"Gedanken an die Finanzen dürfen nicht Priorität haben"

Der Normalbetrieb der Intensivstation ist ausgelastet. Das Spitalzentrum Biel hat aber weitere Intensivpflegeplätze eingerichtet, die (noch) nicht belegt sind. SZB

Ist der Peak der Coronakrise erreicht? Das Tessin glaubt, über dem Berg zu sein, in der restlichen Schweiz stagniert die Zahl der Neuinfektionen. Dass die Wirtschaftslobby wieder beschleunigen will, macht den Pflegenden Sorgen. Die Zwischenbilanz des Infektiologen am Spitalzentrum Biel.

Dieser Inhalt wurde am 08. April 2020 - 11:30 publiziert
swissinfo.ch

"Endlich gibt es mehr heimkehrende Patienten als solche, die ins Krankenhaus gehen." Was seine Kollegen in der Südschweiz über die Tessiner Spitäler bekanntgeben, kann Charles Béguelin, Infektiologe und Leitender Arzt, vom Spitalzentrum Biel noch nicht behaupten.

Infektiologe Charles Béguelin, Leitender Arzt am Spitalzentrum Biel. Marco Zanoni / Lunax

Das Zentrumsspital im Berner Seeland sei immer noch ausgelastet, aber nicht überlastet, sagt er. Den wachsenden Forderungen aus Politik und Wirtschaft nach einer Lockerung der Notstands-Massnahmen begegnet er skeptisch.

swissinfo.ch: Haben wir in der Schweiz den Peak der Infektionen erreicht?

Charles Béguelin: Das ist schwierig einzuschätzen. Wenn die Schutzmassnahmen zu früh gelockert werden, besteht die Gefahr, dass das Virus wieder vermehrt zirkuliert und es dann noch mehr Zeit braucht, die Infektionen zu reduzieren.

swissinfo.ch: Stimmen Sie die neuen Zahlen nicht zuversichtlich?

Ch.B.: Sichtbar ist, dass die Infektionen mit den Massnahmen eingedämmt werden konnten. Wir und die meisten anderen Spitäler betreuen aber weiterhin viele Corona-Patienten.

Und wir möchten unbedingt verhindern, dass es einen weiteren Schub gibt und noch mehr Patientinnen und Patienten gleichzeitig in Spitalpflege gebracht werden müssen.

swissinfo.ch: Der wirtschaftliche Schaden infolge der Krise ist gigantisch. Ist es verhältnismässig, am Lockdown festzuhalten?

Ch.B.: Die wirtschaftlichen Folgen betreffen auch die Spitäler, sie erleiden finanzielle Einbussen in Millionenhöhe. Alle nicht dringlichen Operationen oder ambulanten Verlaufskontrollen sind seit drei Wochen auf Eis gelegt. Aber in dieser Situation dürfen Gedanken an die Finanzen nicht Priorität haben. Unsere Aufgabe ist es, die Gesundheitsversorgung zu sichern.

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swissinfo.ch: Ist das Spitalzentrum Biel am Anschlag?

Ch.B.: Nein, ganz klar nicht. Wie die anderen Spitäler haben auch wir in den letzten drei bis vier Wochen den ganzen Betrieb auf den Kopf gestellt, um der grossen Zahl der Covid-Patienten genügend Pflegeplätze und Betreuung anbieten zu können. Das war mit entscheidend dafür, dass es gelungen ist, die Infektionen weitgehend in Schach zu halten und die Zahl der schweren Fälle zu vermindern.

Auf der Station haben wir derzeit 15 bis 20 Corona-Patienten, dazu sechs Patienten, die auf der Intensivstation beatmet werden. Damit ist der Normalbetrieb der Intensivstation ausgelastet. Das Spital hat aber weitere Intensivpflegeplätze eingerichtet, die (noch) nicht belegt sind.

Der Kanton Bern hat ein Programm entwickelt, um das Angebot der Intensivpflegeplätze in den Spitälern zu koordinieren. Noch muss niemand fürchten, bei Bedarf keinen Intensivpflegeplatz zu bekommen. Aber im Kanton Tessin waren die Spitäler während mehrerer Tage am Limit.

swissinfo.ch: Könnte man nicht die Unternehmen wieder arbeiten lassen unter der Bedingung, dass alle Mitarbeitenden Masken tragen?

Ch.B.: Die grösste Ansteckungsgefahr geht von hustenden oder niesenden Personen aus: Tröpfchen, die anderen Personen in deren Nähe direkt in Mund, Nase oder Augen geraten oder durch Körperkontakt – insbesondere Händeschütteln – übertragen werden können.

