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Schweizer Banken "Wir können nicht mehr nur in der Schweiz auf Kunden warten"

Luxuriöser Tresorraum in einer Bank

2017 erreichten die von Schweizer Banken verwalteten Vermögenswerte wieder jenes Niveau, auf dem sie sich vor der Finanzkrise 2008 befanden.

(© Keystone / Gaetan Bally)

Die Ära des Bankgeheimnisses ist für den Schweizer Finanzplatz längst Vergangenheit. Doch auch ohne diesen "Konkurrenzvorteil" schaffen es die Schweizer Banken wieder, ausländische Kundengelder anzuziehen. Wie erklärt sich Pascal Gentinetta, Direktor der Vereinigung der Vermögensverwalter, diesen Erfolg?

Das letzte Jahrzehnt war eine schwere Prüfung für den Schweizer Bankenplatz. Einerseits haben die Angriffe gegen das Bankgeheimnis, Ermittlungen und Gerichtsverfahren, Skandale und Rekordbussen dem Image der Schweizer Banken geschadet. Andererseits setzte auch die Finanzkrise dem Bankensektor zu und schwächte dessen Bedeutung für die Volkswirtschaft.

Zwischen 2007 und 2017 sank der Beitrag des Finanzplatzes zur Wertschöpfung und damit zum Bruttoinland-Produkt (BIP) um 17%, während das BIP um 16% zunahm. Nach jahrzehntelangem Anstieg verringerte sich auch die Zahl der Bankmitarbeitenden. Der Sektor beschäftigt in der Schweiz nur noch 3,5% der Erwerbstätigen.

Anteil der Schweizer Banken am Bruttoinland-Produkt

Grafik: Anteil der Schweizer Banken am Bruttoinland-Produkt

Trotzdem bleibt der Schweizer Bankenplatz einer der wichtigsten auf internationalem Niveau, namentlich im Bereich Vermögensverwaltung. Die Schweizer Banken verwalten immer noch mehr als 27% der grenzüberschreitenden Vermögenswerte und sind damit weltweit führend.

Seit 2017 verzeichneten sie sogar eine Zunahme von Geldern aus dem Ausland. Ist das der Anfang einer neuen Wachstumsperiode? Pascal Gentinetta, Direktor der Vereinigung Schweizerischer Assetmanagement- und Vermögensverwaltungs-Bankenexterner Link (VAV), analysiert die Situation.

swissinfo.ch: Im Verlauf des letzten Jahrzehnts gingen die Schweizer Banken, die auch international tätig sind, durch eine der schwierigsten Phasen ihrer Geschichte. Wie haben sie da wieder herausgefunden?

Pascal Gentinetta ist bei der Zürcher Bank Julius Bär verantwortlich für die Abteilung "Public Policy" und in dieser Funktion an die Vereinigung Schweizerischer Assetmanagement- und Vermögensverwaltungsbanken als Direktor delegiert.

Von 2007 bis 2013 leitete der aus dem Wallis stammende Ökonom den Wirtschafts-Dachverband Economiesuisse, der rund 10'000 Schweizer Unternehmen vertritt.

(© Keystone / Gaetan Bally)

Pascal Gentinetta: Wir erlebten und erleben immer noch eine beispiellose Transformationsperiode. Wenn man gewusst hätte, was alles auf sie zukommen wird, hätte vor etwas mehr als zehn Jahren wohl niemand auf die Fähigkeit der Schweizer Banken gewettet, all den Bedrohungen zu widerstehen und sich transformieren zu können.

Es gab eine grosse Finanzkrise, zahlreiche Regulierungen wurden eingeführt, der Schweizer Franken wurde stark aufgewertet, der Sektor sah sich mit einem Umfeld extrem niedriger oder sogar negativer Zinssätze konfrontiert und das Bankgeheimnis gegenüber dem Ausland wurde aufgehoben.

In diesem Jahrzehnt gab es einen bemerkenswerten Konsolidierungsprozess. Einige Banken sind verschwunden, andere wurden aufgekauft, während viele ausländische Banken ihre Filialen in der Schweiz geschlossen haben.

Das ermöglichte in der Schweiz gut verwurzelten Banken, die über eine klare Strategie verfügten, gut abzuschneiden. Ihre verwalteten Vermögen sind deutlich gestiegen. Dies ist das Resultat einer Ausdehnung ihrer Aktivitäten ins Ausland, die zu einem Rückgang der Mitarbeiterzahl in der Schweiz, aber zu einem starken Anstieg der im Ausland tätigen Personen führte.

Neue Regelungen zur Erhöhung der Eigenmittel führten zudem dazu, dass unsere Banken sicherer wurden, was aber nicht ohne Folgen für Rentabilität und Margen geblieben ist.

swissinfo.ch: Kann der Bankensektor nach diesem Konsolidierungsprozess nun ein neues Kapitel aufschlagen?

P.G.: Zwar haben wir viele grosse Umstrukturierungen hinter uns, aber wir bleiben in einer Phase der anhaltenden Transformation und grosser Herausforderungen wie etwa der Digitalisierung.

Der Bankensektor wurde zu einem Industriesektor wie alle anderen auch. Er muss sich ständig an ein sich veränderndes Umfeld anpassen. Der Vorteil, den das Bankgeheimnis bot, ist Vergangenheit.

swissinfo.ch: Weshalb kam es in den letzten Jahren zu einem massiven Kapitalzufluss aus dem Ausland, während das Bankgeheimnis aufgehoben wurde und die Schweiz auch den automatischen Informationsaustausch einführte?

