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Humanitäre Krise "Für humanitäre Helfer ist Südsudan eines der gefährlichsten Länder"

Sexuelle Gewalt wird von den Konfliktparteien als Waffe eingesetzt. Frauen sind besonders verletzlich im Südsudan. 

Sexuelle Gewalt wird von den Konfliktparteien als Waffe eingesetzt. Frauen sind besonders verletzlich im Südsudan. 

(Keystone)

Die humanitären Mitarbeiter haben grosse Mühe, der Bevölkerung im Südsudan zu helfen, die Hunger leidet und der "Willkür der bewaffneten Gruppen" ausgesetzt ist. Philippe Besson, Leiter des Schweizer Kooperationsbüros im Südsudan, spricht von einer tragischen Situation, die immer noch schlimmer wird.

Am 20. Februar 2016 wurde offiziell verkündet, dass im Südsudan eine Hungersnot herrscht. Laut Angaben von  drei UNO-Agenturenexterner Link sind bereits 100'000 Personen in verschiedenen Gebieten davon betroffen. 4,9 Millionen Süd-Sudanesen, das sind mehr als 40% der Bevölkerung, benötigen dringend Nahrungsmittel. Die Zahl könnte sich bis im Juli auf 5,5 Millionen erhöhen. 

Philippe Besson, Leiter des Schweizer Kooperationsbüros im Südsudan.

(Anna Weise)

Die Hilfsorganisationen beklagen die Lage als "menschgemacht", und zwar durch einen Bürgerkrieg. Zehntausende Tote und mehr als 3 Millionen Vertriebene sind das Resultat davon. Die Truppen von Präsident Salva Kiir - er stammt aus der Volksgruppe der Dinka - bekämpfen die Anhänger des ehemaligen Vizepräsidenten Riek Machar aus der Volksgruppe der Nuer. Die Vereinten Nationen befürchten einen Genozid vergleichbar mit jenem in Ruanda von 1994.

Philippe Besson leitet seit März 2014 das Schweizer Kooperationsbüro im Südsudan. Er erzählt vom schwierigen Zugang zur leidenden Bevölkerung des jüngsten Staates der Welt, der 2011 durch die Teilung des Sudans ins Leben gerufen wurde.

swissinfo.ch: Der Südsudan sieht sich mit einer Hungersnot und einem Krieg konfrontiert, der nach Ansicht der UNO "katastrophale Ausmasse" angenommen hat. Wie spiegelt sich diese Situation auf dem Terrain wieder?

Philippe Besson: Die Situation ist katastrophal und wird immer noch schlimmer. Zu Beginn des Bürgerkriegs begrenzte sich der bewaffnete Konflikt auf den Nordosten des Landes. Seither hat er sich aufs ganze Territorium ausgeweitet und ist an Gewalttätigkeit kaum zu überbieten. Die Zahl der Hunger leidenden Menschen wird weiter ansteigen. Die unsichere Situation hindert die Leute daran, ihre Felder zu kultivieren, um wenigstens noch einen Teil des Nahrungsmittelbedarfs zu decken. Es ist eine grosse Tragödie, dass durch die kriegerischen Auseinandersetzungen der verletzlichste Teil der Bevölkerung fast nicht zu erreichen ist.

Hinzu kommt, dass die Wirtschaft des Landes kollabierte. Die Löhne wurden der Hyperinflation nur wenig oder gar nicht angepasst und reichen zum Leben nicht aus. Auch die letzten öffentlichen Dienste, die noch funktionierten, nämlich das Bildungs- und Gesundheitswesen, sind mittlerweile zusammengebrochen. Die Helfer sind machtlos.

swissinfo.ch: Wie überlebt die Bevölkerung in diesem Umfeld?

P.B.: Nebst der Hungersnot gibt es ein grosses Problem beim Schutz der Zivilbevölkerung. Sexuelle Gewalt, verübt durch die Regierungstruppen und die oppositionellen Gruppierungen, dient im Konflikt dazu, die Bevölkerung zu instrumentalisieren und zu terrorisieren, wie das auch die Commission on Human Rights in South Sudanexterner Link anprangert. Die Zivilbevölkerung, insbesondere Frauen, Kinder und Alte, sind der Willkür der immer grösser werdenden bewaffneten Gruppen ausgeliefert. Junge Männer riskieren als Kindersoldaten rekrutiert oder von den Streitkräften angeworben zu werden, wenn sie nicht flüchten.

Schlimmste humanitäre Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg

Der UN-Nothilfekoordinator Stephen O'Brien verlangt von der internationalen Gemeinschaft bis im Juli 4,5 Milliarden Franken, um eine "Katastrophe zu verhindern" und spricht davon, "dass die Welt vor der grössten humanitären Krise seit dem Zweiten Weltkrieg stehe, mit mehr als 20 Millionen Menschen, die vom Hunger bedroht sind, und Hungersnöten in vier Ländern": Somalia, Südsudan, Nigeria und Jemen.

swissinfo.ch: Wie kann man die Schwächsten vor sexueller Gewalt schützen?

