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Schweizer Muslime haben Angst vor "Hexenjagd"

Muslime beim Gebet in der Moschee bei Genf.

(Keystone)

Vertreter der muslimischen Gemeinden der Schweiz sehen Anzeichen einer "Hexenjagd" gegen ihre Glaubensgemeinschaft, zu der rund 300'000 Menschen gehören.

Ihre Angst folgt auf Medienberichte, dass auch in der Schweiz militante islamische Gruppen präsent sind.

"Es sind ein halbes Dutzend Organisationen, die in der Schweiz aktiv sind, darunter die palästinensische Hamas sowie die Front islamique tunisien und die Front islamique du Salut (FIS) aus Algerien", sagt Dominique Boillat, Sprecher des Bundesamtes für Flüchtlinge (BFF), gegenüber swissinfo. Er bestätigte damit einen Bericht der Westschweizer Zeitung "Le Temps".

Für eine Präsenz solcher Organisationen gibt es konkrete Anzeichen: Im Januar waren in der Schweiz acht Personen verhaftet worden – unter dem Verdacht, an den Vorarbeiten zu den Anschlägen von Riad (Saudi-Arabien) beteiligt gewesen zu sein. Einer der Festgenommenen wurde inzwischen wieder auf freien Fuss gesetzt.

Sensibilisierung nach dem 11. September



Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA hat auch die Schweiz den Kampf gegen radikale Islamisten verstärkt. "Seit damals sind wir sensibilisierter für das Phänomen. Wir führen auch mehr Kontrollen durch", so Boillat.

Besonderes Augenmerk richtet das BFF auf Asylsuchende, die unter Umständen in einer fundamentalistischen Miliz gekämpft haben. "Wenn wir einen Verdacht haben, dass solche Personen die Sicherheit des Landes gefährden könnten, informieren wir die Bundesanwaltschaft", erläutert Boillat das Vorgehen.

Solche Personen würden dann von der Polizei überwacht, weil sie Kontakte zu terroristischen Gruppen haben könnten.

BFF: Keine Hexenjagd

Den Vorwurf einzelner Vertreter der muslimischen Gemeinde, dass sich eine "Hexenjagd" abzeichne, weist BFF-Sprecher Boillat zurück. "Die Behörden führen keine Hexenjagd gegen die muslimische Gemeinde durch."

Der Eindruck, dass es sich um ein gravierendes Problem handle, sei falsch. "Es geht um eine sehr, sehr kleine Zahl von Leuten, und wir haben die Mittel, die Entwicklung zu kontrollieren."

Jürg Schertenleib, Sprecher der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH), hat zwar Verständnis dafür, dass die Behörden reagieren, wenn es eine Bedrohung gibt. Er warnt aber davor, den Eindruck zu schüren, dass die Schweiz ein Nest sei für Extremisten.

Man dürfe auch nicht vergessen, dass die Behörden in einigen Ländern zum Vorwand des Terrorismus griffen, um repressives Vorgehen gegen Oppositionelle zu rechtfertigen.

Islam und Extremismus – zwei verschiedene Dinge



Hafid Ourdiri, der Sprecher der Islamischen Kultur-Stiftung in Genf, erklärt, wegen vermehrter juristischer Verfolgung, Kontrollen und vor allem wegen negativer Berichterstattung in der Presse, befürchteten die Muslime in der Schweiz, dass Islam und Extremismus in Zukunft vermehrt in einen Topf geworfen werden könnten.

Es sei erschreckend, dass eine kleine, radikale Minderheit mit der grossen Mehrheit der Muslime vermischt werde. Das lasse die Angst vor einer neuen "Hexenjagd" aufkommen.

"Wenn solche Fanatiker wirklich existieren, dann schaden sie der Mehrheit." Aber zuerst müsse bewiesen werden, dass es solche Leute in der Schweiz wirklich gebe, so Ourdiri.

Wachsende Angst vor dem Islam

Auch die Direktorin des Kulturellen Instituts der muslimischen Frauen in der Schweiz, Nadia Karmous, zeigte sich sehr erstaunt darüber, dass es in der Schweiz radikale Organisationen geben soll.

Sie glaube nicht an eine Zunahme des islamischen Fundamentalismus in der Schweiz, sondern eher an eine Zunahme der Angst vor dem Islam. Für die Muslime auf der ganzen Welt sei dies umso bedauerlicher, als die Schweiz oft als Beispiel für positive Integration genannt werde, so Karmous weiter.

"Eine Gleichstellung von Islam und Extremismus arbeitet nur den Fanatikern in die Hände", unterstreicht Karmous.

"Hexenjagd" - aber nicht in der Schweiz

Die Muslime in der Schweiz stehen mit ihren Befürchtungen nicht allein da. Auch in andern Ländern löst das Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen mutmassliche Extremisten und Terroristen ähnliche Befürchtungen und Kritik aus, so etwa in Grossbritannien.

Ahmed Benani von der Universität Lausanne, ein Kenner der arabischen Welt, will nichts von einer "Hexenjagd" in der Schweiz wissen. In Ländern wie Syrien oder Jordanien habe der "Krieg gegen den Terror" unter Druck der USA aber Ausmasse einer "Hexenjagd" angenommen, ohne jeglichen Respekt für die Menschenrechte.

In Europa sei die Stimmung anders. "Und die Schweiz ist ein Rechtsstaat." Wenn jemand festgenommen werde, habe er das Recht auf einen Prozess und angemessene rechtliche Vertretung.

Verständnis für Ängste

Der Islam-Experte Reinhard Schulze von der Universität Bern versteht die Ängste der muslimischen Gemeinschaft. Von "Hexenjagd" zu sprechen sei verständlich, aber etwas übertrieben.

"Mein Eindruck ist, dass die Behörden die Lage etwas überspitzt darstellen und damit zum Eindruck beitragen, dass eine 'Hexenjagd' im Gang ist. Ich verstehe, dass sich die muslimische Gemeinschaft Sorgen macht."

Natürlich könne man nie ausschliessen, dass es auch in der Schweiz radikale Elemente gebe. Unter den rund 300'000 Muslime in der Schweiz rechne er mit vielleicht einem oder zwei Extremisten oder "Jihadis", so Schulze.

Die Mehrheit der Personen, die überwacht würden, seien aber seiner Ansicht nach keine wirkliche Gefahr für die Schweiz, da diese nicht Zielscheibe radikaler Gruppen sei. "Die Schweiz ist ein Fluchtort, kein Aktionsfeld."

Zu einfache Antwort

Auch für Yves Besson, Professor für internationale Beziehungen und Islam-Spezialist an der Universität Freiburg, ist klar, dass man die Muslime nicht mit den Extremisten gleichsetzen darf. "Das wäre eine zu einfache Antwort auf eine sehr komplexe Frage."

Zudem sei er nicht überrascht, dass es auch in der Schweiz islamische Extremisten gebe. "Es gibt sie in ganz Europa, ich sehe nicht, warum es hier anders sein sollte."

swissinfo und Agenturen

In Kürze

Auch in der Schweiz sind radikale islamische Organisationen oder Gruppen im Untergrund präsent. Nun befürchten Vertreter muslimischer Organisationen in der Schweiz eine "Hexenjagd". Rund 300'000 Muslime leben in der Schweiz.

Islam-Kenner zeigen Verständnis für die Ängste der Muslime; von "Hexenjad" könne man aber nicht sprechen.

Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 hat auch die Schweiz den Kampf gegen radikale Islamisten verstärkt. Nach den Anschlägen in Madrid im März haben etliche europäische Staaten ihre Operationen gegen mutmasssliche Extremisten weiter ausgeweitet.

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