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Tabakfabrik Brissago: Kulisse für Schach-WM

Die Schach-WM als Höhepunkt in der Liste der Events: Das Centro Dannemann in Brissago. (Bild: Centro Dannemann)

Im Centro Dannemann von Brissago findet seit Samstag die Schach-Weltmeisterschaft statt.

Die Tabakfabrik bildet einen aussergewöhnlichen Rahmen für die Veranstaltung.

Die Fähnchen in den Nationalfarben Russlands und Ungarns stehen auf dem Tisch, an dem sich der russische Titelverteidiger Wladimir Kramnik (29) und sein ungarischer Herausforderer Peter Leko (25) seit Samstag duellieren.

Seit einigen Tagen logieren die Kontrahenten zur Akklimatisierung bereits im herbstlich sonnigen Tessin. In 14 Partien wird bis zum 18. Oktober entschieden, wer sich die Krone als weltbester Spieler aufsetzen darf.

Mit dem Gewinn der ersten Partie gegen Herausforderer Leko aus Ungarn
hat der russische Titelverteidiger Kramnik gleich zu Beginn ein Achtungszeichen gesetzt. Die Partie vom Sonntag endete mit einem Remis.

Oberstes Stockwerk der Fabrik umgebaut

Wir sind im Herzen der alten Tabakfabrik von Brissago, dem Grenzstädtchen zu Italien. Das oberste Stockwerk der Fabrik wurde in ein durchgestyltes Kultur- und Veranstaltungszentrum umgebaut.

Die Fahnen mitsamt Firmenlogo des Zigarrenimperiums Dannemann, dem alleinigen Sponsor und Veranstalter der WM, sind die einzigen Farbtupfer im Raum. Ansonsten regiert schwarz. Selbst die Fenster sind durch Vorhänge verdunkelt. Nichts soll hier vom Spiel ablenken.

Umso heller und luftiger präsentieren sich die umliegenden Säle, in denen bei atemberaubendem Blick auf den Lago Maggiore Häppchen und lokale Spezialitäten für die zahlreichen Gäste gereicht werden oder am letzten WM-Tag eine Dalì-Ausstellung mit Bildern zum Thema Rauch und Tabak eröffnet wird.

Russen und Ungarn besonders interessiert

100 Journalisten aus aller Welt sind akkreditiert. Je zwei Fernsehteams aus Russland und Ungarn verfolgen die Matchs, auch der WDR aus Deutschland ist vor Ort. Die internationale Schachgemeinde kann die Partien derweil am Internet live mitverfolgen: Jeder Zug wird in Realzeit übertragen.

Das Ereignis ist minutiös vorbereitet. An jede Kleinigkeit ist gedacht. Von den Zuschauerreihen im klimatisierten Raum aus kann man die Partie nicht nur vor sich miterleben, sondern auch per Kopfhörer die Kommentare hören, die von zwei Schach-Grossmeistern aus der Regiekabine gegeben werden.

Für die beiden Spieler ist ein Ruheraum eingerichtet, in den sie sich nur in Begleitung eines offiziellen Schiedsrichters begeben dürfen.

Durchdachtes Marketing: Kulturzentrum auf hohem Niveau

Für das junge Centro Dannemann in Brissago ist die Schach-WM zweifellos ein Höhepunkt in der Liste der bisherigen Events.

Inspiriert vom Erfolg des "Centro Cultural Dannemann" in Bahia, Brasilien, einem wichtigen Standort der Tabakplantagen, wurde das an die Tessiner Tabakfabrik angegliederte Kulturzentrum Anfang 2002 als Centro Dannemann Brissago gegründet.

"Natürlich musste man das Zentrum den örtlichen Gegebenheiten anpassen", sagt Hans Leusen, Präsident von Dannemann Brasilien, der in Brissago momentan den Konzern repräsentiert, welcher der öffentlichkeitsscheuen Familie Burger aus dem Kanton Aargau gehört.

Von "Rauchen" spricht man in Brissago nicht so gerne, das Wort "Genuss" steht im Vordergrund. So lässt sich die Förderung von Sport durch einen Rauchwarenhersteller besser erklären.

Leusen: "Schach und Dannemann stehen für Tradition, völkerverbindende Kultur und Lebensfreude." Diese Philosophie lässt sich der Sponsor einiges kosten: Rund 1,5 Mio. Franken steckt Dannemann allein in die Schach-WM.

Oben Genuss, unten Arbeit

Während im oberen Stockwerk die intellektuell-sportliche Auseinandersetzung am Schachbrett im Beisein internationaler Gäste läuft, ist in den unteren Stockwerken und im Nebengebäude Alltag angesagt. Rund 80 Mitarbeitende, vorab Grenzgängerinnen aus Italien, müssen die Produktion am Laufen halten.

Im alten Gebäude werden die Klassiker Brissago und Toschani hergestellt. Wo einst Hunderte von Arbeiterinnen die langen und dünnen Zigarren mit dem eingelegten Halm drehten, arbeiten heute weitgehend Maschinen.

Nur bei Führungen für Touristen und Gruppen zeigt eine altgediente Mitarbeiterin, wie es einmal zu- und herging: In atemberaubender Geschwindigkeit dreht sie die Zigarren.

Seit einigen Jahren führt zudem eine Brasilianerin vor, wie echte kubanische Zigarren hergestellt werden. Die Handgedrehten werden nur ab Fabrik verkauft.

Umsatz- und Gewinnzahlen bleiben geheim

Was Dannemann in dieser Fabrik umsetzt und welche Gewinne erwirtschaftet werden, ist geheim. Öffentlich ist dagegen, dass zirka 38 Mio. Stück an Rauchwaren fabriziert werden, davon 5 Mio. Brissago und 4 Mio. Toschani.

Den Löwenanteil machen Dannemann-Produkte aus, die seit der Übernahme der Fabbrica Tabacchi 1999 durch den Weltkonzern an den Gestaden des Lago Maggiore hergestellt werden. Kurios: Exportiert wird von Brissago aus in die ganze Welt, nur nicht in die EU. "Die Zölle sind einfach zu hoch", sagt Guido Eberle von der Geschäftsleitung.

Die Koexistenz des Kulturzentrums mit der Tabakfabrik scheint kein Problem zu sein. "Bei vielen Events melden sich die Mitarbeitenden aus der Fabrik freiwillig zum Helfen", sagt Managerin Rosanna Pierantognetti.

Denn viele Mitarbeitende fänden es interessant, bei einem mondänen Ereignis wie einem Gala-Dinner nach der Miss-Schweiz-Wahl 2003 oder Segelregatten dabei zu sein. Umgekehrt will die Managerin den Gästen des Kulturzentrums keine heile Welt vorgaukeln: "Man soll durchaus sehen, dass wir hier in einer Tabakfabrik sind, in der gearbeitet wird."

swissinfo, Gerhard Lob

In Kürze

Vom 25. September bis 18.Oktober tritt der Ungar Peter Leko (25) gegen den russischen Schachweltmeister Wladimir Kramnik an.

Es ist der erste WM-Kampf nach vier Jahren. Die Entscheidung fällt in 14 Partien.

Veranstalter und Sponsor des Zweikampfes ist der Zigarren-Hersteller Dannemann, der die weltweiten Rechte an dem WM-Duell hält.

Für das Turnier investiert Dannemann 1,56 Mio Franken.

Das neue Kulturzentrum in der historischen und immer noch aktiven Tabakfabrik Brissago ist ein ungewöhnlicher Austragungsort.

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