Waadt will Drogentests für kiffende Schüler

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Eine Mehrheit des Waadtländer Kantonsparlaments hat sich am Dienstag für Cannabis-Tests an öffentlichen Schulen ausgesprochen. Verschiedene Fachverbände und der Dachverband der Schweizer Lehrer kritisieren diesen Entscheid.

Dieser Inhalt wurde am 24. April 2008 - 11:29 publiziert

Kiffende Jugendliche sind nicht nur für die Eltern ein Problem, sondern auch für die Schulen. Im Kanton Waadt soll schon bald rigoros gegen kiffende Schüler vorgegangen werden - und zwar mit Urin- und Speicheltests.

Das fordert jedenfalls eine Mehrheit des Waadtländer Kantonsparlaments. Am Dienstag hat der Grosse Rat mit 72 gegen 64 Stimmen eine Motion überwiesen, die an öffentlichen Schulen Cannabis-Tests erlauben soll.

Für den Vorstoss, der vom Grossrat der Zentrumsallianz Jacques-André Haury eingereicht worden war, hatten sich namentlich die Freisinnigen, die Liberalen und die Abgeordneten der Schweizerischen Volkspartei (SVP) stark gemacht.

Klare Faktenlage schaffen

Haury verteidigte das Anliegen damit, dass die Schule machtlos sei, wenn ein Schüler oder eine Schülerin den Konsum von Cannabis leugne. Dank der Urin- oder Speicheltests könne man wenigstens eine klare Faktenlage schaffen.

Es gehe nicht darum, flächendeckende Kontrollen an Schulen einzuführen, sagte Haury in der langen Debatte, die der Abstimmung vorausging. Die Tests sollen vor allem in Verdachtsfällen zur Anwendung kommen.

Heute würden Hanf konsumierende Schüler nicht bestraft, sondern zum Schularzt gebracht. "Kiffen ist keine Krankheit, sondern ein Verstoss gegen das Gesetz", so Haury.

Mit dieser Argumentation nicht einverstanden waren die Abgeordneten der Sozialdemokratischen Partei (SP), der Grünen und die Links-Allianz "A gauche toute!". Sie kritisierten, dass mit solchen Cannabis-Tests der Schule eine repressive Aufgabe aufgebürdet werde, die ihren pädagogischen Zielen zuwiderlaufe.

Ausserdem würden den Schulen heute bereits genügend Mittel zur Verfügung stehen, um gegen den Hanf-Missbrauch der Schüler vorzugehen. Das Schulgesetz verbiete Drogen-, Alkohol- und Tabakkonsum. Die Eltern würden umgehend informiert, wenn jemand dagegen verstosse. Zudem könne nötigenfalls auch die Justiz eingeschaltet werden.

Nicht mit Lehrerberuf vereinbar

Kritik an den Cannabis-Tests kommt auch von Fachleuten. Bereits letzte Woche haben sich die Schweizerische Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA), der Fachverband Sucht, die Schweizerische Gesellschaft für Suchtmedizin (SSAM) und das Groupement Romand d'Etudes des Addictions (GREA) in einer gemeinsamen Medienmitteilung gegen Drogentests an Schulen ausgesprochen.

Solche Tests seien kontraproduktiv, heisst es in der Medienmitteilung. Die Schule müsse das Problem frühzeitig erkennen und mit dem Kind das Gespräch zu suchen. Drogentests würden nur ein Klima der Angst und des Misstrauens schaffen.

"In der Schule steht die Förderung der Jugendlichen im Zentrum. Ihr gleichzeitig den Vollzug repressiver Massnahmen aufzubürden, beeinträchtigt ihren pädagogischen Auftrag", schreiben die Fachverbände weiter. Diese beiden Rollen seien miteinander unvereinbar.

