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Pflegepersonal aus Nachbarländern "Ohne Grenzgänger müssten wir mehrere Kliniken schliessen"

An den Genfer Universitätsspitälern (HUG) kommt mehr als die Hälfte des Pflegepersonals aus Frankreich.

(Keystone)

Er leitet ein Netzwerk von 17 Kliniken in der ganzen Schweiz: Der Walliser Antoine Hubert gründete 2004 das Swiss Medical Network. In den Betrieben nahe der französischen Grenze kommen teils über 60% der Angestellten aus dem Nachbarland.

swissinfo.ch: Die Schweizer Hotellerie erlebt einen spektakulären Grenzgänger-Boom. Im Spital-Milieu spricht man weniger gerne über dieses Phänomen. Wo liegen die Unterschiede?

Antoine Hubert: Das Problem ist dasselbe. Pflegearbeit ist ein schwieriger und manchmal undankbarer Beruf, bei dem unregelmässige Arbeitszeiten die Regel sind. In der Klinik Genolier im Kanton Waadt sind 63% des Pflegepersonals Grenzgänger, die meisten Ärzte hingegen sind Schweizer und wohnen in der Schweiz.

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Grenzgänger, die Alltags-Migranten

In den letzten 15 Jahren hat sich die Anzahl der europäischen Grenzgänger und Grenzgängerinnen, die in die Schweiz zur Arbeit kommen, verdoppelt.

swissinfo.ch: Gilt das auch für Ihre anderen Kliniken in der Schweiz?

A.H.: Einer der Orte, an dem wir nur wenige Grenzgänger haben, ist Neuenburg. Seltsamerweise kommen hier nur 12% des Personals von ennet der Grenze. In Zürich beläuft sich deren Zahl angesichts der Entfernung zur deutschen Grenze sogar auf weniger als 1%. Allerdings beschäftigen wir viele Deutsche, die sich in der Schweiz niedergelassen haben.

Im Tessin hat unsere Gruppeexterner Link zwei Kliniken in Lugano, hier haben wir 50% respektive 37% italienische Grenzgänger angestellt. Im Jahr 2014 stimmte das Tessin mit überwältigender Mehrheit für die Masseneinwanderungs-Initiative der SVP. Die Tessiner Wirtschaft kann zusammen mit der benachbarten Lombardei auf acht Millionen Einwohner zählen.

swissinfo.ch: Wie gross ist der Lohnunterschied zwischen der Schweiz und Frankreich oder Italien?

A.H.: Die Löhne sind doppelt so hoch oder mehr. Aber die Lebenshaltungskosten in den Grenzregionen sind gestiegen. In der Schweiz beginnt eine neu ausgebildete Pflegefachfrau bei 6000 Franken. Es gibt keinen Vergleich mit der Hotellerie, aber es ist ein qualifizierterer Beruf, manchmal psychologisch anstrengender, vor allem in der Onkologie. Das Personal hat mit Menschen zu tun, die leiden.

Antoine Hubert leitet ein Netzwerk von 17 Privatkliniken in der ganzen Schweiz.

(DR)

swissinfo.ch: Ist das Ausbildungsniveau auf beiden Seiten der Grenze gleich?

A.H.: Die Ausbildung ist durchaus gleichwertig. Manchmal ist das Niveau in Frankreich sogar höher, denn dort werden mehr medizinische Handlungen an die Pflegefachfrauen delegiert, insbesondere Injektionen. Frankreich bildet sehr gutes Spitalpersonal aus.

swissinfo.ch: Bilden wir in der Schweiz nicht genügend Personal aus?

A.H.: Vermutlich. Das kommt auch daher, dass junge Menschen, die in der Schweiz diesen Beruf wählen, weitergehen und Medizin studieren können. Dies ist eine Beobachtung, die in allen Berufen gemacht werden kann: Es gibt eine Tendenz, das Bildungsniveau zu erhöhen, auch wenn dies die Schaffung von arbeitslosen Diplomierten bedeutet. Vielleicht wird der Beruf nicht genügend geschätzt. Wir sollten dies vermehrt tun. Wir machen es, indem wir das Leben unserer Mitarbeiter so angenehm wie möglich gestalten.

swissinfo.ch: Ab dem 1. Juli sollten Kantone wie Genf den Inländervorrang anwenden. Wie werden Sie vorgehen?

