Solidarität der Migranten

Immigranten leisten ihren einen Beitrag zur Entwicklung in der Heimat. Keystone

Fast eine Million Ausländerinnen und Ausländer sind in der Schweiz berufstätig. Viele von ihnen sparen Geld, um die Angehörigen zu Hause zu unterstützen.

Dieser Inhalt wurde am 11. Oktober 2006 - 11:32 publiziert

Überweisungen von Migranten – die so genannten Remittances - stellen für viele ärmere Länder eine wichtige Einnahmequelle dar. Auch die Banken profitieren von diesem wachsenden Geschäft.

Das Phänomen der Remittances ist keineswegs neu. Emigrierte Arbeitnehmer unterstützen ihre zu Hause gebliebenen Familien, leisten so einen Beitrag gegen die Armut in ihrem Herkunftsland und tragen zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes bei.

Da verlässliche Daten zu diesem Phänomen fehlen, wird es häufig unterschätzt. In Reden zu Ausländern und Migration findet es keinen Platz.

"Das Phänomen der Remittances wird selten debattiert", meint Philippe Wanner, Professor für Demografie an der Universität Genf. "Mir scheint, dass sich die Schweizer Diskussion zu Migrationsfragen stark auf innenpolitische Aspekte konzentriert, ohne dabei auch die Folgen für die Entwicklungsländer zu erörtern."

Das Schweizer Forum für Migrations- und Bevölkerungsstudien (SFM) hat in einer Studie das Phänomen am Beispiel Albanien untersucht. "Der Fall Albanien ist interessant, weil der Anteil der Geldtransfers aus dem Ausland am Bruttoinlandprodukt (BIP) sehr hoch ist", sagt Wanner, Mitverfasser der Studie.

Seit 1989 haben albanische Emigranten rund 20% zum BIP beigesteuert. Zuwendungen gingen vor allem an die ganz armen Familien, alleinerziehende Mütter, Senioren und Arbeitslose.

11 Milliarden Sparguthaben

"Jeder in der Schweiz lebende Migrant schickt ungefähr 1000 Franken im Jahr nach Hause", führt Wanner aus. Bei 900'000 Ausländern (ohne Schwarzarbeiter) kommt der Universitätsprofessor auf einen Betrag, der mit den Schätzungen der Weltbank ziemlich genau übereinstimmt.

Diese geht in ihrem jüngsten Bericht davon aus, dass aus der Schweiz jährlich 11 Mrd. Franken ins Ausland transferiert werden. In der Rangliste der Remittances nimmt die Schweiz damit im internationalen Vergleich nach den USA, Saudi-Arabien und Deutschland den vierten Rang ein.

Diese Summe beinhaltet weder Bargeld noch Konsumgüter, die von Migranten direkt nach Hause gebracht werden. "In den Ländern Ex-Jugoslawiens und in der Türkei landet wohl der Löwenanteil der Transfergelder aus der Schweiz", ist Wanner überzeugt.

Private Entwicklungshilfe

Eine verlässliche Statistik zu diesem Phänomen gibt es nicht. "Das ist schade, denn es schränkt die Debatte um die Entwicklungspolitik stark ein", so Wanner.

Die Geldtransfers der Migranten sind um ein Vielfaches höher, als das offizielle Schweizer Budget für Entwicklungshilfe bei weitem (rund 1,7 Mrd. Fr. pro Jahr). Die Solidarität der Migranten erscheint – mehr noch als die offizielle Hilfe der Behörden – als geeignetes Instrument im Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit.

Wanner warnt jedoch: "Die Geldtransfers sind persönliche Entscheide und können internationale Hilfsleistungen nicht ersetzen. Daher ist Vorsicht angebracht."

Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) berücksichtigt bei der Aufstellung ihres Budgets das Phänomen der Remittances nicht. "Unsere Kriterien basieren auf den realen Bedürfnissen und dem sozio-politischen Kontext des jeweiligen Landes", sagt Walter Hofer, stellvertretender Leiter der Abteilung Mulilaterale Beziehungen bei der DEZA.

Die Rolle der Banken

Sicher scheint: Die Geldtransfers von Emigranten werden in Zukunft tendenziell zunehmen. Das sagt wenigstens die Weltbank voraus.

Die Empfängerländer dürfen sich darüber freuen, genauso wie die Agenturen, welche die Geldtransfers durchführen. Die Nachfrage nach ihren Dienstleistungen steigt ständig an. Allein in Spanien hat sich die Zahl der Geldinstitute, die solche Dienste anbieten, in fünf Jahren vervierfacht.

Doch werde auch Missbrauch betrieben. Diese Ansicht vertritt jedenfalls der sozialdemokratische Nationalrat Carlo Sommaruga. In einem Postulat vom Oktober 2005 kritisiert er die hohen Gebühren, die von Agenturen und Geldinstituten bei Transferzahlungen einkassiert werden.

"Das ist ein Skandal, denn es trifft eine einfache Bevölkerungsgruppe wie die Migranten, die zu Hause helfen will, dort, wo Armut herrscht", sagt Sommaruga. Er fordert daher einen Höchstsatz an zulässigen Gebühren.

Georg Soentgerath von der Credit Suisse widerspricht: "Die Tarife sind fix und klar. Die Kosten für den Kunden entsprechen jenen, die von der Bank für Geldüberweisungen ins Ausland festgelegt wurden", sagt er gegenüber swissinfo.

Die Schweizer Landesregierung hat das Postulat zurückgewiesen. Doch gleichzeitig hat sie eine umfassende Untersuchung angekündigt, welche das Staatssekretariat für Wirtschaft im Rahmen der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Entwicklungs- und Transitionsländern über Remittances in die Balkanstaaten durchführt. Die Ergebnisse werden einen besseren Überblick über den Geldtransfer und die erhobenen Gebühren erlauben.

swissinfo, Luigi Jorio
(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob)

Fakten

Weltweit gibt es zirka 200 Millionen Migranten (3% der Weltbevölkerung).
In der Schweiz leben 1,52 Millionen Ausländer (900'000 sind berufstätig).
Die Überweisungen von Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter in ihre Heimatländer haben weltweit einen Wert von 310 Milliarden Franken erreicht (Weltbank 2005)
Die grössten Beträge gehen nach Indien, China und Mexiko.
Ausländische Arbeitnehmer in der Schweiz haben 2005 schätzungsweise 11,2 Milliarden Franken ins Ausland überwiesen.

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In Kürze

Ein Postulat des sozialdemokratischen Genfer Nationalrats Carlo Sommaruga hat auf die hohen Gebühren aufmerksam gemacht, welche Gastarbeiter bei der Überweisung von Geldern in ihre Heimatländer bezahlen müssen.

Damit werde deren Einkommen geschmälert, argumentiert Sommaruga.

Beginnend bei 20% des überwiesenen Betrages, nehmen die Gebühren laut Sommaruga zwar mit steigendem Betrag ab. Aber bei der Überweisung von 400 Franken belaufe sich die Gebühr noch immer auf 10%.

Für die auf Überweisungen spezialisierten Geldinstitute gibt es mittlerweile Konkurrenz durch neuartige Formen von "Remittances" mittels SMS, Smart Card oder Internet.

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