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Zimbabwe - Begegnung in einem Kinderheim

Sprachpraktikum in Zimbabwe - Einsatz in einem Kinderheim.

(K. Morello)

Die angehenden Lehrerinnen Johanna May und Tanja Anderwert hat es fürs obligatorische Fremdsprachen-Praktikum aus der Schweiz nach Afrika gezogen.

In einem Heim in Zimbabwe lernen sie Kinder und Jugendliche kennen, die kein eigenes Zuhause haben. Eine Erfahrung, die unter die Haut geht.

"Schau in den Kreis – der Löwe beisst!", singen die Kinder und kreischen vor Vergnügen, wenn der Löwe sein Opfer zu haschen versucht. Beim ausgelassenen Spiel zeigt sogar Tinotendas Gesicht den Anflug eines Lächelns.

Sonst sitzt die Fünfjährige meist wortlos abseits; aus ihren Augen blickt eine abgrundtiefe Traurigkeit. "Die Kleine hat keine Eltern mehr und ihr Grossvater hat sie regelrecht fortgeworfen", erzählt Johanna May, eine der temporären Betreuerinnen und Spielgefährten der Kinder von Emerald Hill.

Viele Kinder hier haben ein ähnliches Schicksal. Brenda, etwa: Ihre Mutter ging fort und kam nicht mehr zurück. Wie Tinotenda schrie sie stundenlang um Hilfe, bis sie zufällig gehört und gerettet wurde. Seither lebt auch sie im Emerald Hill Childrens Home.

Zimbabwe statt England oder USA

Jo May und Tanja Anderwert, zwei angehende Primarlehrerinnen aus der Schweiz, absolvieren hier ihr obligatorisches Sprachpraktium – als Alternative zu einem Aufenthalt in England oder in den USA. "Diese kriegstreibenden Nationen waren mir eine Reise nicht wert", sagt Jo May. Dann lieber nach Afrika, vorzugsweise Zimbabwe.

"Ich war bereits einmal da, und ich wusste, ich würde wieder hin!" erzählt die 21-Jährige und schwärmt von den Farben des Landes, der leuchtend roten Erde, dem Grün, Braun, Gelb und Rosa von Bäumen und Gras unter einem endlos weiten, tiefblauen Himmel – dieselbe Wärme hat sie von den Menschen erlebt.

Jo May bewundert das zimbabwische Volk, wie es unter politisch und wirtschaftlich extrem schwierigen Bedingungen das Leben meistert. Im Kinderheim von Emerald Hill hat sie Gelegenheit, ihre Eindrücke zu vertiefen.

Die kleinen Zärtlichkeiten

Während ihres Praktikums stellen die beiden Frauen bald einmal fest, dass vor allem ihre Präsenz gefragt ist. "Erst hatte ich vor, den Kindern viele Dinge beizubringen: Schiffe und Hüte zu falten etwa", sagt Jo May. "Als dann ein Kind ein Schiffchen machte und ich es dafür lobte, ging sofort die ganze Gruppe in die Massenproduktion." Der Hunger nach Lob kannte offenbar keine Grenzen.

Im Kinderheim sind Grundbedürfnisse wie Essen, Kleidung, ein Bett und ein Dach über dem Kopf abgedeckt. Auch die Schule kann besucht werden, sofern es der Gesundheitszustand der Kinder zulässt. Doch Kinder brauchen mehr. Sie brauchen Zuwendung, Bestätigung und die Möglichkeit, solches zurückzugeben.

"Sie klettern auf uns herum, sie flechten unsere Haare und zeichnen und schreiben uns kleine, süsse Briefe." Manche der Kleineren, wie Brenda oder Tinotenda, scheinen dabei erst zu entdecken, wie schön es sein kann: kleine Zärtlichkeiten empfangen und wiederzugeben.

"Was diese Kinder am nötigsten brauchen ist Liebe", meint auch Schwester Ferrera, die Oberin der Dominikanerschwestern von Harare. Sie hat die Schweizerinnen nach Emerald Hill geschickt. "Die beiden haben etwas Zeit und wollen etwas Gutes tun. Das können sie. Sie können für unsere Kinder da sein."

