Schweizer Uhrenindustrie erst am Anfang der Krise?

Für Grégory Pons ist die Krise auf eine Überproduktion zurückzuführen, die eine überdurchschnittliche Annulation von Bestellungen nach sich zog. Keystone

Die Uhrenexporte der Schweiz gehen Monat für Monat zurück. Es sei kein Ende abzusehen, stellt Grégory Pons fest. Pons ist ein französischer Journalist, der sich mit der Uhrenbranche befasst. Hier seine Bestandesaufnahme.

Dieser Inhalt wurde am 28. Juni 2009 - 18:07 publiziert

Grégory Pons ist für die Redaktion eines internationalen Newsletters, der zweimal pro Monat erscheint und an die Profis der Branche gerichtet ist, verantwortlich.

Der Newsletter ist unabhängig von den Werbebudgets der Uhrenindustrie.

swissinfo.ch: Minus 27.6 Prozent im Mai, minus 25 Prozent in den ersten fünf Monaten des Jahres, der starke Einbruch der Uhrenexporte geht ungebrochen weiter. Wie lange noch?

Grégory Pons: Wenn Sie die Kurve seit Oktober 2008 anschauen, ist es eine Katastrophe.

Im Moment sind wir bei den Exportzahlen von 2006. Es ist durchaus möglich, dass die Exporte noch mehr zurückgehen, obwohl man die Zahlen von 2006 für einen Tiefstand hielt.

Im Moment sehen wir keinen Boden. Man kann sich fragen, ob die schweizerische Uhrenindustrie nicht erst am Anfang der Krise steht. So sehen es manche Analysten.

swissinfo.ch: Was braucht es, um die Situation zu verbessern, oder, im Gegenteil, sie noch zu verschlimmern?

G.P.: Ein negativer Einfluss ist die Finanzkrise, die anhält. Die Probleme mit dem Dollar sind noch nicht gelöst. Deshalb wird sich der amerikanische Markt nicht so rasch erholen. Wir risikieren, an der Dollarkrise kleben zu bleiben.

Andererseits sind die Uhrenlager immer noch gross, weil fast keine Leute mehr Uhren kaufen. Die Einzelhändler kommen nicht dazu, ihre Lager abzubauen. Es gibt viele Waren, die rasch abgebaut werden müssen.

Das erklärt, warum Marken wie Rolex vorausgesehen haben, dass das Jahr 2009 katastrophal wird, auch das Jahr 2010 wird schlecht. Man wird sich bewusst, dass für das Jahr 2010 nichts sicher ist, wenn man ernsthaft mit den Chefs der Markenuhrenfabriken über eine Erholung spricht.

Ein ermutigender Faktor dagegen ist, dass so viele neue Marken auf dem Markt auftauchen. Es gibt im Jahr 2009 vierzig Neuheiten. Die Dynamik der Kreativität ist also immer noch vorhanden.

Auch wenn es fast wie ein selbstmörderisches Unterfangen aussieht: Ich denke, das sind mutige Unterfangen. Denn die Einzelverkäufer, die ein grosses Lager an klassischen Uhren haben, sind eher auf der Suche nach unkonventionellen Waren.

swissinfo.ch: Leidet die Uhrenindustrie nur am Einfluss von aussen oder trägt sie auch einen Teil der Verantwortung für den Rückgang der Exporte?

G.P.: Sie spürt nun die Nachwirkungen der weltweiten Finanzkrise. Zuviel Geld war zu leicht erhältlich, die Leute haben deshalb Uhren gekauft, die sie für eine Wertanlage hielten. Die schweizerische Uhrenindustrie war nicht gefeit gegen diese falsche Nachfrage, die eher spekulativ als real war.

Die schweizerische Uhrenindustrie ist daher mitverantwortlich, dass sie den Umschwung der Konjunktur nicht vorausgesehen hat. Sie bezahlt nun auch für ihre Unfähigkeit.

Die Krise ist aus einer Überproduktion entstanden, die von vielen Bestellungsannulationen hervorgerufen wurde. Die Fabriken sind zur Zeit nicht stark betroffen, aber die Lieferanten sind total ausgeblutet. Der Abbau von Arbeitsplätzen geht in die Tausende. Die Lieferanten bezahlen für die Sorglosigkeit und für die Unvernüftigkeit.

swissinfo.ch: Gemäss dem Verband der Schweizerischen Uhrenindustrie (FH) sind alle von der Krise betroffen, und die schweizerische Uhrenindustrie behält ihren Marktanteil. Sehen Sie das auch so?

G.P.: Das Volumen der schweizerischen Uhrenindustrie ist nicht gross. Aber ich bin beunruhigt, wenn ich sehe, dass sie in fünf Monaten zwei Millionen Schweizeruhren vekauft hat.

