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"Care drain" bedroht bedürftige Länder

Um Pflegefachleute zurückzuhalten, müssten Anreize geschaffen werden, sagen Experten. Medicus Mundi Switzerland

Reiche Länder wie die Schweiz sollen ihren Mangel an Ärzten und Pflegefachleuten nicht auf Kosten von Entwicklungsländern beheben, sondern selber genügend Personal ausbilden. Das fordern Berufs- und Drittweltorganisationen.

Dieser Inhalt wurde am 21. Januar 2012 - 17:00 publiziert
Susan Vogel-Misicka, swissinfo.ch

Medicus Mundi, das in Basel domizilierte Netzwerk von verschiedenen Gesundheitsorganisationen, fordert in seinem Manifest eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Pflegepersonal in der Schweiz und im Ausland. Die Schweiz solle aber auch darauf verzichten, Fachleute in Ländern zu rekrutieren, die unter Personalmangel litten.

"Es entspricht kurzfristigem Denken, den eigenen Mangel mit Fachkräften aus ärmeren Ländern zu beheben", schreiben die 26 Organisationen, die das Manifest unterzeichnet haben.

Sie weisen auch auf den Ethikkodex der Weltgesundheitsorganisation WHO hin, der diese Praxis verurteile – einen Kodex, den die Schweiz im Mai 2010 unterzeichnet habe.

Schwerwiegender Mangel

Gemäss Schätzungen bildet die Schweiz im Pflegebereich jedes Jahr rund 5000 Personen zu wenig aus. Auf 1000 Einwohner entfallen in der Schweiz heute 30 Ärzte und Pflegefachleute. In Entwicklungsländern ist dieses Verhältnis wesentlich ungünstiger. Laut WHO gibt es in 57 Ländern pro 1000 Einwohner weniger als 3 Pflegefachleute. Trotzdem emigrieren viele von ihnen in Länder mit besserer Entlöhnung.

"Die Schweiz muss davon absehen, in Ländern zu rekrutieren, in denen es einen akuten Mangel an Gesundheitspersonal gibt", sagte Martin Leschhorn Strebel von Medicus Mundi an einer Medienkonferenz. Heute wandern diese Arbeitskräfte in die Schweiz ein, auch wenn sie nicht gezielt rekrutiert werden.

"Wünschenswert wäre ein Register von allen ausländischen Personen, die in der Schweiz im Gesundheitswesen tätig sind. Wenn wir wüssten, wie zahlreich sie sind und wo sie leben, könnten wir sie kontaktieren", sagt Christine Rutschmann vom Schweizerischen Roten Kreuz gegenüber swissinfo.ch.

Als Beispiel nennt sie Bulgarien, wo 2011 rund 600 Ärzte ausgebildet wurden. Jedes Jahr verliessen aber 600 Ärzte und 1000 Pflegefachleute das Land, um in Westeuropa nicht selten ältere Leute zu pflegen. In Bulgarien verdienten sie durchschnittlich pro Monat 200 bis 500 Euro (240 bis 605 Schweizer Franken), also wesentlich weniger als sie im Ausland für weniger qualifizierte Arbeit erhielten.

Zufriedenes Gesundheitspersonal

In der Theorie gebe es eine einfache Lösung, sagt Roswitha Koch vom Schweizer Berufsverband der Pflegefachleute (SBK): Jedes Land sollte – unabhängig von seinem Wohlstand – genügend Fachleute ausbilden und alles unternehmen, um diese im eigenen Land zu behalten. Aber in der Praxis sei es eben viel komplizierter.

Die Schweiz sollte ihre Fachausbildung öffnen und die Finanzierung verbessern, sagt Roswitha Koch. Der Beruf sei anspruchsvoll, aber die unbefriedigenden Arbeitsbedingungen führten dazu, dass die Fachleute den Beruf nach durchschnittlich 10 Jahren verliessen.

Koch betont aber, dass die Arbeitsbedingungen weltweit verbessert werden müssten. "Niemand ist motiviert, irgendwo weit draussen auf dem Land zu arbeiten, wo es keine Schule für die Kinder, kein fliessendes Wasser und keine saubere Wohnung gibt", sagt sie gegenüber swissinfo.ch.

Schweizer Kompensation

Svend Capol, Präsident des Schweizer Hilfswerks SolidarMed in Afrika, arbeitete während zweieinhalb Jahren als Arzt in Lesotho. Er hat Verständnis dafür, dass Gesundheitsfachleute aus armen Ländern gerne an Topstandorten Erfahrungen sammeln.

"Alle sollten die Freiheit haben auszuwählen", sagt er gegenüber swissinfo.ch. "Wir könnten aber auch jenen Leuten etwas anbieten, die in ihren Ländern bleiben, seien es Lohnerhöhungen, bessere Behausungen oder Schulbildung für die Kinder. Man kann verschiedene Unterstützungsmöglichkeiten in Betracht ziehen."

Oder wie Roswitha Koch meint, könnte die Schweizer Entwicklungshilfe eine Art Kompensation für den "Care drain" sein, den die Schweiz in Drittweltländern verursache, wenn sie deren Gesundheitsfachleute rekrutiere.

Personalmangel

Weltweit arbeiten rund 60 Millionen Menschen im Medizinbereich. Rund zwei Drittel davon sind im Gesundheitswesen als Ärzte, Hebammen, Pflegefachleute, Apotheker oder Laboranten tätig. Ein Drittel arbeiten in Management, Administration oder Support.

In den letzten 30 Jahren nahm die Zahl des migrierenden Gesundheitspersonals in Europa jährlich um mehr als 5% zu. In Oecd-Ländern sind rund 20% der Ärzte Ausländer.

In einigen Golfstaaten, wie Kuwait oder den Arabischen Emiraten, sind mehr als 50% des Pflegepersonals Migranten.

Gesundheitsfachleute aus den Philippinen (110'000) und indische Ärzte (56'000) machen in Oecd-Ländern den grössten Anteil des migrierten Pflegepersonals aus.

Mehr als 50% des gut ausgebildeten Gesundheitspersonals aus Niedriglohnländern verlassen ihre Heimat wegen besserer Arbeitsbedingungen im Ausland.

Die Länder mit den höchsten Auswanderungsraten für Ärzte sind Haiti, St. Vincent und die Grenadinen, Trinidad und Tobago, Tansania, Sierra Leone, Fidschi, Angola, Mosambik, Guyana, Grenada und Antigua.

(Quelle: WHO 2010)          

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Medicus Mundi

Medicus Mundi ist ein Netzwerk von Organisationen aus verschiedenen Ländern, das sich für die Entwicklung des Gesundheitswesens engagiert.

Medicus Mundi Schweiz ist ein freiwilliger Zusammenschluss von 45 in der internationalen Gesundheitszusammenarbeit tätigen schweizerischen Organisationen.

Das Netzwerk bildet eine Plattform für den Austausch und die Zusammenarbeit zwischen seinen Mitgliedern.

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