P.B.: Zum Beispiel unterstützen wir ein Programm einer NGO, das in einem Camp zum Schutz der Zivilbevölkerung eingerichtet wurde. Einerseits begleiten die humanitären Mitarbeiter die Frauen auf der Suche nach Holz, denn die Präsenz von Zeugen verringert das Risiko von sexuellen Übergriffen. Sie beaufsichtigen die Einrichtungen für die Frauen  innerhalb des Camps; abschliessbare, beleuchtete Latrinen wurden installiert.

Schliesslich werden die jungen Männer, die manchmal die verletzlichen Personen terrorisieren, Sensibilisierungsprogrammen unterzogen. Ziel ist, dass sie ihre Taten reflektieren, und ihnen andere Mittel der Beschäftigung aufgezeigt werden. Diese jungen Männer werden zu Kleinkriminellen, weil sie unterbeschäftigt sind, aber auch, weil sie dazu erzogen wurden, ihre Männlichkeit durch Gewalt zu beweisen. Deshalb braucht es andere Modelle und andere Massnahmen, um ihre Energie zu kanalisieren. 

swissinfo.ch: Worauf konzentriert sich die Mission der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA)?

P.B.: Wir investieren in drei Bereiche. Der erste ist die Ernährungssicherheit; wir unterstützen insbesondere die Soforthilfe durch das World Food Programm WFPexterner Link. Wir helfen mit, die Situation jener Bauern zu stabilisieren, die noch in der Lage sind, für sich und die andern zu produzieren. Wir helfen der Zivilbevölkerung, indem wir unseren Fokus auf all das richten, was den Gemeinschaften dient, sich selber zu beschützen. Der Kampf gegen sexuelle Gewalt gehört dazu, doch auch alles andere, was beiträgt, Gewaltkonflikte zu reduzieren, denn im Südsudan gibt es sowohl Konflikte zwischen Ethnien wie auch zwischen Clans. Die Schweiz konzentriert sich auf die Mediation, die Förderung des Friedensprozesses und die Errichtung von Begegnungszentren.

swissinfo.ch: Auf welche Schwierigkeiten stösst die humanitäre Hilfe?

P.B.: Schikanen gehören zum Alltag: Schmiergeldforderungen, Konfiszierung von Material oder das Verweigern von Bewilligungen. Ein Beispiel sind die Hilfstransporte; die Fahrt eines Lastwagens von Juba (Hauptstadt) bis in den Norden des Landes kann mehrere tausend Franken kosten. Dabei handelt es sich nicht um eine offizielle Steuer. Selbsternannte Behörden oder Banditen errichten Strassensperren und verlangen Geld. Wer passieren will, muss zahlen, was die Transporte verzögert. Das Gefühl von Unsicherheit ist das andere grosse Problem. Fast jeden Tag wird ein Mitarbeiter angegriffen oder belästigt. Grund dafür ist die wirtschaftliche Krise; die Leute sind am Ende, sie haben kein Geld, sie haben Hunger, also greifen sie jene an, die da sind und in ihren Augen Geld haben.

swissinfo.ch: Das sind Widrigkeiten, die Konsequenzen auf die Arbeit der humanitären Helfer haben…

P.B.: Man kann von einem veritablen Teufelskreis sprechen. Seit Beginn des Konfliktes mussten wir feststellen, dass der Südsudan für den humanitären Einsatz eines der gefährlichsten Länder der Welt ist. Die Risiken haben noch zugenommen. Die Situation wird immer unerträglicher, was dazu führt, dass immer weniger Leute bereit sind, hierher zu kommen. Und jene, die noch kommen wollen, sind weniger erfahren, obwohl es natürlich auch ganz aussergewöhnliche Persönlichkeiten darunter hat. Im Juli 2016 wurden Kolleginnen eines humanitären Einsatzes in einem Hotel in der Nähe von Juba vergewaltigt. Die Rekrutierungsrate ging augenblicklich zurück. Gewisse Organisationen stellen praktisch keine Frauen mehr ein, weil sie objektiv gesehen stärker bedroht sind.

Glückskette ruft zu Spenden auf

Die Glückskette und ihre Partnerorganisationen schlagen Alarm und rufen zu Spenden auf, um den afrikanischen Ländern zu helfen, die unter Dürre und Hungersnöten leiden: der Südsudan, aber auch Somalia und Nigeria sind betroffen. Mehrere tausend Menschen seien vom Tod bedroht, wenn nichts geschehe, warnen sie.

Spenden können online unter der Website der Glücksketteexterner Link , über die "Swiss Solidarity-App" der Glückskette oder auf das Postkonto 10-15000-6 mit dem Vermerk "Hungersnot in Afrika" überwiesen werden.


(Übertragung aus dem Französischen: Christine Fuhrer)

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