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Wer soll für die Hooligans bezahlen?

Bewegte die Gemüter: Basler Hooligans stürmten im Mai 2006 den Rasen im St. Jakob Park.

(Keystone)

Die Gewalt innerhalb und ausserhalb von Sportstadien provoziert enorme Kosten für die Sicherheit. Das ist nicht mehr Sache der Steuerzahler, sagen die Behörden in verschiedenen Regionen und bitten die Klubs zur Kasse. Die Sportlobby reagiert empört.

Die Gewalt am Rande der Fussballspiele beschäftigt einmal mehr die Öffentlichkeit in der Schweiz.

Letzte Woche sind 26 Basler Hooligans verurteilt worden, die im Mai 2006 nach dem Meisterschaftsfinale Basel-Zürich an gewalttätigen Ausschreitungen beteiligt waren. Basel hatte damals buchstäblich in letzter Sekunde die Meisterschaft gegen den Erzrivalen verloren.

Die Bilder der Ausschreitungen zwischen Anhängern des FC Basel und der Polizei hatten die Öffentlichkeit schockiert. Der Ruf nach wirksamen Massnahmen wurde laut.

Das Problem ist seither nicht kleiner geworden. Fast jedes Wochenende spielen sich in oder neben Fussball- oder Eishockey-Stadien gewalttätige Szenen ab. Die Rechnung für die Sicherheitsmassnahmen ist oft gesalzen.

Neuenburg und Freiburg mit eiserner Faust

Der Kanton Neuenburg hat diesen Sommer dem FC Neuchâtel Xamax 60 bis 80% der Kosten, also 300'000 bis 400'000 Franken pro Jahr, aufgebrummt. "Inakzeptabel", sagt Präsident und Mäzen Silvio Bernasconi. Er ist der Meinung, dass sein Klub bereits genug Steuern bezahle.

Der Bauunternehmer Bernasconi und der gesamte Xamax-Verwaltungsrat drohen mit dem Rücktritt, wenn der Kanton nicht zurückbuchstabiere. Machen sie ihre Drohung wahr, könnte das für den Traditionsklub das finanzielle Ende bedeuten.

Im Kanton Freiburg beabsichtigen die Behörden, dem Eishockey-Verein Freiburg-Gottéron die Sicherheitskosten aufzuhalsen, die vor allem bei den heissen Derbys gegen den Rivalen aus der Hauptstadt entstehen.

In der Saison 2007/08 kostete das Polizeiaufgebot für die fünf Begegnungen mit dem Schlittschuhclub Bern 430'000 Franken.

Demokratische Debatte

"Es ist nicht vorstellbar, dass wir diese zusätzlichen Kosten bezahlen. Das wäre das Ende des Vereins von Gottéron in der Nationalliga A", beklagt sich Klubpräsident Daniel Baudin.

Der Freiburger Staatsrat Erwin Jutzet, verantwortlich für die öffentliche Sicherheit, beschwichtigt: "Wir wollen lediglich eine demokratische Diskussion eröffnen. Es ist an den Bürgern zu entscheiden, ob sie für die Kosten aufkommen wollen, die ein Verein verursacht hat." Gottéron habe dem Kanton zwar viel Ehre gebracht, sei vielen Menschen aber auch egal, so Jutzet.

Die nationalen Sportverbände unterstützen die Haltung der Clubs: "Die Sicherheit ausserhalb der Stadien ist Sache der Öffentlichkeit", sagt Edmond Isoz, Direktor der Schweierischen Fussball-Nationalliga (Swiss Football League). "Alle Veranstaltungen müssen gleich behandelt werden."

Ähnlich tönt es in der Eishockey-Liga, welche die Freiburger Behörden im Frühling an ihre Sicherheitsaufgaben erinnert hatte.

Stadtberner zahlen

Im Kanton Bern spielen vier Klubs in den jeweils höchsten Ligen: Im Fussball die Berner Young Boys, auf dem Eis der SC Bern, die Langnau-Tigers und der EHC Biel. Bisher stellte die Polizei den betroffenen Städten ihre Aufwendungen in Rechnung.

"Das sind enorme Beträge, für die wir nicht aufkommen könnten", sagt Daniel Villars, Präsident des EHC Biel. "Wir haben das Glück, dass uns die Behörden in der Stadt unterstützen, was nicht überall der Fall ist."

