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Longines 300 China-Reisen und ein Leben für die Uhren

(AFP)

Mit seinen 72 Jahren und ohne Computer leitet Walter von Känel ein Unternehmen, das 2012 zum ersten Mal mehr als eine Milliarde Franken umgesetzt hat. Eine Begegnung mit dem charismatischen Patron einer erfolgreichen Schweizer Uhrenfirma.

"Entweder erhältst Du im Leben ein paar Tritte in den Arsch oder Du teilst welche aus". – Walter von Känel war Infanterie-Oberst und hat es geschafft, mit Longines in den engen Kreis jener Uhrenproduzenten aufzusteigen, die mehr als eine Milliarde Jahresumsatz generieren.

In seinem geräumigen Büro im bernjurassischen St. Imier zeigt von Känel gerne die Umsatz-Kurven, die den steilen Aufstieg von Longines in den vergangenen zehn Jahren dokumentieren. Die Dokumente zieht er aus Ordnern, Computer hat er keinen, einen Internet-Anschluss will er nicht.

"Ich will, dass man mich mit diesem Zeug in Ruhe lässt", sagt der Patron, der das Unternehmen, das zur Swatch-Gruppe gehört, seit 25 Jahren leitet und der sich Schritt für Schritt die ganze Karriereleiter hochgearbeitet hat.

Klassische Uhren

"Wie die gesamte Luxusbranche, hat auch die Uhrenindustrie zehn goldene Jahre hinter sich. Die grossen Konzerne dominieren. Dank dem immensen Vertriebsnetz der Swatch-Gruppe und unserer starken Präsenz im fernen Osten hatten wir ein sehr starkes Wachstum, das auch von der Krise im Jahr 2008 nicht gebremst wurde."

Longines ist weltweit führend im Preissegment zwischen 800 und 4000 Franken und ist – hinter Rolex, Omega und Cartier – die Nummer vier der Schweizer Uhrenmarken, sagt von Känel: "Im Gegensatz zu den Neulingen, die aus der Mode- oder der Schmuckbranche kommen, sind wir dem Kerngeschäft treu geblieben. Wir stellen die klassischen Uhren in den Vordergrund und haben uns immer dem Trend zu Preiserhöhungen widersetzt."

Nicht einfach für Neuankömmlinge

Seit 1867 sei Longines in China präsent, erzählt von Känel. "Ich selbst bin seit 1972 mehr als 300 Mal in China gewesen." Mittlerweile verfügt Longines über 400 Verkaufspunkte in China.

"Nach den grossen Metropolen sind wir nun daran, auch die Städte mit zwischen 5 und 10 Millionen Einwohnern zu erobern. Wir geben dafür Millionen von Franken aus. Ich kann Ihnen sagen, dass man es dort den Neuankömmlingen nicht einfach macht."

Das abgeschwächte Wachstum Chinas und die Jagd auf die Luxusuhren an den Handgelenken von Offiziellen haben in den vergangenen Monaten dazu geführt, dass sich die Kurve der Schweizer Uhrenexporte nach China etwas abgeflacht hat.

"Auch wenn gewisse Leute etwas anderes erzählen, ist Longines von den Massnahmen der chinesischen Regierung, die zum Ziele haben, die Geschenke in Form von Luxusartikeln an Beamte einzuschränken, nicht betroffen", sagt von Känel. "Unsere exzellenten Verkaufszahlen für die ersten drei Monate des Jahres zeigen das deutlich."

Walter von Känel

Der Schweizer Staatsbürger wurde 1941 im deutschen Schwerin geboren. Sein Grossvater war 1929 aus der Schweiz ausgewandert.

Vor seinem Eintritt in die Swatch Group (1969) arbeitete er als kaufmännischer Angestellter bei einer Zifferblattfabrik und bei der Eidgenössischen Zollverwaltung.

Der Freisinnige ist Stadtrat von Saint-Imier, Mitglied der Berner Delegation in der Versammlung "Inter Jurassienne" und Mitglied des "Conseil du Jura Bernois".

Er ist Präsident von Longines und als solcher Mitglied der erweiterten Geschäftsleitung der Swatch Group.

