Die Radiografie nicht im Stich lassen

In Afrika bleibt medizinische Spitzentechnologie oft unbenutzt. AFP

Warum werden fast drei Viertel der medizinischen Geräte, die in Entwicklungsländer geschickt werden, nie gebraucht? Beat Stoll kennt die Ursachen aus erster Hand. Die Stiftung "EssentailMed", die der Facharzt für Innere Medizin mitgegründet hat, will Abhilfe schaffen.

Dieser Inhalt wurde am 22. März 2013 - 11:09 publiziert
swissinfo.ch

Eine Partnerschaft stand am Anfang von Beat Stolls Begegnung mit Kamerun. In den 1990er-Jahren reiste der Arzt des Samariter-Spitals in Vevey ins afrikanische Land, wo er unter örtlichen Lohn- und Arbeitsbedingungen während dreier Jahre tätig war. Nach seiner Rückkehr hat er den Master of Public Health gemacht. Seither ist er in Genf und Basel, dem Sitz des Schweizerischen Tropeninstituts, tätig.

Seit seinem ersten Aufenthalt kehrt Beat Stoll zwei bis dreimal nach Kamerun zurück. Auf einer dieser Reisen hat ihn sein Begleiter, Klaus Schönenberger, Mikrotechniker an der ETH Lausanne, von der Möglichkeit überzeugen können, ein an die Bedingungen südlicher Länder angepasstes medizinisches Bildgebungsgerät zu entwickeln.

Gemeinsam mit dem Ingenieur Bertrand Kleiber haben Beat Stoll und Klaus Schönenberger 2009 die Stiftung "EssentialMed" gegründet, die binnen zweier Jahre einen ersten Prototyp eines kombinierten Röntgen-Ultraschall-Geräts präsentieren will.

swissinfo.ch: Laut der Weltgesundheits-Organisation (WHO) funktionieren bis zu 70% der medizinischen Geräte, die nach Afrika geschickt wurden, nie. Weshalb diese Verschwendung?

Beat Stoll: Es gibt verschiedene Ursachen. Versetzen Sie sich in die Lage eines Spitals in Yverdon, Chur oder Mendrisio. Eines Tages teilt Ihnen Herr Philips oder Herr Siemens mit, dass es für Ihr Radiologie-Gerät bald keine Ersatzteile mehr geben werde.

Weil das Gerät amortisiert ist, ersetzen Sie es deshalb durch ein neues. Einer der Ärzte empfiehlt, das alte, aber noch intakte Gerät einem Spital in Afrika zu schenken. Ausgezeichnet… aber wenn es in der Schweiz keine Ersatzteile mehr dafür gibt, erhält man sie auch nicht Afrika.

Ein anderes Problem sind Transportprobleme auf den teilweise chaotischen Strassen Afrikas, unter welchen die Geräte leiden können; und am Ziel angekommen, kann sie niemand reparieren.

In Mali habe ich ein Projekt gesehen, das ein Dutzend Regionalspitäler mit Radiologie ausgerüstet hat. Weil die Spitäler nicht dafür gebaut waren, wurde daneben für die neuen Geräte ein separates Gebäude errichtet, wobei man aber nicht an die Elektrizität dachte.

In Kamerun gibt es nur 220-Volt-Spannung im Einphasensystem. Mit dem brandneuen Radiographie-Gerät, für das ein Dreiphasenstrom-System erforderlich gewesen wäre, wurde während fünf Jahren kein einziges Bild gemacht.

In Kamerun haben mir die Leute vom Gesundheitsministerium gesagt, dass es im Land 65 verschiedene Radiographie-Geräte gebe. "Wie sollen wir dafür ein Ersatzteillager Instand halten?", fragten sie. Was die Leute dort benötigen würden, wäre ein auf die örtlichen Verhältnisse angepasstes Modell. Vergleichbar mit den Toyota-Taxis in Yaoundé, die es zu Tausenden gibt, für die man überall Ersatzteile erhält und die jeder reparieren kann.

Zahlen und Fakten

13% der Weltbevölkerung benützen 76% aller medizinischen Geräte, deren Umsatz rund 200 Mrd. Dollar ausmacht. Zwei Drittel der Menschheit hat keinen Zugang zu medizinischen Bildgebungs-Geräten.

In Afrika südlich der Sahara bleiben fast 70% der medizinischen Geräte unbenutzt. In einem Drittel der Fälle ist die mangelnde Elektrizitätsversorgung die Ursache dafür, dass diese nicht funktionieren.