A.H.: Ich bin ein überzeugter Europäer und lehne die Masseneinwanderungs-Initiative der SVP ab. Ich wende keine nationale Präferenz an. Ich ziehe es vor, Kompetenz und Erfahrung zu gewichten. Aber wenn es obligatorisch wird, werden wir uns daran halten. Ich habe mir immer gewünscht, dass Mitarbeiter, die in der Nähe wohnen, bevorzugt werden. In Genolier versuche ich die Einstellung von Grenzgängern, die in Annemasse leben, zu verhindern. Zweimal eine Stunde Arbeitsweg pro Tag ergeben keinen Sinn.

swissinfo.ch: Hat die Lohnhöhe Auswirkungen auf den Zustrom von Grenzgängern?

A.H.: In einigen Kantonen gibt es Kollektivarbeitsverträge, aber unsere Fraktion wendet die gleiche Regelung auf nationaler Ebene an. Es gibt keinen Lohnwettbewerb als solchen, mit Ausnahme von sehr spezialisierten Fachrichtungen wie beispielsweise der Radiologie.

"Pflegearbeit ist ein schwieriger und manchmal undankbarer Beruf, bei dem unregelmässige Arbeitszeiten die Regel sind."

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Unsere Stärke ist es, angenehmere Arbeitsbedingungen zu schaffen als in den Spitälern, obwohl sie ihren Mitarbeitenden 20% über unserer Gehaltsskala zahlen. Wir bieten ihnen Flexibilität. So absolvieren die Pflegefachfrauen beispielsweise während drei Tagen Zwölfstunden-Zyklen, gefolgt von vier Tagen Ruhe. Dieser Rhythmus ist oft besser geeignet als der kontinuierliche Achtstunden-Tag. Wir arbeiten sehr leistungsorientiert, was es den Angestellten ermöglicht, ihre Karriere schneller voranzutreiben.

swissinfo.ch: Welche Rolle spielen Gewerkschaften?

A.H.: Es gibt keine Gewerkschaft, denn der Dialog mit unseren Mitarbeitern ist permanent. Weniger als 5% der Mitarbeitenden sind gewerkschaftlich organisiert.

swissinfo.ch: Was würden die Kliniken ohne Grenzgänger machen?

A.H.: Es würden mehr Menschen in die Schweiz kommen, was die Kosten nach oben drücken würde, weil es schwierig ist, eine Wohnung zu finden. Wir müssen aufhören, wie Trump zu denken. Es ist lächerlich, Grenzen in einem Land zu ziehen, in dem sie bereits so verworren sind.

Aber wir sollten aufhören, eine Hochpreis- und Wohlstandsinsel mit sehr hohen Löhnen und einem sehr teuren Immobiliensektor inmitten eines sehr wettbewerbsfähigen Europas zu sein. Das sind alles Dinge, welche die Schweiz wettbewerbsunfähig machen. Die Senkung der Lebenshaltungskosten und der Löhne, um auf europäischer Ebene besser positioniert zu sein, wäre der Beginn einer Lösung, insbesondere für den Tourismus. Das Argument des starken Frankens ist Quatsch.

Uni-Spital Lausanne gleicht Turm von Babel

Im Jahr 2007 zählte das Universitätsspital Lausanneexterner Link (CHUV) 197 Grenzgänger. Zehn Jahre später waren es 799, ein Zuwachs von 400%, ohne dass die Gesamtzahl der Pflegekräfte in gleicher Weise gestiegen wäre. Das CHUV ist zu einem wahren Turm von Babel geworden: Es zählt 99 verschiedene Nationalitäten (44% Ausländer).

In Genf sind die Universitätsspitälerexterner Link (HUG) mehr oder weniger in der gleichen Situation: Die Ausländer (5874) sind sogar etwas zahlreicher als die Schweizer (5686) und erreichen 51%. Aber der Prozentsatz variiert stark je nach Beruf. So kommen 54% der Pflegefachfrauen aus Frankreich, im Vergleich zu 21% in der Verwaltung und 16% unter den Ärzten.

Von den 3883 Angestellten französischer Staatsangehörigkeit, die an den Genfer Universitätsspitälern arbeiten, leben 86% in Frankreich. Das ergibt 3339 französische Grenzgänger, die täglich unterwegs sind. Umgekehrt gilt es aber auch eine Genfer Spezialität zu berücksichtigen: Die HUG zählen 1137 Schweizer Mitarbeitende mit Wohnsitz in Frankreich. Rund 20% der 5686 Mitarbeitenden haben also die Schweizer Staatsangehörigkeit. Das Wohnungsproblem auf Schweizer Seite ist eine der Hauptursachen für diese Situation.

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(Übertragung aus dem Französischen: Kathrin Ammann)

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