Harry Potter und andere "Markenartikel"

Mit den Grösseren gibt es viel zu diskutieren. Über Musik und Trends, Harry Potter und die Preise von Markenartikeln in Europa. Wissbegierig werden alle Informationen aufgesogen. Eine Frage bewegt jene, die kurz vor dem Schulabschluss stehen, ganz besonders: "Wie komme ich aus Zimbabwe raus?"

Manchmal kochen die älteren Mädchen mit den beiden jungen Frauen am Abend ein Extraessen. Anna, die Älteste, hat einen Schlüssel für die kleine Küche. Natürlich wird Sadza gekocht. Auch der zähe Brei, das tägliche Brot des Volkes aus Wasser und Maismehl, schmeckt eben aus der kleinen Pfanne viel, viel besser, als aus dem grossen Heimküchentopf.

Warum es eigentlich immer Sadza sein müsse, fragen die Schweizerinnen. "Sadza ist das beste Essen, ohne Sadza wird bei uns niemand satt", werden sie belehrt.

Und doch: Als Jo Anna einmal ein Stück Käse schenkt, verdreht die 18-Jährige glücklich ihre Augen. "Du weisst nicht, was dies für mich bedeutet", strahlt sie, "ich habe seit vielen Jahren keinen Käse mehr gegessen!"

Bleibende Erinnerungen

Die drei Wochen vergehen wie im Flug. Drei Wochen – was kann eine so kurze Zeit schon sein – haben sich Jo und Tanja manchmal gefragt. Doch Tinodenda hat in dieser Zeit ein paar Mal gelächelt.

Und da war ein sehr verschlossener Junge, zu krank, um die Schule zu besuchen. Das Gesicht voller Krusten, sein Blick derjenige eines alten Mannes. Beim Abschied ist er gekommen und hat Johanna May von sich aus kurz umarmt. Eine leise Geste, eine bleibende Erinnerung.

swissinfo, Katharina Morello in Zimbabwe

Fakten

Im Emerald Hill Childrens Home leben Kinder ab drei Jahren, die kein Zuhause mehr haben; die Knaben bleiben bis sie zwölf sind, die Mädchen bis zum Schulaustritt.

Das Heim und die dazugehörige Taubstummen-Schule wird von deutschen Dominikanerinnen geführt und liegt auf einem Hügel etwas ausserhalb von Harare.

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In Kürze

Zimbabwe, einst gefeiertes afrikanisches Musterland, ist heute eine wirtschaftliche und politische Ruine.

1980 hatte Zimbabwe als letzte der europäischen Kolonien in Afrika die Unabhängigkeit erlangt. Den Befreiungskrieg hatten mehr als 100'000 Menschen mit dem Leben bezahlt.

Robert Mugabe, der erste Premierminister, regiert heute noch als Präsident. Den Glanz als Kämpfer für ein gerechtes Zimbabwe hat er aber verloren.

In den 80er-Jahren stand Zimbabwe erneut am Rand eines Bürgerkriegs.

Später kam die Landreform hinzu. Die knapp 3% Weissen im Land hatten rund drei Viertel des fruchtbaren Bodens besessen, von dem sich kaum einer trennen wollte.

Es entstand eine rechtliche und politische Pattsituation, die schliesslich zu den gewaltsamen Besetzungen und Enteignungen führte, die in den letzten zwei, drei Jahren Schlagzeilen machten.

Heute steckt Zimbabwe in einer tiefen Krise. Im Jahr 2002 betrug die offizielle Inflation 175,5%. Der Internationale Währungsfonds rechnet für das laufende Jahr mit einer Inflation von gegen 600%.

Die Arbeitslosigkeit liegt bei 85%. Das Wirtschaftswachstum ist seit vier Jahren negativ.

Die Bevölkerung beläuft sich auf rund 12 Millionen Menschen, davon knapp 1% Weisse. Mehr als drei Viertel der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze.

Mit einer Fläche von 390'757 km2 ist das Land fast zehn Mal so gross wie die Schweiz.

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