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Swissair-Prozess: Bruggisser bleibt unbeugsam

Der frühere CEO der SAirGroup, Philippe Bruggisser, vor dem Bezirksgericht in Bülach.

(Keystone)

Nach der Eröffnung der dritten Befragungs-Woche im Swissair-Prozess bestritt der ehemalige CEO des National Carriers, Philippe Bruggisser, ungerechtfertigte Zahlungen.

Ihm wird vorgeworfen, 1 Mio. Franken an das Kader der polnischen LOT ausbezahlt zu haben. Am Rande des Prozesses bedauerte er das Ende von Swissair und entschuldigte sich.

Am Montag standen die Verflechtungen mit der polnischen Fluggesellschaft LOT im Mittelpunkt. Die Staatsanwaltschaft wirft insbesondere dem Angeklagten Bruggisser ungerechtfertigte Zahlungen vor.

Bruggisser, SAir-Kadermitglied Peter Somaglia und Jan Litwinski, der damalige Chef der polnischen Fluggesellschaft LOT, beteuerten ihre Unschuld. Es seien keine Entschädigungen ohne Gegenleistung erfolgt.

Bruggisser bestätigte, dass der Lohn des damaligen LOT- Managements durch Differenzzahlungen aufgebessert worden war. Nachdem in Polen gesetzliche Bestimmungen (Kappgesetz) zu einer erheblichen Reduktion der Saläre geführt hatten, wollte die SAirGroup das Kader durch eine Lohnaufbesserung an sich binden.

LOT statt Austrian Airlines

Im Gegenzug hätte das LOT-Kader mithelfen sollen, der Qualiflyer-Group den Weg in den osteuropäischen Markt zu ebnen, nachdem die österreichische Austrian Airlines aus dem Verbund ausgestiegen war, um zu Lufthansa zu wechseln.

Die SAirGroup zahlte den LOT-Konzernleitungsmitgliedern total 1,067 Mio. Franken aus. Das Geld war dem Konzern aber später durch die Verrechnung von Leistungen, die er ursprünglich hätte gratis erbringen müssen, wieder zugeflossen.

Mit dem neuen Kappgesetz wäre etwa das Jahressalär des damaligen LOT- Konzernchefs Jan Litwinski von 250'000 auf 68'000 Franken gekürzt worden. Diese "drastische Salärkürzung" wäre in einer für die Gruppe enorm wichtigen Phase erfolgt.

Management-Abwanderung verhindern

Das Kappgesetz habe allein staatliche Institutionen betroffen. Um zu verhindern, dass sich das LOT-Management von der Staats- in die Privatwirtschaft absetzt, seien die Zahlungen erfolgt, sagte Bruggisser. "Es war für die SAirGroup die beste Lösung."

Weder die SAirGroup noch die LOT hätten dadurch einen Schaden erlitten, sagte Bruggisser, der sich am Montag mehrheitlich geduldig gab, zunehmend aber trotzig klang: "Ich sehe das Problem nicht."

In der Tat habe ein beträchtliches Risiko bestanden, dass die besten LOT-Kadermitglieder abwanderten, sagte Litwinski. Er wechselte im Laufe seiner Befragung wiederholt vom Polnischen ins Englische und beantwortete die Fragen des Richters häufig ausweichend.

Wäre das Management abgesprungen, dann wäre das eine "Katastrophe" gewesen, sagte Somaglia. Das ganze Integrationsprojekt zwischen der SAirGroup und der Flugbetrieb der LOT wären zusammengebrochen. Er empfinde es als "bemühend und peinlich", hier zu sitzen, sagte Somaglia. Er habe kein Verständnis für die Anklage.

Die SAirGroup hat auch finanzielle Zuwendungen im Umfang von weiteren 285'000 Franken an Litwinski gemacht. Es habe sich dabei ebenfalls um Beratungshonorare im Zusammenhang mit Osteuropa gehandelt, sagten Bruggisser und Litwinski übereinstimmend.

Bruggisser entschuldigt sich

Am Montag wurde die persönliche Befragung von Philippe Bruggisser abgeschlossen. Im Anschluss an seine Befragung erklärte er gegenüber der "Tagesschau" von Schweizer Fernsehen SF, er habe nun während eineinhalb Tagen alle Fragen des Gerichts beantwortet.

Und er weise alle Vorwürfe zurück. Während seiner 23 Jahre bei der Swissair habe er immer versucht, sein Bestes zu tun. Leider sei es am Schluss anders herausgekommen. "Ich bedauere, dass so viele Menschen darunter gelitten haben und entschuldige mich bei diesen", sagte Bruggisser.

swissinfo und Agenturen

In Kürze

Der Swissair-Prozess begann am 16. Januar und dauert noch bis am 9. März, im Bezirksgericht Bülach.

Die Verhandlungen in der 1500 Personen fassenden Stadthalle sind öffentlich.

Die Einvernahme der 19 Angeschuldigten ist bis am 5. Februar vorgesehen.

Ab 15. Februar folgen die Anklage der Staatsanwaltschaft und die Plädoyers der Verteidigung.

Die Anklageschrift umfasst 100 Seiten. Die Akten füllen 4150 Aktenordner.

Die Zürcher Staatsanwaltschaft hat in 40'000 Arbeitsstunden mehr als 300 Personen einvernommen und 20 Haus-Durchsuchungen veranlasst.

Eine 1. Version der Anklageschrift wies das Gericht wegen Mängeln zurück.

Zur Zeit bereitet die Staatsanwaltschaft eine weitere, zivilrechtliche Anklageschrift gegen die Swissair-Führung vor.

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Fakten

Im Rahmen der "Hunter-Strategie" hatte Ende 1999 die SAirGroup vom polnischen Staat eine 37,6%-Beteiligung am Kapital der polnischen LOT erhalten.
So trat LOT im Jahr 2000 der "Qualiflyer" Gruppe bei, einer Allianz unter der Führung von Swissair.
Jan Litvinski übernahm die Direktion der LOT Ende 1992, bevor er die Airline am 13. März 2003 wieder verliess, weil es unter seiner Ägide zu den fragwürdigen Geldtransfers gekommen war, die jetzt das Gericht beschäftigen.

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