P.G.: Diese Tendenz zeigt, dass der Erfolg der Banken auf verschiedenen wichtigen Faktoren der Wettbewerbsfähigkeit basiert. Zuallererst einmal eine international anerkannte Professionalität, die auf einem sehr leistungsstarken Trainingssystem basiert. Dazu kommt die Stabilität des Schweizer Rechtssystems, die so genannte Rechtsstaatlichkeit, was jenen, die uns ihr Vermögen anvertrauen, Sicherheit und die Einhaltung der geltenden Regeln garantiert.

Was in unserem Land selbstverständlich ist, ist in einigen Teilen der Welt, die von Korruption oder willkürlicher Beschlagnahmung von Eigentum betroffen sind, nicht immer der Fall.

Von Schweizer Banken verwaltete Vermögen

Grafik: Von Schweizer Banken verwaltete Vermögen

swissinfo.ch: Profitiert die Schweiz weiterhin indirekt vom Unglück anderer Länder?

P.G.: Wenn wir die Zahlen betrachten, spiegelt die Zunahme der verwalteten Vermögen hauptsächlich das Wachstum neuer Weltregionen wider. Denken wir etwa an Südostasien, angefangen mit China, wo die Zahl der wohlhabenden Menschen, die potenziell an Schweizer Bankdienstleistungen interessiert sind, deutlich zugenommen hat.

Im Verlauf der letzten Jahre sind die von unseren Banken verwalteten Vermögen auf Bankenplätzen wie Singapur damit deutlich gestiegen. Das gleiche Szenario gilt für den Mittleren Osten.

swissinfo.ch: Für die in der Vermögensverwaltung tätigen Schweizer Banken bleibt Europa der grösste Markt. Doch es ist ein Markt, zu dem die Schweizer Finanzinstitute nicht vollständigen Zugang haben.

P.G.: Das stimmt. In Europa ist der Bereich Vermögensverwaltung auch heute noch mit einem hohen Mass an Protektionismus konfrontiert. Es reicht dabei, an Italien zu denken. Das ist einer jener Aspekte, die uns am meisten Probleme bereiten.

Theoretisch gesehen, sollten Vermögensverwaltungs-Dienstleistungen in einer offenen und transparenten Wirtschaft wie jede andere normale Ware grenzüberschreitend abgewickelt werden können. Leider ist es der Schweiz nicht gelungen, früher Zugang zum europäischen Finanzmarkt zu erhalten. Doch ich gebe die Hoffnung nicht auf.

swissinfo.ch: Warum ist der freie Zugang zum europäischen Markt so wichtig? Die Schweizer Banken können doch in der Vermögensverwaltung mit ihrer spezifischen grenzüberschreitenden Tradition auch von der Schweiz aus eine europäische Kundschaft bedienen.

P.G.: Mit der Stärkung des Schweizer Frankens wurde klar, dass die Vermögensverwaltung eine echte Exportindustrie ist, die mit den gleichen Problemen wie jeder andere Exportsektor zu kämpfen hat.

Denn Bankdienstleistungen werden hauptsächlich in der Schweiz erbracht. Das generiert entsprechende Produktionskosten in Franken. Sowohl für Löhne wie auch Infrastruktur. Derweil aber bezahlen Kundinnen und Kunden mit Wohnsitz im europäischen Ausland oder weiter weg unsere Dienstleistungen in Euro oder anderen Fremdwährungen wie dem Dollar.

Das bedeutet, dass die starke Aufwertung des Schweizer Frankens im letzten Jahrzehnt zu einem deutlichen Anstieg der Produktionskosten von Bankdienstleistungen in der Schweiz geführt hat, wenn man mit der Konkurrenz in anderen Finanzplätzen wie Luxemburg vergleicht.

Deshalb können wir es uns nicht mehr erlauben, wie früher einfach zu warten, dass die Kundschaft zu uns in die Schweiz kommt. Die Erbringung von Bankdienstleistungen aus der Schweiz setzt gegenwärtig einen aktiven und ungehinderten Zugang zu den Märkten anderer Länder voraus.

swissinfo.ch: Zum jetzigen Zeitpunkt erhofft sich der Bankensektor, den Zugang zum europäischen Binnenmarkt mit den Verhandlungen über ein Rahmenabkommen mit der Europäischen Union (EU) zu verknüpfen.

P.G.: Wir unterstützen den Abschluss eines Rahmenabkommens als Voraussetzung für jede Diskussion mit der EU über Finanzdienstleistungen. Denn ohne eine solche institutionelle Vereinbarung erscheint es uns unrealistisch, dass der europäische Markt für Schweizer Banken geöffnet werden könnte. Zudem denke ich, dass eine Zusammenarbeit mit der EU im Bankenbereich auch im Interesse ihrer Mitglieder ist.

swissinfo.ch: Fortschritte in dieser Richtung sind jedoch unwahrscheinlich, bis der Streit um den Brexit endgültig beigelegt ist.

P.G.: Ohne Zweifel. Mit dem Brexit haben sich die Beziehungen zwischen Bern und Brüssel vom Pragmatismus zu einer bestimmten Form des Dogmatismus verändert. Im Kontext von sehr komplizierten Diskussionen mit London scheinen die Leitungsorgane in Brüssel nicht bereit zu sein, dem Finanzplatz City of London Zugeständnisse zu machen. Als Querschläger-Effekt würde deshalb jeder Fortschritt mit der Schweiz im Licht der Verhandlungen mit London gemessen werden.

Vermögensverwaltung

Die Vereinigung Schweizerischer Assetmanagement- und Vermögensverwaltungs-Banken vertritt die Interessen von 26 Finanzinstituten, die sich auf diesen Bereich für private und institutionelle Kunden spezialisiert haben.

Ihre Mitglieder verwalten Vermögenswerte im Wert von 1150 Milliarden Franken und beschäftigen 18'000 Personen, davon 11'000 in der Schweiz und 7000 im Ausland.

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(Übertragung aus dem Französischen: Christian Raaflaub)

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