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"Längste korrekte Textpassage umfasst fünf Seiten"



Der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg liest vor Schulkindern Märchen vor.

Der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg liest vor Schulkindern Märchen vor.

(Keystone)

Die Plagiate in der Doktorarbeit des deutschen Verteidigungsministers Karl Theodor zu Guttenberg haben nicht nur in Deutschland zu heftigen Debatten geführt. Auch in der Schweizer Presse hat die Frage nach akademischer Ehrlichkeit zu reden gegeben.

Am Donnerstag hat die Universität Bayreuth Guttenberg die Doktorwürde offiziell aberkannt. In ihrer Medienmitteilung hält die Universität fest, dass die Kommission die Frage eines möglichen Täuschungsvorsatzes letztlich habe stehen lassen. "Für die Kommission war entscheidend, dass unabdingbare wissenschaftliche Standards objektiv nicht eingehalten worden sind."

Was die Uni Bayreuth nicht gekümmert hat, nämlich die Frage, ob man Guttenberg vorwerfen könne, er habe vorsätzlich gehandelt, ist allerdings sehr wohl Gegenstand der Überlegungen, die sich die Schweizer Presse dazu macht. Und sie fragt sich, welche Konsequenzen dieser Fall für Guttenberg haben wird.

Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) arbeitet zuerst den Fall auf. Sie schreibt: "Die Fakten sind klar. Karl-Theodor zu Guttenberg hat ein Plagiat der gröberen Sorte geliefert. (…) Laut den Recherchen diverser Quellen hat der Autor auf 270 von 393 Textseiten gemogelt und manipuliert. Die längste korrekte Textpassage umfasst nur gerade fünf Seiten." Es springe ein "fast schon krimineller Duktus der Vertuschung und der Aneignung fremden Wissens ins Auge."

Die Konsequenzen

"Jeder andere hätte gehen müssen", ist sich der Tages-Anzeiger sicher. "Dreister geht es nicht mehr. Doch statt aus dem Kabinett zu fliegen, mit Schimpf und Schande in den politischen Orkus entsorgt zu werden, erhält der Baron mit Gelfrisur brandenden Applaus".

Die Zürcher Tageszeitung fragt sich gar, ob Deutschland von Sinnen sei, und analysiert die Mechanismen, wie der deutsche Verteidigungsminister es geschafft habe, an der Macht zu bleiben. Es seien die gleichen Mechanismen, derer sich vor ihm schon Jörg Haider, Silvio Berlusconi und "gleichsam in der Bergler-Variante" auch Christoph Blocher  bedient hätten.

Guttenberg verkörpere den Erfolgsmenschen: "Er hat alles, was sich Otto Normalwähler wünscht. Viel Geld, eine hübsche Frau, ein Schloss." Zweitens erwecke er den Eindruck, dass er die Politik gar nicht nötig habe, er mühe sich einzig und allein für die Bundeswehr ab, für das Land.

Der dritte Kniff: "Er nimmt sich selber aus dem Politbetrieb heraus, er stellt sich als Ausnahme dar, als Antipolitiker." Das sei nicht neu, schreibt der Tages-Anzeiger, auch Blocher habe regelmässig gegen die "Classe politique" gestänkert, obwohl er selbst dazugehöre.

"Kavaliersdelikt"

Für die NZZ war das, was sich bis zur Aberkennung des Doktortitels abgespielt hat, "bloss der erste Akt eines Melodramas um Ehre und Ehrlichkeit, aber auch um List und Lüge". Es könnte nun der Auftakt zu einer Tragödie bevorstehen.

Auch die NZZ spricht von einer Strategie, sich im Amt zu halten. Er versuche jetzt, die Sache als "Kavaliersdelikt" herunter zu spielen. Wenn er genug Anhänger finde, die bereit seien, seinen clever inszenierten Hang zur Reue höher zu gewichten als jenen zur Ruchlosigkeit, könne er sich vielleicht halten.

"Ein erstaunlich breites Publikum scheint zur Zeit gewillt, ihn in seiner Sünde bloss als Privatmann zu sehenund nicht als eine der prominentesten öffentlichen Figuren, denen unbeschadet ihrer politischen Facharbeit auch eine Vorbildfunktion für die ganze Gesellschaft zukommt und an die besondere moralische Massstäbe anzulegen sind."

Guttenberg flüchte sich in billigste Stammtischrhetorik, "zur Denunzierung auch ernster Kritik". Dies sei ein Zeichen eines Wahrnehmungsverlustes und "wohl auch einer falschen Einschätzung der Lage."

Die NZZ ist sich sicher, dass die Sache noch nicht ausgestanden sei und dass sich die Affäre Guttenbergs als Spätzünder mit verheerender Wirkung für das Regierungslager entpuppen könnte.

Thomas Mann durfte abschreiben

Mit einem Verweis auf die Arbeitsweise des Schriftstellers Thomas Mann versucht die Basler Zeitung, dem Thema gerecht zu werden. Thomas Mann liefere keine einzige Quellenangabe, "aber das braucht er auch nicht".

Es sei ein Vorrecht der Kunst, das Wissen zu umschreiben, zu gewichten und in einen völlig neuen Kontext zu stellen. Für Wissenschafter sei dies nicht zulässig, findet die Basler Tageszeitung.

Überraschend knapp sind die Kommentare und Berichte zu der Guttenberg-Affäre in den Westschweizer Zeitungen. Le Temps schreibt, dass es zurzeit in Mode sei, per Internet die Mächtigen zu destabilisieren, wie man in Tunesien und Ägypten gesehen habe. "Nun ist der deutsche Verteidigungsminister an der Reihe." Die Beweise auf dem Internet schadeten seinem Ansehen gravierend und stellten ihn bloss.

Allerdings seien einige Passagen des Plagiats so dumm, dass man annehmen müsse, dass ein Ghostwriter die Passagen geschrieben und den "armen Minister" verschaukelt habe.

Könnte das in der Schweiz auch vorkommen?

Obwohl die Frage hypothetisch sei, könne prinzipiell nicht ausgeschlossen werden, dass in der Schweiz eine Doktorarbeit als Plagiat entlarvt werde, schreibt der Rechtsdienst der Universität Bern auf Anfrage von swissinfo.ch.

Sämtliche eingereichten Dissertationen werden laut dem Rechtsdienstes der Uni Bern geprüft. Es werde überprüft, ob die Literatur korrekt zitiert wird und ob allenfalls Textpassagen ohne Zitierung wiedergegeben werden. Es werde auch fachbereichsspezifische Software eingesetzt.

Die Uni Bern hat, wie alle andern Unis, Richtlinien, wie mit Plagiaten umgegangen wird.

Laut dem Rechtsdienst hat es an der Universität Bern noch keine Fälle von Ghostwriting gegeben.

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swissinfo.ch


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