Ich wünsche mir, dass sie nicht viel verliert. Aber die Schweiz ist hauptsächlich im Hochpreisbereich positioniert. Mindestens 38 Prozent Uhren aus Gold, das ist beunruhigend.

In der Realität hat sie nicht in diesen Sparten verloren, in denen sie die einzige ist. Bei den billigeren Uhren ist die Schweiz total vom Markt verschwunden. Bei den Golduhren wird die Rückeroberung des Marktes spielen.

swissinfo.ch: Spielt die Grösse eines Unternehmens in der derzeitigen Krise eine Rolle?

G.P.: Da gibt es keine wirklichen Regeln. Global gesehen leiden die Gruppen enorm. Sie alle werden das Jahr mit Verlusten von 30 oder 40 Prozent abschliessen, was beträchtlich ist.

Es gab bereits Entlassungen bei grossen Marken wie beispielsweise in der Gruppe Frank Muller, und Richemont rechnet ebenfalls mit zahlreichen Entlassungen.

swissinfo.ch: Muss sich die Uhrenbranche auf tiefere Preise in den internationalen Märkten gefasst machen?

G.P.: Diese Frage ist sehr umstritten. Ich stelle sie derzeit allen, und man sagt mir, jetzt die Preise zu senken, wäre idiotisch. Zur gleichen Zeit aber sind sie 30 bis 40% zu hoch.

Man merkt das auf den Graumärkten, wo die Uhren 30 bis 40 Prozent unter den Katalogpreisen gehandelt werden. Das ist der echte Marktpreis.

Andererseits entwickeln die Manufakturen derzeit Krisenprodukte mit etwas weniger ausgefeilten Details für die Baselworld 2010, die 30 bis 40 Prozent weniger kosten werden.

Grob gesagt, werden damit die Preissprünge der letzten zwei, drei Jahre rückgängig gemacht, um wieder attraktive Preise zu erhalten.

Pierre-François Besson, swissinfo.ch
(Übertragung aus dem Französischen: Eveline Kobler)

Exporte

Monat: Im Mai sind die Uhrenexporte gegenüber Mai 2008 um 27,6% auf 1,1 Mrd. Fr. eingebrochen.

Jahr: Das Resultat für die ersten fünf Monate beläuft sich auf Exporte im Umfang von 5,027 Mrd. Fr., 25% weniger als in der Vorjahresperiode.

Schlecht: Teure Armbanduhren über 3000 Franken verzeichneten einen Rückgang von über 30%.

Mittelmässig: Die Exporte von Uhren bis 200 und zwischen 500 und 3000 Franken gingen um rund 20% zurück.

Besser: Mit Minus 10% das beste Resultat verzeichnete das kleinste Segment, Uhren zwischen 200 und 500 Franken.

Märkte: Die USA (-42,7% auf 124 Mio. Fr.), gefolgt von Japan (-30,3% auf 68 Mio.) und Hongkong (-26,2% auf 177 Mio.) trugen am Meisten zum Rückgang im Mai bei.

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Arbeitsmarkt

Bisher: Laut dem Arbeitgeberverband der Schweizer Uhrenindustrie (CP) beschäftigte die Branche im September 2008 53'300 Personen, 13'000 mehr als noch vier Jahre zuvor.

Gegenwärtig: Derzeit nimmt das Sekretariat des CP an, dass rund 50'000 Personen in der Uhrenindustrie beschäftigt sind.

Präzisierung: Von diesen 3300 Personen weniger in der Branche haben etwa tausend das Pensionsalter erreicht.

Reduktion: Marken wie Roger Dubuis, Ebel, Girard-Perregaux, Frank Muller oder Zenith haben bereits ihre Teams reduziert oder dies angekündigt. Viele Unternehmen setzen auf Kurzarbeit, um diesen Entscheid hinauszuzögern.

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Schweizer Uhrenindustrie

Die Anfänge: Mitte des 17. Jahrhunderts entsteht die Industrie in Genf, bevor sie sich im Jurabogen ausbreitet.

Renaissance: Die Revolution der Quarzuhren führt in den 1970er-Jahren zu einer grossen Krise in der Branche.

Erst in den 1980er-Jahren schafft die Industrie den Turnaround.

Heute ist sie nach der Maschinenindustrie und der Chemie die drittwichtigste Exportbranche (17 Mrd. Fr. im 2008, gegenüber 4,3 Mrd. im 1986).

Beschäftigte: Waren es vor der Krise der 1970er-Jahre etwa 90'000 Personen, arbeiteten in den 1980ern nur noch rund 30'000 in der Uhrenindustrie. Heute beschäftigt sie fast 53'000 Menschen.

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