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Tschernobyl bleibt aktuell

Das AKW ist nicht mehr in Betrieb - Ende Dezember 2000 wurde der letzte Reaktor stillgelegt.

(Keystone)

Auch 16 Jahre nach der Atom-Katastrophe von Tschernobyl sind die Folgen nicht überwunden. Die Schweizer Anti-Atom-Lobby wirft den Behörden "Desinformation" vor.

Am 26. April 1986 war im Atomkraftwerk Tschernobyl ein Reaktorblock explodiert. Der "grösste anzunehmende Unfall" (GAU) war eingetroffen, eine radioaktiv verseuchte Wolke zog über Ost- und Westeuropa. Der Streit um Sinn und Unsinn der zivilen Nutzung der Atomenergie war neu lanciert, auch in der Schweiz.

Gefährliches Altern

Zum Jahrestag der Katastrophe erklärte die Vereinigung "Strom ohne Atom" nun, sie wolle verstärkt gegen die "Desinformation" kämpfen, der die Bevölkerung zum Opfer falle. Seit 16 Jahren habe man die Auswirkungen von Tschernobyl heruntergespielt, erklärte Philippe de Rougemont, Westschweizer Koordinator von "Strom ohne Atom" ("Sortir du nucéaire").

Die Atom-Gegnerschaft hat nach eigenen Angaben bisher erfolglos versucht, vom Bundesrat Informationen zu erhalten über die Konsequenzen der Katastrophe von Tschernobyl auf die Schweiz. Die bisherigen Antworten bezeichnete "Strom ohne Atom" als wenig stichhaltig und überholt.

Für Christian van Singer, Kopräsident von "Strom ohne Atom", schützt der Staat anstelle der Bevölkerung die Atomindustrie. Die Schweizer Kontrollbehörden seien zu stark mit der Atomlobby verhängt, kritisiert der grüne Waadtländer Grossrat.

Besonders Sorge macht dem Anti-Atom-Aktivisten die Sicherheitsfrage im Zusammenhang mit dem Alter der AKW in der Schweiz. "Unsere Kraftwerke altern und sie altern schlecht", bringt der Physiker seine Kritik auf den Punkt.

Risse im Kernmantel

Beispiel Mühleberg: Nach 30 Betriebsjahren zeigen sich im Kernmantel Risse. Da man die Risse nicht flicken kann, begnüge man sich damit, ihre weitere Ausdehnung einzuschränken, Flickwerk sei dies, nicht mehr, wettert van Singer.

Dabei verweist er auf das Atomkraftwerk im deutschen Würgassen. Dort habe man dieselben Probleme gehabt wie in Mühleberg und 1994 beschlossen, die Zentrale vom Netz zu nehmen.

Noch mehr Anlass zu Sorge gab den Atom-Kritikern die Lage im AKW Davis-Besse in den USA. Dort habe man bei einer Routinekontrolle im Februar entdeckt, dass der 15 Zentimeter dicke Deckel des Reaktor-Druckbehälters von Bor zerfressen sei. Die Säure ist für den Betrieb der Zentrale unerlässlich.

Die Löcher seien teilweise bis zu 14 Zentimeter dick, erklären die Atom-Gegner und verweisen darauf, dass es sich beim betroffenen Reaktor in den USA um denselben Typ AKW handle wie bei den Kernkraftwerke Beznau I und II.

Ausstieg vors Volk

Die Atom-Gegner nahmen den Tschernobyl-Jahrestag zum Anlass, erneut auf ihre Anliegen hinzuweisen. Die Nutzung dieser Energieform sei zu riskant, die Gefahren zu gross, untermauern sie ihre Forderung nach dem Ausstieg aus der Atomenergie.

Van Singer betont, dass die meisten Staaten in Europa heute auf den Ausstieg setzten. "Alle ausser Grossbritannien, Frankreich, Finnland und die Schweiz", erklärt er.

In Deutschland wird der Atom-Ausstieg am 27. April Gesetz. Das neue Gesetz sichert eine Vereinbarung, welche die Regierung mit den Energie-Konzernen im Juni 2000 geschlossen hatte. Als erstes soll 2003 das AKW Stade bei Hamburg vom Netz gehen. Insgesamt soll es 20 Jahre dauern, bis der letzte Reaktor abgestellt ist.

In der Schweiz wird sich das Stimmvolk nächstes Jahr zu der Frage äussern können: Die Initiativen "Strom ohne Atom" und Moratorium plus" kommen zur Abstimmung.

Kritik: Zuwenig Unabhängigkeit

Kritisiert wird von der Schweizer Anti-Atomkraft-Bewegung auch, dass die Hauptabteilung für die Sicherheit der Kernanlagen (HSK) zum Bundesamt für Energie gehört. Zudem seien HSK-Kaderleute Mitglied bei der Schweizerischen Vereinigung für Atomenergie (SVA).

Diese Nähe zwischen Bund, Nuklearindustrie und Überwachungsbehörde wurde vor zwei Jahren auch von der Internationalen Atomenergie-Agentur (IAEA) gerügt. Nach IAEA-Ansicht ist die Unabhängigkeit der HSK unter diesen Bedingungen "nicht garantiert".

Dem soll Abhilfe geschaffen werden. Ein Gesetzesentwurf sieht eine Trennung der HSK vom Bundesamt für Energie vor. Und was die Kritik der VSA-Mitgliedschaft angeht, erklärt HSK-Kader Hans Pfeiffer, er sei Mitglied und lese die Bulletins der VSA, dies behindere aber seine Unabhängigkeit nicht.

Doch der Atomkritiker Christian van Singer beharrt auf seiner Sicht der Dinge: Für ihn ist die HSK ein verlängerter Arm der Atom-Lobby. Sie habe die Tendenz, "den Profiten der Nuklearindustrie statt der Sicherheit der Bevölkerung" Vorrang zu geben. Er habe schlicht kein Vertrauen in die Atomsicherheits-Institutionen.

Auswirkungen auf Millionen

Der Brand in Tschernobyl, die bisher grösste Katastrophe in der Geschichte der zivilen Nutzung der Kernenergie, hatte Millionen von Menschen getroffen. Das genaue Ausmass der durch Radioaktivität ausgelösten Krankheiten und Todesfälle bleibt umstritten. Aus der Ukraine werden aber noch immer neue Krebserkrankungen gemeldet.

Nach amtlichen Angaben starben rund 4000 der eingesetzten Helfer. Rund 70'000 Menschen wurden in der Ukraine erwerbsunfähig. Insgesamt leiden nach Angaben der Vereinten Nationen in der Ukraine, Russlands und Weissrusslands noch heute rund sieben Millionen Menschen an den Folgen der Katastrophe.

Radioaktive Pilze im Tessin und Graubünden

In der Schweiz waren vor allem das Tessin und die Südtäler Graubündens betroffen. Noch heute sind dort in gewissen Gegenden erhöhte Caesium-Werte zu messen, wie das Bundesamt für Gesundheit (BAG) bestätigt. Die Werte seien zwar erhöht, die Menschen dort aber keiner unzulässigen Bestrahlung ausgesetzt, heisst es in Bern.

Rita Emch und Marc-André Miserez


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