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Selbstbedienung bei Kunst-Unikaten

Grossandrang in Solothurn.

(swissinfo.ch)

Moderat modern, moderat auch im Preis: In Solothurn kann man sich bei Werken von 75 Künstlern zwischen 99 und 599 Franken selbst bedienen.

Eigentlich ist der vierte "Schweizer Kunst-Supermarkt" gar kein Supermarkt: Denn verkauft werden nur Unikate.

"Kein Umtausch" steht neben der Kasse. "Zahlen Sie mit EC, Visa oder Master?", fragt die Dame hinter dem weissen Tresen, während sie ein Bild in braunes Umschlagpapier einpackt. Und: "Möchten Sie noch den passenden Rahmen dazu?"

Schmucklos der Tresen, schmuckvoll der in französischem Barock gehaltene "Palais Besenval" als Kunstmarkt-Standort. Moderat modern die vielen schönen Bilder, riesig die Auswahl an Künstlern: In Solothurn findet zum vierten Mal jeweils von Mitte November bis Anfang Januar der Schweizer Kunst-Supermarkt statt.

Wenig moderat fallen diese Saison die Wachstumsraten aus – es riecht nach Verkaufsrekord: Während dieses Jahr schon in den ersten zehn Tagen über 1000 Bilder verkauft wurden, waren es letztes Jahr 1800 insgesamt.

Kunst in Kisten

Ungewohnt fürs Auge, stehen schon hinter dem grossen Holzportal beim Eingang zum Palais die ersten Einkaufs-Wagen, um die nötige Wühl-Atmosphäre zu schaffen. Doch auch wenn die Preise erschwinglich sein sollen, "Aktionen" gibt es keine, und nur wenige nutzen die Einkaufs-Caddies. Die Besucherinnen und Besucher wühlen sich lieber ohne Wägelchen durch die Kunst-Kisten durch, um ein schönes Original zu ergattern.

Statt Aktions- gibt es Discounter-Einheitspreise: Vier Fixpreise zwischen 99 und 599 Franken. Vergleichspreise in Deutschlands Kunst-Supermärkten: 50, 99, 199 und 299 Euro. In diesem Preis-Range sollen in Solothurn die rund 4000 Kunstwerke, grösstenteils Bilder, verkauft werden.

Die meisten Kunst-Kunden kommen denn auch wegen der Bilder: Viel Öl oder Acryl auf Leinwand und Collagen, wenig Plastiken oder Gegenständliches, wenig Fotografien.

Weshalb dieses Übergewicht an Bildern? "Leider sind Fotografien sehr schwierig zu verkaufen", bedauert Peter-L. Meier, Supermarkt-Organisator, gegenüber swissinfo. "Wir haben sie nur der Vielfalt wegen im Angebot. Auch Plastiken sind organisatorisch schwierig zu handhaben. Oft werden sie gestohlen – und meist sind sie viel teurer als Bilder, wenn es sich nicht um Repliken handelt."

Poster raus, Ölbild rein

"Ich bin hierher gekommen, weil mir meine Poster langweilig geworden sind. Ich möchte sie mit richtigen Bild-Unikaten ersetzen", sagt eine Besucherin gegenüber swissinfo. Ein Ehepaar aus dem Kanton Schwyz, das über das Internet auf diesen Supermarkt aufmerksam wurde, schwärmt vom Angebot: "In konventionellen Galerien sind meist nur ein oder wenige Künstler gleichzeitig ausgestellt. Hier jedoch ist die Auswahl riesig."

75 Künstlerinnen und Künstler aus 12 Nationen stellen aus. Meist gibt es pro Künstler eine Ecke mit einem oder mehreren Regalen voller Bilder. Für Nachschub ist gesorgt – die Kunst-Kundschaft Ende Dezember soll nicht mit Restbeständen vorlieb nehmen müssen. Dazwischen stehen Staffeleien, auf die man die Bilder stellt, um sie auch aus einer gewissen Distanz betrachten zu können.

Solothurn als Stadt der Künste

"Zu Beginn vor vier Jahren haben die Solothurner schon etwas skeptisch auf diesen Selbstbedienungs-Laden reagiert", sagt eine Solothurner KV-Lehrerin gegenüber swissinfo. "Aber inzwischen scheint der Event fest etabliert zu sein."

Die Lehrerin plant zweierlei: "Natürlich schaue ich mir das Angebot auch privat an. Aber vor allem will ich meine Schulklasse hierher holen. Im kaufmännischen Stundenplan werden die Schüler ja kunstmässig nicht gerade verwöhnt."

