"Madame", vom Ausbruch aus den Normen

Stéphane Riethauser und seine Grossmutter: Beide mussten sie um ihre Freiheit kämpfen. ldd

Um als Frau oder Homosexueller in einer von Männern dominierten Welt sich selbst sein zu können, muss man seine Fesseln abstreifen. Im Programm der Solothurner Filmtage erzählt der Dokumentarfilm "Madame" von Regisseur Stéphane Riethauser vom Kampf seiner Grossmutter für die Freiheit, sich selbst zu sein. Dieser Kampf ist auch seine Geschichte.

Stéphane Riethauser und Caroline kennen den Schmerz, nicht sich selbst sein zu können. Sie gehören zu jenen, die sich von den ideologischen Fesseln ihrer Zeit befreien und für ihre Freiheit kämpfen mussten. Caroline, weil sie eine Frau ist, zu einer Zeit, als Frauen keine Rechte hatten. Stéphane, weil er homosexuell ist, in einem konservativen Umfeld.

"Madame"

Der 2019 veröffentlichte Dokumentarfilm "Madame" von Stéphane Riethauser ist bereits um die Welt gegangen. Er wurde in vielen Ländern gezeigt, darunter Indien, Uruguay, Tschechien und Ungarn. Er wurde an mehr als 20 Festivals nominiert und gewann den ersten Preis beim Madrider Dokumentarfilmfestival.

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Anhand von Bildern aus den Familienarchiven liefert "Madame" ein Kreuzporträt des Genfer Regisseurs und seiner Grossmutter.

Caroline starb 2004 im Alter von 95 Jahren. Aufgewachsen war sie in einer armen Familie italienischer Einwanderer in der Genfer Gemeinde Carouge. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gehörte es sich nicht, sich scheiden zu lassen. Sie hat es dennoch gewagt – um sich von einer Zwangsheirat zu befreien. Frauen studierten und arbeiteten auch nicht. Caroline aber erarbeitete sich ein Vermögen durch den Handel mit seidenen Hüfthaltern, Antiquitäten und später in der Gastronomie.

Zwei Generationen später, in den 1970er-Jahren, wächst ihr Enkel Stéphane Riethauser in einem wohlhabenden Milieu in Genf auf. Er geniesst viele Privilegien: Er ist ein Junge, darf studieren und ist bestimmt dafür, später das Familienunternehmen zu übernehmen. In dieser Welt sind Jungs stark, weinen nicht, verführen Mädchen und vor allem: sind nicht homosexuell.

Die Geschichte des 48-jährigen Filmemachers und die seiner Grossmutter kreuzen sich: Beide treffen sie die Entscheidung, "sich nicht dem Diktat des Systems zu beugen, in dem sie aufgewachsen sind", sagt Riethauser. "Ich musste gegen die gleichen patriarchalen Strukturen kämpfen wie sie. Mir wurde klar, dass das Schicksal homosexueller Männer dem der Frauen ähnelt, die aus den Mustern der Männerherrschaft ausbrechen wollen", sagt er.

Homosexualität? Stéphane Riethauser (rechts) wuchs in einem Umfeld auf, in dem darüber nie ernsthaft geredet wurde. ldd

Der kleine Macho

"Der Mut des Geistes beherrscht die Stürme des Herzens", sagt Caroline, deren Stimme im Film manchmal durch die vielen Sprachnachrichten auf dem Anrufbeantworter ihres Enkels auftaucht. Während vielen Jahren ist es jedoch die Angst, die Riethauser bewohnt. "Ich bin der Rolle gerecht geworden, die von mir erwartet wurde. Ich lebte in der Angst, kein Mann zu sein. Ich litt darunter, nicht mich selbst sein zu können. Ich führte ein Doppelleben", sagt er im Voice-Over.

Während seiner Jugendjahre verstärkt er seine Bemühungen, "so männlich wie möglich zu sein" – aus Angst vor Ablehnung. Im Einklang mit der politischen Denkweise der Familie nimmt er konservative Positionen ein, setzt sich für die Anschaffung neuer Kampfflugzeuge ein und absolviert die Rekrutenschule. Mit seinen Freunden zögert er nicht, Frauen als "Schlampen" oder "verklemmt" zu bezeichnen und homophobe Bemerkungen zu machen. "Ich dachte, mit meinen Aussagen beweisen zu müssen, dass ich nicht schwul bin. Jungen bauen ihre männliche Identität gegen die weibliche und gegen die von Homosexuellen auf", sagt der Regisseur.

"Ich bin der Rolle gerecht geworden, die von mir erwartet wurde. Ich lebte in der Angst, kein Mann zu sein. Ich litt darunter, nicht mich selbst sein zu können. Ich führte ein Doppelleben."

Stéphane Riethauser

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Im Umfeld des jungen Riethausers wird über Homosexualität nicht gesprochen. Wenn sie erwähnt wird, dann um sich über "diese Weicheier" lustig zu machen oder sie grundlos zu beleidigen. "Das Tabu hätte gebrochen werden sollen, aber niemand hat mir je davon erzählt. Zu Hause hat man mir nichts gesagt. In der Schule hat man mir nichts gesagt. Es gab nichts im Fernsehen, nichts in den Medien", bedauert er.

