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Sport zeigt dem Föderalismus die Rote Karte

Schweizer Ski-Spitzensport am Boden? Keystone

Der Föderalismus, das Markenzeichen der Schweizer Demokratie, kommt von ungewohnter Seite unter Beschuss.

Dieser Inhalt wurde am 07. März 2005 - 17:13 publiziert

Die Swiss Olympic Association führt das schlechte Abschneiden der Schweizer Alpinen an der Ski-WM in Italien auf die politische Struktur des Landes zurück.

Erstmals seit 1966 gewannen die Schweizer Alpinen an einer WM keine einzige Medaille. Die dürftige Leistung der Schweizer Ski-Elite in Bormio hat das Land – immerhin bekannt als die Wiege des Wintersports – ins Grübeln gebracht.

Ursache Föderalismus

Für Werner Augsburger, Delegationsleiter des Schweizer Olympia-Teams 2006, ist der Grund für das schlechte Abschneiden in Bormio klar: Es ist nicht mangelndes Talent, sondern die föderalistische Struktur des Landes – für Augsburger "mehr ein Hindernis als eine Hilfe".

Statt einer nationalen Struktur hat jeder der 26 Schweizer Kantone sein eigenes Sport-Förderungsprogramm. Für Augsburger ist es an der Zeit, dieses System zu ändern und den Spitzensport auf nationaler Ebene zu fördern.

"Ich sähe gerne eine veränderte Haltung der Kantone im Interesse des nationalen Sportes", sagt Augsburger gegenüber swissinfo. "Aber ich fürchte, dass es am politischen Willen fehlt, weil alle Kantone ein paar wenige Befugnisse verlieren würden."

Hohe Schulgelder

Talentierte Jugendliche, die an eine Sportschule ausserhalb ihres Wohnkantons gehen wollen, müssen oft Schulgelder von bis zu 20'000 Franken pro Jahr bezahlen, die Ausrüstung nicht miteingerechnet.

Einige Kantone haben in diesem Bereich zwar gegenseitige Vereinbarungen, die meisten jedoch nicht, was laut Gesetz statthaft ist. "Wir müssten also alle 26 kantonalen Erziehungsdirektoren überzeugen", erklärt Augsburger.

Die von einzelnen Kantonen erhobenen hohen Schulgelder hielten viele potentielle künftige Spitzensportler von einer sportlichen Karriere ab. "Das ist eines der Hauptprobleme in der Schweiz, speziell im Skisport", so der Olympia-Missionschef.

Nationale Skizentren

Die Swiss Olympic Association, die Dachorganisation der Schweizer Sportverbände, macht sich stark für zwei nationale Zentren für junge Skisportler im Alter von 15 bis 20 Jahren und acht Trainingslager für 10- bis 15-Jährige. Das würde auch eine zentrale Coaching-Struktur bedingen.

Hans Ettlin, Sport-Verantwortlicher im Kanton Obwalden, unterstützt das Anliegen von Swiss Olympic. Im Kantonsort Engelberg befindet sich das einzige Sportgymnasium des Landes für alpine Skifahrerinnen und Skifahrer.

Laut Ettlin konnte Obwalden lediglich mit rund einem Dutzend Kantone gegeseitige Vereinbarungen eingehen. "Jeder Kanton hat sein eigenes System. Das ist ein grosses Problem. Wir müssen eine nationale Sport-Ausbildungsstruktur errichten, so dass jeder Jugendliche in jedem Kanton eine entsprechende Ausbildungsmöglichkeit hat."

Erste Schritte gemacht

In den letzten Jahren seien erste, wichtige Schritte in Richtung einer besseren Kooperation zwischen den Kantonen gemacht worden, sagt Thomas Beugger, Präsident der kantonalen Sportdirektoren, gegenüber swissinfo.

Beugger spricht sich für eine nationale Ski-Universität aus. Für ihn ist aber klar, dass eine engere Zusammenarbeit zwischen den regionalen Behörden nur langfristig erreichbar ist.

"Wahrscheinlich wird es nie zu einer zentralisierten, nationalen Lösung kommen. Wir als kantonale Sportdirektoren versuchen, so viele Kantone wie möglich ins gleiche Boot zu bringen, aber es gibt eben regionale Differenzen", so Beugger weiter. Und einige Kantone lehnten gegenseitige Vereinbarungen aus finanziellen Gründen ab.

Die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) lehnt ihrerseits jegliche Verantwortung für das schlechte Abschneiden der Schweizer Alpinen an der letzten Ski-WM in Italien ab.

Kantone seien frei, bilaterale Vereinbarungen zu unterzeichnen. Aber niemand könne sie dazu zwingen.

Suche nach Talenten

Die Swiss Olympic Association mag die Struktur der Sportausbildung in der Schweiz nicht generell als schlecht bezeichnen. Als positives Beispiel nennt der Dachverband die erfolgreiche Talent-Kampagne im vergangenen Jahr, an der sich über 20 Schulen beteiligten.

Schulen mit einer traditionell starken sportlichen Ausbildung können von Swiss Olympic ein Qualitätslabel sowie Gelder beantragen.

Augsburger weist darauf hin, dass in der Schweiz Sportarten wie Unihockey, Orientierungslauf, Curling, Beach Volleyball und Mountainbiking im Aufschwung seien. Das könne aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sportliche Erfolge in der Schweiz nicht dieselbe Bedeutung wie im Ausland hätten.

Entsprechend verfügten Schweizer Sportlerinnen und Sportler über wesentlich weniger finanzielle Mittel als ihre ausländische Konkurrenz. Das möchte Swiss Olympic ändern, ohne sich dabei Illusionen zu machen.

Augsburger möchte die Kantone dazu bringen, den 25-Prozentanteil, den der Schweizer Sport vom nationalen Lotteriefonds erhält, zu erhöhen. "Ich glaube aber kaum, dass das gelingt", räumt er ein.

"Vielleicht müssen die Schweizer Resultate an Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen so miserabel werden, um die Leute merken zu lassen, dass einige grundsätzliche Sachen im Sportausbildungssystem verändert werden müssen", so der Olympia-Missionschef.

swissinfo, Adam Beaumont
(Übertragung aus dem Englischen: Jean-Michel Berthoud)

In Kürze

Die Dachorganisation der Schweizer Sportverbände, die Swiss Olympic Association, ist betupft über die schlechten Ergebnisse der Schweizer Alpinen an der Ski-WM in Italien im Februar. Als Remedur schlägt Swiss Olympic vor, die Ausbildung im Spitzensport auf nationaler Ebene, und nicht auf föderalistischer Basis zu organisieren.

Dazu fehle aber der politische Wille im Land. Viele Kantone befürchteten eine Erosion ihrer Befugnisse.

Einige kantonale Sport-Verantwortliche unterstützen den Vorschlag von Swiss Olympic. Sie bezweifeln jedoch seine Machbarkeit, weil es zu viele regionale Differenzen gebe.

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