Wer zwei Meter Abstand einhält und regelmässig die Hände reinigt, geht auch ohne Maske ein kleines Risiko ein, von den Viren befallen zu werden.

swissinfo.ch: Wenn Masken die Pflegenden schützen können, warum schützen sie die restliche Bevölkerung nicht?

Ch.B.: Selbst für medizinisches Personal ist der korrekte Umgang mit dem Schutzmaterial nicht so einfach. Das muss gelernt und geübt werden. Wer es nicht beherrscht, die Maske mit kontaminierten Händen entfernt, innen und aussen berührt und wieder aufsetzt, setzt sich womöglich einem grösseren Risiko aus.

swissinfo.ch: Tragen Sie ausserhalb des Spitals, zum Beispiel beim Einkaufen, eine Schutzmaske?

Ch.B.: Nein.

Forschungsliteratur zum Maskentragen

Nach ihrer Analyse der Forschungsliteratur gelangt die Neue Zürcher Zeitung zu folgendem Fazit

"Erstens: Das Maskentragen für exponiertes Gesundheitspersonal dürfte etwas bringen. 

Zweitens: Es ist unklar, was das Maskentragen im breiten Publikum brächte, aber es könnte vielleicht bei genügender Verfügbarkeit und korrekter Verwendung einen positiven Beitrag leisten."

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swissinfo.ch: Ein Expertenkomitee der amerikanischen National Academy of Sciences warnte Ende letzter Woche in einem Brief an die US-Regierung vor Infektionen über Aerosole in der Atemluft. Muss man sich jetzt auch davor fürchten?

Ch.B.: Das Problem mit den Aerosolen, die in der Luft eine Zeit lang hängen bleiben, ist bei bestimmten anderen Erkrankungen, wie bei Tuberkulose, bekannt.

Ob das Coronavirus auf diese Weise übertragen werden kann, lässt sich im Moment nicht sagen. Wenn dem wirklich so wäre, handelte es sich um einen Bruchteil der Ansteckungen, die auf diese Weise stattfinden könnten. Im Freien besteht diese Gefahr nicht.

swissinfo.ch: Und in geschlossenen Räumen?

Ch.B.: Wenn wir im Spital einen Patienten intubieren oder sonst an den Atemwegen behandeln, oder Magenspiegelungen durchführen, werden Aerosole gefördert, die sich im Raum verteilen, und dann muss sich das medizinische Personal entsprechend schützen.

Aber sonst glauben wir nicht daran, dass die Aerosole ein grosses Ansteckungsrisiko sind; nicht im Spital und noch viel weniger ausserhalb.

Wie gesagt, wer zwei Meter Abstand hält, muss sich weder vor Tröpfchen noch vor Aerosolen fürchten.

swissinfo.ch: Und welche Gefahr geht von Lebensmitteln aus? Kann ich mich anstecken, wenn ich eine Peperoni konsumiere, die zuvor ein infizierter Konsument in den Händen hielt und zurück ins Regal legte?

Ch.B.: Ich kann nicht sagen, dass dies überhaupt nicht möglich sei. Aber das Risiko ist sehr klein.

Man weiss, dass es diese sogenannten Schmierinfektionen gibt. Laut neueren Studien kann das Virus auf Oberflächen je nach Material mehrere Stunden bleiben. Dabei handelt es sich aber nicht um ein lebendes Virus. Man kann lediglich die DNA nachweisen und weiss nicht genau, was dies bedeutet und ob es überhaupt ansteckend ist.

swissinfo.ch: Aus mehreren Ländern hat man erfahren, dass viele Pflegende am Virus erkrankt sind? Wie ist es am Spitalzentrum Biel?

Ch.B.: Eine Ursache für die hohen Infektionsraten an manchen Spitälern war, dass sich das Personal anfänglich nicht ausreichend schützte. Eine weitere Ursache kann sein, dass die Pflegenden nicht nur den Patienten, sondern einander auch gegenseitig gezwungenermassen sehr nahe kommen.

Hinzu kommt, dass Gesundheitsfachleute viel häufiger getestet werden als die restliche Bevölkerung, wo viele Infektionen gar nie festgestellt werden.

Wenn Sie ein bisschen hüsteln, wird Ihnen gesagt, zuhause zu bleiben. Wenn ich im Spital huste, muss ich mich unverzüglich testen lassen, um nicht Patienten und Kolleginnen anzustecken.

Wir hatten auch einige wenige positiv getestete Mitarbeitende. Aber alle haben sich ausserhalb des Spitals angesteckt.

Bei uns ist das Gesundheitspersonal kleineren Risiken ausgesetzt, als Personen, die sich im öffentlichen Raum nicht an die Distanzregel halten.

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