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Stresstest in der Vorzeigedemokratie?

Keystone / Ringo H.w. Chiu

Noch ist die amerikanische Präsidentschaftswahl nicht vorbei. Wir haben Einschätzungen, Eindrücke und Kommentare von Schweizer Medien gesammelt.

Dieser Inhalt wurde am 05. November 2020 - 13:25 publiziert

Nach einem Wahlkampf, der sich über eine gefühlte Ewigkeit hinzog, kam es in den USA endlich zum Showdown: Rund 160 Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner wählen einen neuen Präsidenten. Das sind rund 67% aller Stimmbeteiligten – der höchste Anteil seit Jahrzehnten.

Nun entpuppt sich der Wahlgang selber nicht als Sprint, sondern eher als ein Mittelstrecke-Rennen: Die endgültigen Resultate sind noch immer nicht eingetroffen, was vor allem damit zu tun hat, dass es äusserst knapp wird. Die meisten Bundesstaaten haben die Stimmen schon ausgezählt, dennoch ist es ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Was bisher feststeht, ist dass sich die schlimmsten Befürchtungen nicht realisiert haben: Es kam nicht zu Ausschreitungen zwischen rivalisierenden Parteianhängern, auch sind keine Fälle von Wahlfälschung bekannt geworden. Im Vorfeld wurden von beiden Seiten teils düstere Szenarien gemalt – und der Präsident goss mit seinen Tweets und Aussagen weiteres Öl ins Feuer.

"Mit dem Versuch den Sieg für sich zu beanspruchen, will der Mann, der schneller als sein Schatten twittert, dem Abstimmungsergebnis seine Sicht aufzuzwingen. Gleichzeitig schafft er eine explosive Atmosphäre", schreibt die Friburger Tageszeitung La LibertéExterner Link.

Letztlich aber, so schreibt die Neue Zürcher Zeitung in einem KommentarExterner Link am Mittwochmorgen, verliefen die Wahlen korrekt und ungestört – trotz dem aufgeheizten politischen Klima. Die Zeitung hält fest: "Die USA sind durchaus noch der grosse demokratische Verfassungsstaat, der das Vorbild für die Demokratien in einem Grossteil der westlichen Welt war."

Dabei kam es eigentlich genau so, wie Beobachter es vorausgesehen hatten. Trump hat sich vorzeitig zum Sieger gekürt, über Wahlbetrug gesprochen und gefordert, das Auszählen der übrigen Stimmen zu stoppen – freilich ausgerechnet in jenen Bundesstaaten, in denen voraussichtlich sein Konkurrent Joe Biden das Rennen macht.

Eine Rolle spielt dabei "Trumps Haus-und-Hof-Sender", wie der Tages-Anzeiger den konservativen TV-Sender Fox News bezeichnet. In einem Blick hinter die KulissenExterner Link des einflussreichen Medienhauses wird aufgezeigt, dass während der Wahl nicht streitsüchtige Moderatoren das Zepter führten, sondern gemässigte Statistiker, die in der Produktion sassen. Das Fazit: "Es war für Fox-News-Verhältnisse eine erstaunlich wenig krawallige Nacht." Die internen Checks-and-Balances scheinen vorerst einmal funktioniert zu haben.

Was bleibt? Nicht alle sind mit der optimistischen Einordnung der NZZ einverstanden. Für den Politikwissenschaftler Christoph Frei hat der Wahlkampf die denkwürdige Spaltung des Landes schon lange aufgezeigt, wie er in einem Interview mit WatsonExterner Link sagt. Das habe nicht ausschliesslich mit Trump zu tun. So oder so: "Die einstmals führende Demokratie des Westens verliert nun weiter an Glaubwürdigkeit. Heute ist nicht einmal mehr gewiss, ob die USA freie und faire Wahlen veranstalten kann."

Von einem "Stresstest für die Demokratie" spricht auch Isabelle Jacobi, die USA-Korrespondentin von SRF. In ihrer AnalyseExterner Link geht sie davon aus, dass nach der Stimmenzählung ein juristischer Kleinkrieg losgehen wird. Und sie sagt: "[..] ein Happy End wird es bei dieser Geschichte dennoch nicht geben. Denn die Hälfte der US-Wähler und -Wählerinnen wird sich betrogen fühlen, wer auch gewinnt."

Die Waadtländer Zeitung 24 heuresExterner Link erinnert daran, dass: "Auch wenn seine Gegner Mühe haben, dies zuzugeben, ist Donald Trump immer noch die Stimme des halben Landes." Und diese Hälfte sei überzeugt, dass die Energie und der Optimismus des Präsidenten für das Land nützlicher sind als die von Joe Biden versprochene Rückkehr zu Anstand und Beschwichtigung.

Im Übrigen ist der Wahlkampf nicht nur für Politiker aufreibend, sondern mindestens genauso auch für Journalisten. Das Medienportal Persönlich.com hat Stimmen aus der Schweizer MedienlandschaftExterner Link gesammelt. Diese sind so unterschiedlich wie unterhaltsam, etwa wenn Patrick Müller, Chefredaktor CH Media, von der "wahrscheinlich verrücktesten Wahl unseres journalistischen Lebens" schreibt. Und Stefan Barmettler, Chefredaktor Handelszeitung, meint: "Ich habe die Wahlnacht im Bett erlebt, denn nichts ist öder als eine Wahlnacht." Eines ist sicher: Die US-Wahlen lassen niemanden kalt.

Zu guter Letzt: Wir haben auch Videobeiträge von einem Auslandschweizer und einer Auslandschweizerin erhalten. Nick ist Anhänger der Republikaner, Laure unterstützt die Demokraten. Beiden ist die Anspannung über die sich in die Länge ziehende Wahl anzusehen, auch ihr Unbehagen gegenüber der gegnerischen Partei. Was bleibt, ist die Hoffnung auf einen friedlichen Wahlausgang.

Schauen Sie hier das Video mit Nick und Laure:

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