Anders in der Hauptstadt. Hier haben die beiden Grossvereine YB und SCB den Behörden zugesichert, sich jährlich mit je 60'000 Franken am Sicherheitsaufwand der Polizei zu beteiligen. Interessant wird sein, ob andere Klubs dem Berner Beispiel folgen werden.

Unterschiedliche Praxis

Die unterschiedliche Behandlung der Sicherheitskosten in den verschiedenen Regionen verursacht unterschiedliche finanzielle Belastungen und damit unterschiedliche sportliche Voraussetzungen, sagt Edmond Isoz vom Fussballverband. "Dieser Föderalismus ist ungesund. Es braucht eine Harmonisierung unter den Kantonen", betont auch Erwin Jutzet von der Freiburger Kantonsregierung.

Die Summen, um die es geht, sind für die Clubs kein Pappenstiel. In Basel, wo die Gewalttäter rund um die Fussballspiele des FCB regelmässig Schlagzeilen machen, bezahlt der Club 2.20 Franken pro Ticket für Sicherheitsmassnahmen. Dazu kommt ein Pauschalbeitrag von 100'000 Franken pro Risiko-Spiel.

Dieses Prinzip wird auch in Luzern angewendet. Aber viele Vereine hüten sich vor höheren Eintrittspreisen aus Furcht vor leeren Zuschauerrängen. Die Fans wurden bereits letztes Jahr zur Kasse gebeten. Der Bau von neuen Stadien hatte eine Erhöhung der Eintrittspreise zur Folge gehabt.

Kostspieliger Kampf

Der Kampf gegen Hooliganismus ist ausgesprochen kostspielig, aber das Phänomen sprengt den sportlichen Rahmen. Deshalb müsse sich die öffentliche Hand darum kümmern, heisst es in Sportkreisen, und wenn möglich etwas effizienter.

"Wenn es einen echten politischen Willen gäbe, wäre das Problem längst gelöst", vermutet Edmond Isoz.

Hätten die Verbände nicht auch eine wichtige Aufgabe wahrzunehmen bei der Bekämpfung der Gewalt am Rande der Stadien? "Wir könnten Reglemente erlassen und Klubs bestrafen. Aber es ist Aufgabe der Öffentlichkeit, dieses Gesellschaftsproblem zu lösen", sagt Isoz.

"Er hat nicht Unrecht", entgegnet Jutzet. "Die kleine Minderheit der Fans, die Gewalt sät, hat häufig nichts mit Sport am Hut. Trotzdem kann man die Vereine nicht ganz aus der Verantwortung entlassen".

swissinfo, Samuel Jaberg
(Übertragung aus dem Französischen: Peter Siegenthaler)

Bekämpfung des Hooliganismus

2006 hat das Parlament im Hinblick auf die Euro 08 und die Eishockey-Weltmeisterschaft 2009 ein Massnahmenpaket verabschiedet im Kampf gegen Gewalt bei sportlichen Veranstaltungen.

Darunter figurieren Massnahmen wie die Erstellung von Datenbanken von Hooligans oder die Verpflichtung, dass Hooligans während der Spiele bei der Polizei vorsprechen müssen oder nicht an Auslandspiele reisen dürfen.

Angesichts der kantonalen Kompetenzen bei Polizeiaufgaben war das Eidgenössische Parlament der Meinung, dass die Massnahmen auf interkantonaler Ebene mit einem Konkordat abgeglichen werden sollten. Eine Mehrheit der Kantone hat das Konkordat angenommen.

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Vergleich mit Europa

Zahlreiche europäische Länder haben spezielle Gesetze zur Bekämpfung des Hooliganismus erlassen.

England, das in den 1980er-Jahren mit Gewaltexzessen von Hooligans konfrontiert war, hat als erstes Land strenge Massnahmen ergriffen.

Im Allgemeinen werden die Sicherheitsanstrengungen in den Nachbarstaaten der Schweiz von der öffentlichen Hand unterstützt.

In Frankreich und Deutschland übernimmt der Staat die Kosten für die Sicherheit am Rande der Stadien. Die Klubs sind für die Sicherheit im Innern der Stadien verantwortlich, so wie in der Schweiz auch.

Diese Aufteilung der Verantwortlichkeit strebt auch die italienische Regierung an. Besonders rechtsextreme Ultras terrorisieren Klubs, Fans und Öffentlichkeit mit Gewaltexzessen. Diese führten zu mehreren Todesfällen sowohl auf Seiten der Polizei als auch bei den Hooligans.

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