinerten Diagnose zu tun haben", räumt Laurent Holzer von der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychologie an der Universität Lausanne ein.

"Bei kleinen Kindern äussert sich Depression häufig ganz anders als bei Erwachsenen, nicht unbedingt in Traurigkeit und Isolationsgefühl, sondern in Hyperaktivität und Aggression", sagt Holzer gegenüber swissinfo. Anders bei heranwachsenden Jugendlichen.

"Laut jüngsten Studien können Antidepressiva in diesen Fällen eine Hilfe geben", erklärt Holzer. Vor allem bei Suizidgefahr. "Der Selbstmord stellt leider nach wie vor eine der verbreitetsten Todesursachen bei Jugendlichen dar."

Mode-Arzneimittel

Gemäss Chefarzt Wechsler ist die Verabreichung von Prozac, genauso wie anderer Psychopharmaka, auf Extremfälle zu beschränken. Diese existieren, wie niemand bestreitet, sind aber äusserst rar.

"Wenn wir Prozac nur Patienten gäben, die es wirklich nötig hätten, wäre wohl keine Pharmafirma an der Herstellung interessiert."

In den USA wird die Depression zusehends wie irgendeine Krankheit behandelt, Diabetes oder Herz-Kreislauf-Probleme, die sich durch die Einnahme des richtigen Medikaments schnell behandeln lassen.

Zwar hat dieser Trend einerseits dazu geführt, die Depression als Krankheit zu "normalisieren", andererseits sind die verabreichten Medikamente keineswegs "Glückspillen", wie uns die Werbung weis zu machen versucht.

Kinder als neues Marktsegment

Einem Beteiligten hat Prozac sicherlich Glück gebracht: Der Produktionsfirma Eli Lilly. Im Scheitelpunkt des Erfolgs, als die Pille zu einer Art Ikone hochstilisiert wurde, betrug der Jahresumsatz 3 Milliarden Dollar.

Doch im letzten Sommer ist das Patent von Prozac ausgelaufen und die Verkäufe sind um fast 80 Prozent eingebrochen. Statt des Originals werden nun vor allem die billigeren Generika verschrieben, die auf dem selben Wirkstoff Fluoxetin basieren.

Ist es daher nur ein Zufall, dass einige Monate nach dem dramatischen Einbruch der Verkaufszahlen der potentielle Abnehmerkreis auf Kinder ausgeweitet wurde?

Es ist aber anzumerken, dass es in der Schweiz von Anfang an immer gewisse Vorbehalte gab, das medial hochstilisierte Prozac zu verschreiben. Deshalb griff man zu anderen Arzneien auf der Basis von Fluoxetin.

Kinderärzte und Psychologen sind sich in einer Sache einig: Man kann nicht einfach eine Medizin zur Behandlung anormalen Verhaltens verschreiben, ohne eine begleitende psychologische Behandlung durchzuführen.

Ansonsten versteht man nicht, dass die Kinder durch ihr Verhalten ein tiefes Unbehagen gegenüber ihrer Umwelt zum Ausdruck bringen.

swissinfo, Raffaella Rossello

Fakten

Prozac ist in der Schweiz unter dem Namen Fluctine im Handel.

Jährlicher Umsatz von Antidepressiva in der Schweiz: 230 Mio. Fr.

USA erlauben Verschreibung von Prozac für Kinder ab 7-8 Jahren.

Mögliche Nebenwirkungen: Gewichtsverlust, Überempfindlichkeit, Müdigkeit, Wachstumsstörungen

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In Kürze

Antidepressiva werden häufig im jugendlichen Alter verabreicht, wenn Heranwachsende unter psychologischen Problemen leiden.

Suizid ist unter jungen Menschen eine der häufigsten Todesursachen und steht statistisch noch vor Verkehrsunfällen.

Die Schweiz steht weltweit nach den skandinavischen Ländern an vierter Stelle in Bezug auf den Suizid von Jugendlichen.

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