"Lehrer sind Vertrauenspersonen"

Dieser Meinung ist auch Franziska Peterhans, Zentralsekretärin beim Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH). Die Polizistenrolle vertrage sich nicht mit der pädagogischen Aufgabe der Lehrpersonen. "Lehrer sind Vertrauenspersonen. Es kann nicht ihre Aufgabe sein, solche Tests durchzuführen", sagt Peterhans. Es sei an der Schulleitung, in begründeten Verdachtsfällen die Polizei zu alarmieren oder den schulärztlichen Dienst einzuschalten.

Verletzen solche Drogentests nicht die Persönlichkeitsrechte? An der Schule gelte das Anstaltsrecht und gemäss diesem wäre es rechtlich möglich, Drogentests durchzuführen, sagt Peterhans. Doch wenn man Cannabis-Tests durchführe, so müsste man ihrer Meinung nach theoretisch auch Alkoholkontrollen machen.

Könnten vielleicht schon bald auch Drogentests für kiffende Lehrer gefordert werden? Das würde entschieden zu weit gehen, so Peterhans. "Das Problem besteht vielleicht mehr in Bezug auf Alkohol als auf Cannabis. In diesen Fällen muss die Schulleitung das Gespräch suchen oder allenfalls die Schulbehörde einschalten."

Härteres Durchgreifen gefordert

Der Ruf nach härterem Durchgreifen bei Kiffern an den Schulen ist nicht neu: Bereits 2004 verlangte der Berner SVP-Nationalrat Thomas Fuchs in einer Motion an den Regierungsrat "klare Disziplinarrichtlinien" für kiffende Schüler. So etwa den definitiven Schulausschluss für Wiederholungstäter.

Fuchs erhielt dabei Unterstützung von seinem Parteikollegen Carlo Kilchherr. Dieser forderte den Regierungsrat auf, ein griffiges Instrument zu erarbeiten, um Drogenkonsum in Berner Schulen festzustellen und durch Wegweisung zu ahnden. "Verladene und bekiffte oder alkoholisierte Schüler gehören nicht in die Berner Schulstuben", heisst es in seiner Motion. Die beiden Vorstösse wurden damals abgelehnt

Anders im Kanton Basel-Landschaft: Im Kampf gegen Joint rauchende Jugendliche an den Schulen haben sich die Behörden 2007 für Cannabis-Tests ausgesprochen. Wie auch im Kanton Waadt fehlt jedoch dafür noch eine gesetzliche Grundlage.

swissinfo, Corinne Buchser

Kiffende Schüler

Die Schweizerische Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA) führt im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit alle vier Jahre eine Studie bei Schülerinnen und Schülern durch.

Im Jahr 2006 konnte laut SFA der seit Jahren anhaltende Aufwärtsrend beim Kiffen gestoppt werden: 2006 gaben 34% der 15-jährigen Knaben und 27% der gleichaltrigen Mädchen an, schon mindestens ein Mal Cannabis konsumiert zu haben.

2002 waren es 46% der Knaben und 37% der Mädchen gewesen.

Der Cannabis-Konsum von Jugendlichen lag laut SFA im Jahr 2006 wieder auf dem Niveau von 1998.

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Drogentests

Bei den SBB werden unter 40-jährige Mitarbeiter mit Sicherheitsfunktionen wie Lokführer, Kondukteure, Rangier- und Gleisarbeiter im Rahmen eines routinemässigen Gesundheitschecks auf Drogen untersucht.

Die SBB akzeptiert den Konsum von Drogen weder während, noch ausserhalb der Arbeitszeit. Bei einem positiven Ergebnis wird eine Abstinenzerklärung verlangt.

Das Bundesamt für Verkehr will bis 2009 für alle Angestellten mit Sicherheitsaufgaben im öffentlichen Verkehr Drogentests einführen.

Im Jahr 2000 hatte der Eidgenössische Datenschutzbeauftragte Hanspeter Thür vom Basler Pharmakonzern Roche verlangt, die Drogentests einzustellen, welche der Konzern bei seinen Lehrlingen durchführen liess. Da Roche nicht einlenkte, schaltete Thür die Eidg. Datenschutzkommission (EDSK) ein. Diese befand die Tests für unverhältnismässig und persönlichkeitsverletzend. Roche musste die Tests einstellen.

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