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Stammbaum zurechtgestutzt Einzigartiger Schädelfund stellt Geschichte in Frage

Schädel Nummer 5, der am besten erhaltene Fossilfund aus der Frühzeit der menschlichen Gattung.

Schädel Nummer 5, der am besten erhaltene Fossilfund aus der Frühzeit der menschlichen Gattung.

Schweizer und georgische Forscher haben einen Schädel gefunden, der belegen soll, dass einige der ersten Menschen vor 1,8 Millionen Jahren zur gleichen Spezies gehörten. Weil die Unterschiede innerhalb der Gattung zu klein seien, brauche es keine anderen Kategorisierungen, schreiben sie in einem namhaften Fachmagazin.

Die Wissenschaftler sind sich bewusst, dass sie die Geschichtsbücher neu schreiben könnten, indem sie ganze Arten vom Stammbaum der Menschheit ausradieren. "Wir fühlten uns wie das Kind im Märchen über des Kaisers neue Kleider", sagt Christoph Zollikofer, Anthropologe der Universität Zürich, gegenüber swissinfo.ch.

Der Schlüssel zum Puzzle ist laut den Forschern der Schädel eines "Homo erectus", den sie 2005 in Dmanissi in Südgeorgien ausgegraben und mit einem früher gleichenorts gefundenen Kiefer zusammengepasst haben. "Es ist der bis jetzt am besten erhaltene Fossilfund aus der Frühzeit unserer Gattung", schreiben sie.

Schädel 5, wie er genannt wird, hat das grösste Gesicht, die massivsten Kiefer und Zähne und das kleinste Gehirn innerhalb der in Dmanissi gefundenen Schädel.

"Wir haben zuvor bereits vier andere Schädel gefunden, daher können wir die Variationen an einem Ort betrachten", so Zollikofer, der einer der Hauptautoren eines aktuellen Artikels im Wissenschafts-Magazin Science ist.

Die Arbeitshypothese der Forscher war, dass alle gefundenen Knochen zur selben Gattung gehörten, auch wenn sie ziemlich unterschiedlich ausgesehen haben.

"Wir fanden heraus, dass sie nicht viel unterschiedlicher aussahen, als fünf zufällig aus irgendeiner Population ausgewählte Menschen", erklärt Zollikofer. "Daher sind wir überzeugt, dass die fünf Individuen Variationen innerhalb einer Gattung, dem frühen Menschen, repräsentieren."

Dmanissi

Die Ausgrabungsstätte Dmanissi liegt etwa zwei Fahrstunden südwestlich der georgischen Hauptstadt Tiflis, unter den Ruinen der mittelalterlichen Stadt Dmanissi. Sie belegt die erste Ausbreitung des Menschen ausserhalb Afrikas.

Die erste Erwähnung der Stadt reicht bis ins neunte Jahrhundert zurück, doch es wird vermutet, dass sie seit der frühen Bronzezeit bestand. Im Mittelalter war Dmanissi ein wichtiger lokaler Markplatz.

Bereits in den 1930er-Jahren, als Georgien zur Sowjetunion gehörte, wurden erste archäologische Ausgrabungen durchgeführt.

Primitive Steinwerkzeuge allerdings wurden erst 1984 entdeckt, was zu steigendem Interesse an der Fundstätte führte.

Nach 1991 begannen auch internationale Forscher, zusammen mit ihren georgischen Kollegen zu arbeiten.

Zwischen 1991 und 2005 wurden menschliche Knochen gefunden, einige waren 1,8 Millionen Jahre alt. Sie sind die ersten Beweise menschlicher Anwesenheit im Kaukasus.

Laut David Lordkipanidze vom georgischen Nationalmuseum ist der Zustand der gefundenen Fossilien ausserordentlich gut, was Studien von bisher unbekannten Aspekten des Skeletts von fossilen Hominiden erlaube.

Wegen der vulkanischen Herkunft der Sedimente bei Dmanissi kann die Fundstätte auf 1,77 Millionen Jahre vor unserer Zeit datiert werden.

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Eine Spezies

Normalerweise haben Paläoanthropologen die Variationen unter Homo-Fossilien dazu benutzt, verschiedene Gattungen zu definieren. Doch die aktuelle Forschung von Zollikofer und Kollegen weist darauf hin, dass Funde von Menschenknochen aus derselben Periode von anderen Fundstellen alle Teil der Familie Homo erectus sein könnten.

"Wir nahmen Bezug auf Funde aus der gleichen Zeit in Afrika, wo es eine breite Vielfalt an 1,8 Millionen Jahre alten Fossilien gibt", so Zollikofer. "Die Menge an Variationen und Unterschieden war nicht anders, als wir sie innerhalb einer Spezies als normal betrachten würden."

Die Resultate wurden dem Schädel mit der so genannten 3D-Morphometrie entlockt. Zollikofer und seine Forscherkollegen analysierten nach den Messungen die Daten, um die Variationen zu quantifizieren. Sie fanden dabei heraus, dass zum Beispiel die Arten Homo habilis, Homo rudolfensis und Homo erectus – bisher als drei Arten kategorisiert – alle der gleichen Gattung angehören könnten.

Diese Hypothese konnte laut Zollikofer nur aufgestellt werden, weil Gehirnschädel und Kiefer von Schädel 5 nicht an verschiedenen Orten gefunden worden waren, denn in einem solchen Fall hätten die Forscher diese wohl verschiedenen Arten zugeordnet.

Bekanntlich hat der gesamte Schädel wichtige Merkmale wie das kleine Gehirn und den massiven Kiefer, die bisher noch nie bei einem Individuum dieser Gattung beobachtet wurden. "Wir sagten uns, vermutlich gehört das hier alles zur gleichen Art", erzählt Zollikofer.

"Das heisst aber nicht, dass wir der Meinung sind, es gebe eine einzige Linie der menschlichen Evolution, denn wir betrachten nur einen spezifischen Zeitpunkt, jenen vor 1,8 Millionen Jahren."

Bild entwickelt sich

Der Zürcher Professor erklärt, er fürchte sich nicht davor, dass ein Wandel bevorstehe, und er ergänzt, die Daten sprächen für sich. "Mit dem lebt man in der Wissenschaft", sagt er. "Das kann auch unserer Theorie passieren, sollten in einigen Jahren neue Funde gemacht werden. Man sollte seinen wissenschaftlichen Ruf nicht zu stark auf spezifische Hypothesen abstützen."

Die Chance besteht, dass wieder etwas anderes auftauchen könnte. Laut David Lordkipanidze vom georgischen Nationalmuseum gibt es in Dmanissi weitere 50'000 Quadratmeter mit Fossilien und Steinwerkzeugen, die noch ausgegraben werden müssen. Das entspricht etwa sieben Fussballfeldern.


(Übertragen aus dem Englischen: Christian Raaflaub), swissinfo.ch


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