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Wenn Lesen zur Qual wird

Packungsbeilagen bei Medikamenten, für viele in der Schweiz ein zu schwieriger Text.

(swissinfo.ch)

Die Schweiz hat keine Analphabeten. Dem Land macht aber das Phänomen Illettrismus zu schaffen. Eine Studie will die Öffentlichkeit sensibilisieren.

Alle Kinder in der Schweiz gehen neun Jahre zur Schule. Wenn sie die Volksschule verlassen, kennen alle das Alphabet. Aber nicht alle wissen mit der Aufreihung der Buchstaben umzugehen. Dieses Phänomen nennt man "Illettrismus".

Rund 9% der einheimischen Bevölkerung besitzen eine Lesekompetenz "auf bescheidenem" Niveau. Weitere 31% verfügen über eine Lesekompetenz, die zwar im persönlichen Alltag knapp genügt, aber für den beruflichen Alltag zu gering ist.

Diese Zahlen werden in der Studie "Illettrismus - wenn Lesen ein Problem ist" des Bundesamtes für Kultur und der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung genannt.

Gemäss der Studie liegt der Anteil der Leute, die unter Illettrismus leiden, bei der ausländischen Wohnbevölkerung noch höher. Fazit: Viele Leute in der Schweiz können beispielsweise mit der immer wieder zitierten Packungsbeilage zu einem Medikament nichts anfangen.

Lesen heisst nicht verstehen

Die Untersuchungen zur Studie über Illettrismus zeigen weiter, dass Lesen noch nicht gleich Verstehen heisst. Die Diskrepanzen zwischen den Anforderungen hinsichlich der Schriftsprache und den vorhandenen Kompetenzen bergen für die davon Betroffenen und für die Gesellschaft Risiken, zum Beispiel indem Medikamente falsch eingenommen werden. Gegenmassnahmen tun Not, allerdings stossen sie auf diverse Schwierigkeiten.

Um den Kampf gegen Illettrismus in der Schweiz zu führen, müssen zuerst die Bedingungen dafür geschaffen werden. "Noch sind sie nicht geschaffen", sagte Christoph Reichenau, Vizedirektor des Bundesamtes für Kultur. "Zuerst muss man die Angebote schaffen, bevor man sie den Betroffenen unterbreitet."

Es brauche eine öffentliche Diskussion, meinte Reichenau, um die Betroffenen zu erreichen und die Politik aufzurütteln. Sie müsste die erforderlichen Gelder bereitstellen.

Tabus brechen

Kann man überhaupt davon ausgehen, dass alle Leute in der Schweiz die Fähigkeiten mitbringen, einen mittelschweren Text zu lesen und zu verstehen?

"Untersuchungen zeigen, dass bei normaler Intelligenz das Lesen für alle möglich ist", sagt Silvia Grossenbacher, Mitautorin der Studie gegenüber swissinfo. Es seien die äusseren Umstände, welche zu Illetrismus führten. "Darunter verstehe ich beispielsweise prekäre soziale Verhältnisse, inädequater Unterricht in der Schule oder zuwenig Unterstützung von den Eltern oder in Problemlagen."

Man ahne deshalb sofort, wo Gegenmassnahmen ansetzen müssten. "Lesen und Verstehen ist möglich, wenn die Leute entsprechend angeleitet werden, im Erwachsenenleben nachzuholen, was während der Schulzeit verpasst wurde", sagt Silvia Grossenbacher.

Als erstes müssten die Betroffenen aber den Mut haben, sich zu "outen" und die Weiterbildung - falls sie bestehe - anzunehmen. Für Grossenbacher ist da die Anti-Aidskampagne Vorbild. "Hier wurde ein Tabu angesprochen ohne die Betroffenen zu stigmatisieren."

Bildungsföderalismus auch hier ein Problem

Die Studie sei eine Bestandesausfnahme, nun müssten Schritt für Schritt konkrete Massnahmen folgen, hiess es vorsichtig bei der Präsentation in Bern. Das sei in der Schweiz, wo die Schulsysteme kantonal sind, der Bund wenig zentrale Kompetenz habe und dazu überall das Geld fehle, kein leichtes Unterfangen.

Gefordert werden Sensibiliserungs-Kampagnen für Betroffene, Öffentlichkeit und Politik. Die Forschung auf dem Gebiet des Illettrismus weiter ausbauen. Auf sämtlichen Schulstufen seien geeignete Massnahmen zu treffen, namentlich die Früherkennung zu fördern und Nachhol- und Weiterbildungs-Angebote für Erwachsene anzubieten.

"Weiter", so Silvia Grossenbacher, "ist es unabdingbar, dass alle Leute in der Schweiz akzeptieren, dass Bildung immer erfolgen muss". Lebenslage Weiterbildung sei eben kein Schlagwort, sondern bittere Notwendigkeit.

Urs Maurer


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