Eine 180-Grad-Wende

Im Kino verliebt er sich heimlich in die hübschen Jungs, die er auf der Leinwand entdeckt. "Ich bin nach New York gegangen, um schwul zu sein", sagt einer von ihnen. Riethauser fliegt in die USA. "6000 Kilometer von der Schweiz entfernt konnte ich mich endlich ausdrücken. Als ich verstand, wer ich bin, habe ich das Leben mit mehr Freude wiederentdeckt", erinnert er sich. Die Fassade, hinter der er sich versteckt hat, beginnt zu bröckeln. Die Person, die er sich aufgebaut hat, verliert ihre Daseinsberechtigung. Und "der kleine Macho" mit politisch rechten Einstellungen wird zum linken "Schwulenaktivisten".

"Du bist so geboren. Du bist wie Jean Cocteau und Jean Marais, wie Yves Saint Laurent und Pierre Berger, wie mein Priester und mein Bankier", sagt ihm seine Grossmutter, als sie erkennt, dass er homosexuell ist. So überwindet Riethauser seine Angst, sie zu enttäuschen. "Mein Coming Out hat uns zusammengebracht. Sie sagte sich: 'Er gilt auch als Ausgestossener – ein Gefühl, das sie kannte", sagt der Regisseur.


Ihr ganzes Leben lang hat Caroline dafür gekämpft, ihre Unabhängigkeit zu leben. ldd

Eine Hommage an die Frauen

Damit öffnet sich ein neues Kapitel in der Beziehung zwischen Caroline und ihrem Enkel. Mit dem Camcorder, den sie ihm zu Weihnachten schenkt, beginnt er sie zu filmen. "Da ich mich ihr gegenüber geöffnet hatte, öffnete sie sich mir", stellt er fest. Vor der Kamera beginnt sie, die Geschichte ihrer Hochzeitsnacht zu erzählen, die sie im Oktober am Seeufer verbracht hat, weil "sie ihren Mann nicht wollte". Sie erzählt von der Vergewaltigung in der Ehe, von ihren beiden Scheidungen, von ihrem Führerschein (sie war die zweite Frau in Genf, die ihn bekam) und ihrem blühenden Geschäft.

Die gefilmten Berichte über diese Frau, die ihrer Zeit voraus war, sollten ursprünglich ihr Andenken innerhalb der Familie bewahren. Jahre später beschliesst Riethauser, sie mit den vielen Stunden Film zu kombinieren, die sein Vater gedreht hatte – ein Wirtschaftsprüfer, der davon träumte, Regisseur zu werden –, um daraus einen Dokumentarfilm zu machen. "Ich habe mich auf die Beziehung zwischen meiner Grossmutter und mir konzentriert, um über die Normen zu sprechen, die uns als Mädchen oder Junge prägen", sagt er.

"Madame" ist nicht nur eine Hommage an Riethausers Grossmutter, sondern an alle Frauen. Frauen, die er als Teenager manchmal beleidigt hat. "Ich mache mein mea culpa und werfe einen kritischen Blick auf meine Erziehung. Wir alle machen Fehler, und man muss sie bekennen können", sagt er.

>> Die Filmvorschau:

Auf der Seite der Freiheit

Als Kind fehlten Riethauser Informationen über Homosexualität. Diese Zeit ist vorbei und es wurden grosse Fortschritte erzielt. Aber "Homophobie manifestiert sich immer noch täglich", sagt der Regisseur.

Sie zeigt sich in Familien, die Mühe mit der Homosexualität ihres Kindes haben, auf Pausenplätzen, sie verbreitet sich über Beleidigungen und endet nicht selten in Gewalt. "Selbst in Berlin gibt es Homosexuelle, die jede Woche in der U-Bahn verprügelt werden. In der Schweiz halten männliche Paare aus Angst vor Übergriffen selten Händchen", sagt Riethauser.

Er setzt sich deshalb für die neue Strafnorm ein, die Homophobie unter Strafe stellt und über die am 9. Februar das Schweizer Stimmvolk zu befinden hat. "Wie der Slogan der Kampagne sagt, ist Hass keine Meinung. Ich bin auf der Seite der Freiheit: Lasst die Menschen leben, wie sie wollen!"

Die Eroberung der Freiheit steht im Mittelpunkt von "Madame". Eine Geschichte, die all jene anspricht, die sich weigern, dem von der Gesellschaft vorgegebenen Weg zu folgen.

Stéphane Riethauser

Stéphane Riethauser wurde 1972 in Genf als Sohn eines Schweizers und einer Deutschen geboren. Nach einem Jurastudium an der Universität Genf arbeitete er als Lehrer, Schwulenaktivist, Fotograf, Journalist, Übersetzer und Filmregisseur.

Er hatte sein Coming-Out im Jahr 1994. Zwischen 1996 und 1998 lebte er in New York und arbeitete für eine Vereinigung zur Verteidigung der Rechte von LGBTIQ. Im Jahr 2000 veröffentlichte er das Buch "À visage découvert", eine Sammlung von fotografischen Porträts über das Coming-Out. Zwischen 2003 und 2008 arbeitete er als Regisseur für das Westschweizer Radio und Fernsehen RTS. Im Jahr 2007 gründete er seine Produktionsfirma Lambda Prod. Seit 2009 lebt und arbeitet er als freier Regisseur und Produzent in Berlin. Sein erster Kurzfilm "Prora" wird 2012 veröffentlicht. Er gewann 15 Preise und wurde auf 130 Festivals gezeigt.

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