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Problem: Fälschungen

Die Tatsache, dass in China immer mehr gefälschte "Schweizer Uhren" auf den Markt kommen, sei "die Quittung für den Erfolg", sagt Kälin, der die täglichen Rapporte seiner Mitarbeiter in China mit grossem Interesse verfolgt.

"Der Kampf gegen die Fälschungen kostet uns viel Geld, aber die Branche verteidigt sich relativ gut. China arbeitet besser mit uns zusammen, seit es 2001 der WTO beigetreten ist."

Am Hauptsitz von Longines arbeiten 800 Personen. Davon sind ein Drittel französische Grenzgänger. Von Känel und seine Marketing-Abteilung richten ihre Blicke permanent auf die Weltmärkte.

"Die Emirate stellen heute so etwas wie das Paradies dar. Die Chinesen kommen hierher, um ihre Einkäufe zu tätigen. Die andern arabischen Märkte leiden etwas unter den Spätfolgen der Revolutionen. In den Ländern des Ostens sind wir stark positioniert. In Nordamerika konnten wir den Einbruch von 2009 parieren, indem wir das Verteilnetz drastisch gestrafft haben."

Uhrenindustrie

Die Uhrenindustrie ist die drittgrösste Exportbranche der Schweiz, nach der Maschinen- und Werkzeug-Industrie und der Pharmabranche.

Die Unternehmen befinden sich vornehmlich in den Kantonen Neuenburg, Bern, Genf, Solothurn, Jura und Waadt.

Ihren Höhepunkt erreichte die Uhrenbranche Ende der 1960er-Jahre, mit fast 90'000 Erwerbstätigen in 1500 Unternehmen.

Zu Beginn der 1970er-Jahre verteilte die asiatische Konkurrenz mit der – notabene in der Schweiz erfundenen, aber von der hiesigen Uhrenindustrie abgelehnten – Quartztechnologie die Märkte neu und stürzte die Schweizer Uhrenindustrie in eine tiefe Krise.

In den 1980er-Jahren beschäftigten die noch bestehenden 500 bis 600 Betriebe rund 30'000 Personen.

Die Gesundung der Branche verlief in zwei Schritten, mit der Massenproduktion vor allem von Swatch-Uhren, gefolgt von einer Zunahme des Interesses an Luxusuhren.

Heute beschäftigt die Branche über 50'000 Angestellte. Im Jahr 2012 exportierte die Schweiz Uhren im Wert vom 21,42 Milliarden Franken, was einer Steigerung von 11% gegenüber dem Vorjahr entspricht.

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Pionier der Zeitmessung

Südamerika sei zurzeit der schwierigste Markt, sagt unser Gesprächspartner. "In Brasilien sind wir nicht aktiv, denn die Praktiken der Beamten sind mit unserer Politik nicht zu vereinbaren", sagt er mit Blick auf die Korruption.

"Ich hoffe, dass sich die Situation bis zur Fussballweltmeisterschaft und zu den olympischen Spielen ändern wird." – Longines ist, was das Marketing betrifft, stark auf Sportsponsoring ausgerichtet und war einer der Pioniere der Zeitmessung bei Sportanlässen.

"Uhren, das ist eine Branche für die Reichen. Entweder bis Du gross genug, um zu investieren oder Du bist nichts." Von Känel ist nach eigenen Angaben einer der grössten Steuerzahler im Berner Jura. Er sieht sich aber auch als Patron mit "sozialer Verantwortung".

Keine Haie um die Füsse

Der verstorbene Nicolas Hayek habe immer gesagt, den guten Maurer erkenne man an der Art und Weise, wie er arbeite. "Auch wenn wir Universitätsabsolventen einstellen, ist unsere Branche noch nicht vom Kult um Zeugnisse betroffen."

Wie steht es um die Regelung der Nachfolge des 72 Jährigen? "Ich habe mir das überlegt, aber ich habe noch kein Datum festgelegt. Ich will nicht einen Haufen Haie um meine Füsse haben."


(Übertragung aus dem Französischen: Andreas Keiser), swissinfo.ch


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