Ausserdem freut es sie, dass sich nach den Literaturtagen und den Filmtagen in Solothurn nun dieser unkonventionelle Supermarkt als drittes artistisches Ereignis etabliert.

Günstige Kunst, hohes Angebot, Künstleraustausch

Das Konzept dieser Kunst-Supermärkte besteht darin, Kunst zu Preisen anzubieten, die stark unter denen der normalen Galerien liegt, ohne dass die Qualität leidet. Auch der ambientalen Entrücktheit und Menschenleere vieler Galerien soll im Palais Besenval eine lichtdurchflutete Atmosphäre entgegen gehalten werden, so Meier.

Bei Künstlern ist offenbar diese Art der "Distribution" ihrer Werke populär. 400 boten an, Peter-L. Meier und sein deutscher Partner haben 45 ausgesucht. "Weitere 30 sind ausländische Künstler aus der Liste des deutschen Partners", so Meier. Auswahlkriterium war neben der Qualität auch die Themenvielfalt und der Stilmix: Porträts, Landschaften etc., alles muss in ausgeglichener Menge vorhanden sein.

Die Marge des Organisators beträgt 50% des Verkaufspreises – offenbar ist die "Fifty-fifty-Formel" auch bei den konventionellen Galerien gängig.

Auch für den offerierenden Künstler ist im Kunst-Supermarkt vieles inbegriffen: Mit dem Palais Besenval ein schöner Ausstellungsort, viel Werbung und Marketing.

Letztes Jahr wurde mit einem Verkauf von knapp 1800 Werken ein Umsatz von rund einer halben Million Franken erreicht. Genug, um in den Bereich der schwarzen Zahlen zu stossen.

Neue Absatzkanäle braucht die Kunst

"Ich war erstaunt, dass neue Ideen in einem an sich derart alten Markt wie jenem für Kunst einen solchen Erfolg zeitigen", sagt Meier gegenüber swissinfo. Kritiker mögen einwenden, dass jene Künstler, die ihre "Ware" über einen Supermarkt abbringen, auf die Häppchen-Mentalität des Kunst-Konsumenten angewiesen seien.

Meier hält dem entgegen, dass die meisten seiner Künstler ihre Werke auch über "klassische Absatzkanäle" abbringen, wozu auch die Galerien zählen. "In Deutschland sind Gruppenausstellungen häufig", so Meier.

"Immer mehr sieht man Kunst auch in Hotels ausgestellt. In Deutschland veranstalten Museen zeitlich begrenzte Verkaufsausstellungen – in der Schweiz ist dieser Absatzkanal noch nicht so bekannt."

Der Supermarkt-Organisator vermutet, dass einige der Käuferinnen und Käufer, die im Palais Besenval erstmals zuschlagen, wohl früher oder später auch den Weg in private Kunstgalerien finden werden.

Was ihn nicht davon abhält, seine eigene Supermarkt-Idee weiter auszubauen. "Ich könnte mir vorstellen, eines Tages in den grossen Schweizer Städten einen Supermarkt für Gegenwarts-Kunst aufzubauen - falls ich Unterstützung finde."

Der schöne Palais Besenval in Ehren, aber Meier träumt "von einer Verkaufs-Ausstellung mitten in einer leeren Fabrikhalle".

swissinfo, Alexander Künzle

Fakten

Der 4. Schweizer Kunst-Supermarkt dauert noch bis 3. Januar 2004.

Der Supermarkt befindet sich im Palais Besenval in der Solothurner Altstadt, direkt an der Aare.

Unikate vieler Techniken und Stile, vor allem Bilder, sind zu Festpreisen von 99, 199, 399 und 599 Franken zu finden.

Das Angebot wird ständig nachgeführt, so dass immer eine grosse Auswahl vorhanden ist. Insgesamt sind es rund 4000 Werke.

2002 wurden 1800 Unikate verkauft.

2003 sind schon in den ersten zehn Tagen über 1000 Bilder verkauft worden.

Es machen 75 Künstlerinnen und Künstler aus 12 Nationen mit, die zum grössten Teil in der Schweiz wohnhaft, aber nicht unbedingt Schweizer sind.

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In Kürze

Die ersten Kunst-Supermärkte wurden in Deutschland vom Kunsthistoriker Mario Terés initiiert, 1998 in Marburg, dann in Berlin und Frankfurt.

Peter-L. Meier, Verleger und Geschäftsführer der Solothurner Rothus AG, brachte das Konzept erstmals vor vier Jahren in der Schweiz.

Seither ist der Kunst-Supermarkt immer mehr zu einem schweizweiten Ereignis gewachsen.

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