Das von "EssentialTech" entwickelte Bildgebungsgerät, das Röntgenstrahlen und Ultraschall kombinieren will, soll eine Lebensdauer von 10 Jahren haben, zehnmal billiger sein als die bisher existierenden (50'000 Dollar anstatt 500'000) und im Fall von Stromausfällen mindestens 5 Stunden autonom funktionieren können.

Das Gerät sollte 80 bis 90% der Leistungen erbringen können, die für die medizinische Bildgebung in Spitälern erforderlich sind.

(Quelle: WHO, EssentialMed)

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swissinfo.ch: Haben Sie auch in der Ausbildung Defizite festgestellt?

B.S.: Ja, das ist tatsächlich ein ernstes Problem, vor allem in der medizinischen Technologie. Wenn Sie Radiografien machen wollen ohne Fachleute, bestrahlen Sie das Personal und die Patienten.

In Kamerun ist die nationale Strahlenschutz-Agentur manchmal gezwungen, die Verwendung von Röntgenapparaten zu verbieten, weil das Spital niemanden zur Verfügung hat, der das Gerät korrekt bedienen kann. Es werden keine Messungen mit dem Dosimeter gemacht, die Räume haben keine Bleimauern, auch Bleischürzen gibt es nicht…

essentialmed.org

swissinfo.ch: Bei Ihrem Projekt geht es um mehr als den Verkauf von Geräten…

B.S.: In der Schweiz sind wir in Sachen Gesundheitsversorgung sehr verwöhnt. Jedes Regionalspital verfügt über ausgezeichnete Spezialisten. In Entwicklungsländern gibt es nur in der Hauptstadt ein Spital mit Spitzenmedizin. Alle andern Spitäler in den Regionen sind oft unterdotiert und ungenügend ausgerüstet.

In diesen Regionen, dort wo die erste Pflege geleistet wird, wollen wir aktiv werden und das Gesundheitssystem stärken. Als Arzt für öffentliche Gesundheit erwäge ich, gemeinsam mit einem Professor für Radiologie der Universität in Yaoundé eine Ausbildung auf die Beine zu stellen für Radiologie-Techniker, aber auch für Mediziner, welche die Radiografien auswerten können.

Ohne diese Kenntnisse nützt es nichts, diese Geräte zu verteilen. Dank unseres Projekts hat sich bereits einiges in Bewegung gesetzt.

Weshalb Radiologie?

"Seit den 1970er-Jahren bezeichnet die WHO den mangelnden Zugang zur Röntgen-Diagnostik als eines der grössten Gesundheitsprobleme. Sie hat verschiedene Akteure zusammengeführt, denen es gelungen ist, Lösungen in Form von Geräten zu niedrigen Preisen zu finden", sagt Klaus Schönenberger, Leiter des Projekts "EssentialTech".

"Doch die Firmen, welche sie herstellten, haben sehr schnell 'upsale' betrieben, indem sie versuchten, die teureren Geräte zu fördern. Die Geräte aus der unteren Preisklasse verschwanden aus den Katalogen", so Schönenberger, der daran erinnert, dass zwei Drittel der Menschen keinen Zugang zu medizinischen Bildgebungsgeräten bei gravierenden Unfällen oder Krankheiten (wie Tuberkulose) haben.

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swissinfo.ch: Könnten sich für das Bildgebungsgerät, das Sie für den Süden entwickeln, auch Länder des Nordens interessieren?

B.S.: Bestimmt. Leute an den Universitätsspitälern Lausanne und Genf haben uns gesagt: "Am Tag, an dem das Gerät funktionstüchtig ist, werde ich es kaufen – für Notfälle, und gleich drei davon nehmen." In diesem Bereich brauchen die Spitäler tatsächlich keine Geräte, die pro Sekunde zehn Bilder oder gleichzeitig ein Dutzend Filme von zwei Nieren machen können.

Und in den von der Wirtschaftskrise betroffenen Ländern Italien, Spanien, Portugal werden alle froh darum sein. Wir hatten auch Kontakte in Zentralasien, wo man uns gesagt hat: "Das ist genau das, was wir brauchen." Und mit dem Label "Schweizer Qualität" wird das Gerät, das die wichtigsten Funktionen erfüllt, für diese Märkte dort sehr interessant sein.

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