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Rassismus mit Provokation bekämpfen

Böse Klischees - guter Willen.

Seit Anfang Oktober läuft eine Anti-Rassismus-Kampagne. Sie wirkt provokativ und sorgte umgehend für Reaktionen.

Auf jeden Fall sorgt die Kampagne für eine Diskussion über die Frage, wie Kommunikations-Mittel im Kampf gegen Rassismus eingesetzt werden dürfen oder sollen.

Der Zweck ist Provokation, der Ton Ironie: Seit einer Woche hängen an Schweizer Plakat-Wänden Illustrationen, die in einem provokativen Ton zu einem besseren Verständnis zwischen Mehr- und Minderheiten aufrufen. Die Aktion der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA) ironisiert auf burleske Weise Gemeinplätze und Vorurteile gegenüber anderen.

An sich nichts Neues: Vor allem die "Stopp Aids"-Kampagne sorgte dafür, dass man sich in der Schweiz an harte "Messages" auf öffentlichem Grund gewöhnte.

Doch diesmal geht es um den Kampf gegen Rassismus - einen Bereich, in dem die Sprache üblicherweise politisch korrekt bleibt. "Dies ist keine Gutmensch-Kampagne, sondern eine harte", sagt GRA-Präsident Sigi Feigel am Schweizer Fernsehen (SF DRS). "Wir greifen die Vorurteile auf, zeigen sie, geben aber auch eine Antwort."

So liest man auf dem Plakat neben dem Porträt einer Frau mit Kopftuch: "Wozu brauchen Türkinnen einen Müllsack?" Klein, unter dem Bild, steht die Antwort: "Um Abfall zu entsorgen, wie die meisten Schweizerinnen auch".

Ein anderes Sujet zeigt einen Klischee-Juden mit grosser Nase: "Wie kommen die Juden zu ihrem Geld?" Und klein darunter: "Mit Arbeiten, wie andere Leute auch."

Kampagne gefällt lange nicht allen



"Man wirft den Verteidigern der Menschenrechte oft vor, zu gutmütig zu sein", sagt Boël Sambuc, Vizepräsidentin der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR). Deshalb sei der Bruch mit dieser traditionellen Denkweise ein positiver Aspekt dieser Kampagne. Doch sie sieht darin auch Gefahren.

Denn die Sache gefällt lange nicht allen. Die Kampagne nutzt die rassistischen Klischees, um ihnen besser den Strick zu drehen. Das ist zumindest die Absicht. Doch was tun, wenn es beim Betrachter bloss beim oberflächlichen Erfassen des Klischees bleibt?

Nicht einig ist man sich auch über die Art, wie bei der Kampagne Ironie und karikierende Comic-Illustrationen gehandhabt werden.

Ausgerechnet vor den Parlamentswahlen



Die bürgerlichen Bundesratsparteien erachten die Kampagne als "unnötig", um nicht zu sagen kontraproduktiv. So lassen die Christdemokraten verlauten, dass "die ausgesuchten Sujets die Vorurteile eher zementieren anstatt sie zu verringern".

Im linken Politspektrum gibt man sich zufriedener: "Eine offensive Aktion, die zum Denken anregt", urteilt ein Mitglied der Sozialdemokratischen Partei gegenüber der Tageszeitung "Blick". Den Sozialdemokraten sei alles willkommen, was das Zusammenleben erleichtern oder zumindest zum Denken anregen könnte.

"Zufällig, aber nötig" laufe die Kampagne so kurz vor den Parlamentswahlen, sagt Michele Galicia von der Fachstelle für Rassismusbekämpfung vom Bund, gegenüber Schweizer Radio DRS. Im Vorfeld der Wahlen habe es "Inserate gegeben, die über die Grenze hinaus gehen". Er sei deshalb froh, dass sich private Kreise hier engagiert hätten.

Skepsis bei den "Secondos"

Die Kampagne hat offenbar auch weitere Politkreise überrascht – und schockiert. Der Zürcher mit afrikanischen Wurzeln, Andrew Katumba, kann sich im Comic-Bild des grossen Schwarzen mit den weissen Zähnen kaum wiedererkennen. Der Marketingprofi, der für die Zürcher "Secondo"-Liste als Nationalrat kandidiert, findet, dass "diese Kampagne die Vorurteile nur noch verstärkt".

"Obschon die Absicht löblich ist", urteilt der Kunst- und Bild-Soziologe Jean-Pierre Keller von der Universität Genf, "fürchte ich, dass die Kampagne zweischneidig wirkt". Eine Gruppe mit einem Stereotyp zu assoziieren heisse, den Finger auf das Stereotypische zu legen. "Da mag sich mancher sagen: Ohne Rauch kein Feuer."

Ausserdem hört man zahlreiche Vorwürfe, wonach die korrigierenden Antworten auf die provokativ gross geschriebenen stereotypischen Sprüche in zu kleiner Schrift gedruckt seien. Es brauche ein scharfes Auge, um zu begreifen, was als wirkliche Botschaft dahinter stecke.

Der Zweck heiligt die Mittel

Die Autoren der Kampagne jedoch wollen mit der Provokation die Aufmerksamkeit erregen und die Debatte anheizen. Auch EKR-Vizepräsidentin Cécile Bühlmann sagt gegenüber swissinfo: "Wichtig ist, dass die Debatte lanciert ist."

Was ja gelungen ist. Die Presse berichtete und kommentierte ausführlich, und die Plakatsujets wurden vielfach abgedruckt.

Eine nötige Kampagne



Trotz einer Skepsis gegenüber dieser Kampagne bekräftigt man im Sekretariat der Stiftung GRA: "Die Reaktionen zeigen, dass die Kampagne sehr wohl nötig ist."

Diese Einschätzung teilt auch Cécile Bühlmann: "Um die Schweiz mit Plakaten zuzupflastern braucht es Geld. Aber es funktioniert, was bewiesen ist." Die Kampagne kostete rund 600'000 Franken.

"Dies ist ein Instrument, das die Aktivitäten der Eidgenössischen Kommission und von Gruppen wie der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus vervollständigt", sagt Bühlmann.

Die Bilder der rassistischen Kollektiv-Vorurteile ändern sich konstant. Einst waren es Italiener und Spanier. Doch heute, "integriert oder nicht, machen diese beiden Gruppen inzwischen einen Teil der Gesellschaft aus", sagt Bühlmann.

Gute Absichten seitens einzelner Ausländer genügten da nicht, sagt die EKR. Im Gegenteil, man wisse, dass auch eine gute Integration den Opfern nicht erspart, verbal angegriffen zu werden.

"Oft richten sich ausgerechnet jene gegen Asylanten oder Juden, die sie nie gesehen haben. Hier wird wahllos geschossen. Darin liegt genau die Schwierigkeit in der Prävention. Um jemanden zu diffamieren, braucht man ihn nie gesehen oder gespürt zu haben", sagt Bühlmann. "Man hat ja Vorurteile."

swissinfo, Alexandra Richard und Daniele Papacella
(Aus dem Französischen und Italienischen von Alexander P. Künzle)


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