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Ungewöhnlicher Streik bei Swissmetal Boillat

Streikende Arbeiter im Werk Boillat Swissmetal in Reconvilier. Keystone

Die Kraftprobe zwischen den Streikenden und der Direktion von Swissmetal Boillat SA setzt sich am Mittwoch mit einer weiteren Demonstration fort.

Dieser Inhalt wurde am 23. November 2004 - 14:34 publiziert

Arbeiter, Führungskräfte, ja das ganze Tal im bernjurassischen Reconvilier fordern die Entlassung des Generaldirektors der Gruppe, Martin Hellweg.

Dienstag, 8. Tag des Ausstandes. "Unser Streik ist in der Schweiz einmalig, er verunsichert die Arbeitgeber gleichermassen wie die Gewerkschaft", sagt Hung quoc Tran, Produktionsschef der "Boillat", der Fabrik von Reconvilier.

Die Gehälter haben sich in den letzten vier Jahren kaum bewegt und eine eine verstärkte Flexibilität hielt Einzug. Die laufende Umstrukturierung zielt darauf ab, dass ein Teil der Substanz auf den Standort Dornach im Kanton Solothurn übertragen wird. Dieser beschäftigt ebenfalls 400 Personen, dreiviertel davon Grenzgänger.

Aber für Tran liegt die Hauptursache für den Streit bei Swissmetal in der Strategie des neuen Generaldirektors, Martin Hellweg. Sein Abgang bleibt die Hauptforderung der Streikenden. "Dabei läuft die Fabrik gut und die Auftragsbücher quellen über".

Die Lage im Unternehmen, das auf Kupfer-Halbfabrikate spezialisiert ist, hat sich am Montag ein wenig entspannt. Am Dienstag begannen die Verhandlungen zwischen den Sozialpartnern unter der Schirmherrschaft der Berner Regierung.

Spontane Bewegung

Alles hatte vor einer Woche begonnen. Die Nachricht der Entlassung des Werkdirektors André Willemin hatte sich innert Minuten in der Fabrik verbreitet. Die 400 Arbeiter, Angestellten und Kader riefen spontan einen unbefristeten Streik aus.

"Das war einfach zu viel!" Hung quoc Tran erklärt gegenüber swissinfo, dass sich die Situation seit Martin Hellwegs Eintritt als Generaldirektor der Gruppe in Dornach, kontinuierlich verschlechtert habe.

Der 37-jährige Deutsche war eingestellt worden, um das kränkelnde Unternehmen zu retten. Er erhielt Ende Juni grünes Licht der Aktionäre, die Gruppe umzustrukturieren. Dies umfasst auch eine Refinanzierung durch eine Kapitalerhöhung von 51,3 Mio. Franken.

Lückenhafte Strategie

"Er hatte Erfolg bei der Refinanzierung der Gruppe, das ist sehr gut. Aber sein Management-Stil ist sehr schroff, er hört nicht gern auf andere," sagt Tran.

Zu erwähnen ist auch die Einführung einer fehlerhaften Verwaltungs-Software. Darauf wandten sich Anfang Oktober die Führungskräfte besorgt an den Verwaltungsrat und forderten den Rausschmiss von Martin Hellweg.

"Unser Werkdirektor versuchte den Verwaltungsrat davon zu überzeugen, in bester Schweizer Tradition einen Konsens zu finden. Aber er wurde innert fünf Minuten gefeuert", erzählt Hung quoc Tran.

Ein Management-Konflikt

Auch am Dienstag standen die Maschinen zum achten aufeinanderfolgenden Tag still, da man den Ausgang der Vermittlungsgespräche erwartete, die von der Berner Regierungsrätin Elisabeth Zölch initiiert wurden. Die Mitarbeiter riefen auch die Aktionäre dazu auf, sich schnell zu mobilisieren.

So meint denn auch François Carrard, der Präsident des Verwaltungsrates, gegenüber den Medien, es sei nicht so sehr ein von der Basis ausgehender Streik, sondern eher ein Management-Konflikt.

Die General-Direktion dagegen hält mit ihrer Ungeduld nicht hinter dem Berg zurück. Martin Hellweg schätzte, als er am Montag in Zürich die Quartalsergebnisse vorstellte, dass der Streik Reconvilier zu einem Risikostandort mache. Immerhin seien Investitionen von mindesten 50 Mio. Franken vorgesehen.

Die Gewerkschaft Unia, die von den Personal- und Betriebskommissionen ein Mandat erhalten hat, kann deshalb eine gewisse Verlegenheit nicht verbergen.

"Die Leute sind sich der Risiken, die sie auf sich genommen haben, sehr wohl bewusst", sagt Fabienne Blanc-Kühn von der Unia. Je länger ein Streik dauere, es desto schwieriger sei, ihn wieder zu beenden.

Starke Unterstützung durch die Bevölkerung

Die Ereignisse bringen die ganze Region durcheinander. Die Fabrik Boillat, im 19. Jahrhundert gegründet, beliefert die Uhrenindustrie und hat Generationen von Menschen aus der Region Arbeit gegeben.

Trotz der Schaffung der Holding Swissmetal im Jahr 1986 nach der Fusion mit dem Werk in Dornach, nennen sie die Menschen in der Region immer noch "Boillat" oder "unser Juwel".

Jeden Tag versammeln sich Streikende und Sympathisanten in den Strassen von Reconvilier, einem Dorf von 2300 Einwohnerinnen und Einwohnern. "Wir erhalten grossartige Unterstützung," freut sich Hung quoc Tran. "Und das aus allen umliegenden Dörfern, aber auch von unseren Kunden, die über die ganze Schweiz verstreut sind."

Eine wichtige Demonstration ist für Mittwoch vorgesehen. Daran sollen auch politische Vertreter teilnehmen.

swissinfo, Isabelle Eichenberger

(Aus dem Französischen: Etienne Strebel)

In Kürze

Das Werk "Boillat" wurde 1855 in Reconvilier im Berner Jura gegründet.

Es entwickelt, produziert und vertreibt Produkte aus Kupfer (Halbfabrikate aus Kupfer und Kupferlegierungen).

1986 wurde es mit Dornach und Selve zur einer Holding fusioniert.

Swissmetal – UMS Usines Métallurgiques Suisses Holding SA hat ihren Sitz in Bern.

Die Fabriken in Reconvilier und in Dornach (Solothurn) beschäftigen je rund 400 Mitarbeitende.

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Fakten

Der Deutsche Martin Hellweg wurde in Juni 2003 geholt, um die überschuldete Unternehmung wieder auf Vordermann zu bringen.
Von den Aktionären erhielt er Ende Juni 2004 grünes Licht für seinen Restrukturierungsplan.
Dieser sieht eine Refinanzierung vor, über eine Kapitalerhöhung von 51,3 Mio. Franken.
In den ersten neun Monaten des laufenden Jahres hat Swissmetal seinen Bruttoumsatz um 22% auf 155,4 Mio. Franken erhöhen können.
Der Brutto-Bearbeitungsumsatz (Bruttoumsatz ohne Metallwert) wuchs um 11%.
Die Nettoverschuldung konnte in eine Netto-Cash-Position umgewandelt werden.

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