Zum Wohl der Pflegekinder

Nicht alle Kinder wachsen wohlbehütet im Kreise ihrer richtigen Familie auf. Keystone

Einheitliche Bestimmungen auf Bundesebene statt Kantönligeist: Dies fordern Fachorganisationen, um die Schicksale der schätzungsweise 60'000 bis 80'000 Pflegekinder in der Schweiz zu verbessern.

Dieser Inhalt wurde am 06. Dezember 2006 - 09:50 publiziert

Handlungsbedarf ortet die Pflegekinder-Aktion Schweiz insbesondere in der Deutschschweiz, wo das Pflegekinderwesen oft Sache der Gemeinde ist. Dort mangle es an professionellen Kenntnissen.

Die Zahl der Kinder und Jugendlichen in der Schweiz, die nicht bei ihren leiblichen, sondern bei Pflegeeltern oder in Heimen aufwachsen, ist nicht genau bekannt.

Nationalrätin Jacqueline Fehr, die 2002 mittels Postulat den Anstoss zu einem Expertenbericht zum Pflegekinderwesen in der Schweiz gegeben hatte, spricht von der eingangs erwähnten Grössenordnung. Es gebe aber auch Schätzungen, die von bis zu 150'000 Pflegekindern ausgehen, sagt die Zürcher Sozialdemokratin gegenüber swissinfo.

Zahlen fehlen

Dass in der statistisch gut durchdrungenen Schweiz, wo seit diesem Jahr jeder Hund mittels Chip erfasst wird, genaue Zahlen über die Pflegekinder fehlen, ist kein Zufall. Das Schweizer Pflegekinderwesen entspreche nicht mehr international anerkannten Qualitätskriterien, kritisiert die Pflegekinder-Aktion Schweiz, in deren Vorstand Jacqueline Fehr sitzt.

Dass Handlungsbedarf besteht, illustrierte ein Fall im letzten Herbst. Damals berichteten Medien über einen Fall, bei dem Schweizer Jugendliche während eines betreuten Aufenthalts in Spanien schwer malträtiert worden waren.

Mit ihrer Kritik steht die Lobby-Organisation nicht allein da. Im angesprochenen Expertenbericht, den die Schweizer Regierung angefordert hatte, war die Pädagogin Kathrin Zatti 2005 zu ähnlichen Schlüssen gekommen. Ebenso ein vom Schweizerischen Nationalfonds unterstütztes Forschungsprojekt (NFP 52).

Aus dem vorigen Jahrhundert

Im Zentrum der Kritik steht die Verordnung über die Aufnahme von Kindern zur Pflege und zur Adoption (PAVO). Das Regelwerk datiert aus dem Jahr 1977 und schreibt im Pflegekinderwesen die Kompetenzen klar den Kantonen zu.

Gestützt auf Expertenbericht und Nationalfondsstudie fordert die Pflegekinder-Aktion Schweiz eine Revision der PAVO. Auf der Grundlage von verbindlichen staatlichen Richtlinien könne die Arbeit mit Pflegekindern weiterentwickelt und deren Wohl geschützt werden, so die Zielsetzung.

Bundesrat sagt Nein

In seiner Antwort vom August 2006 auf den Expertenbericht zeigte sich der Bundesrat zwar um das Wohl der Pflegekinder besorgt. An der Autonomie der Kantone mochte die Regierung aber nicht rütteln, da sich die föderalistische Lösung im Pflegekinderwesens bewährt habe.

An einer Tagung hat die Pflegekinder-Aktion Schweiz Ende November ihr Engagement deshalb unterstrichen. Thema des Anlasses: "Mehr Qualität für Pflegekinder – Der Bund muss handeln!"

Bessere Kontrolle

"Wir fordern einheitliche Standards zur Auswahl, Ausbildung und Begleitung der Pflegeeltern," erklärt Jacqueline Fehr. Von zentraler Bedeutung sei auch eine interkantonale Zusammenarbeit der Kantone bei der Platzierung von Pflegekindern. Denn die Verantwortung für die Platzierung von Pflegekindern gehöre ausschliesslich in die Hände von ausgebildeten Fachkräften.

Das ist laut Fehr besonders in der Deutschschweiz nicht immer der Fall. Dort sei das Pflegekinderwesen sehr oft Sache der Gemeinden, denen es am nötigen Fachwissen mangle. "In der Westschweiz dagegen liegt der gesamte Fürsorgebereich in der Hand der Kantone, welche über ein viel professionelleres Umfeld verfügen", so Fehr.

Brisanter Vorschlag

Im Expertenbericht empfahl Barbara Zatti, dass eine interdisziplinär zusammengesetzte Kommission Vorschläge zur Modernisierung der Verordnung machen solle. Weiterer Vorschlag: Die Geschichte des Pflegekinderwesens in der Schweiz müsse rasch und umfassend aufgearbeitet werden.

Dies ist brisant, weil darunter auch das traurige Kapitel der Verdingkinder fällt. Bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Zehntausende von Kindern aus so genannt schwierigen Verhältnissen bei Pflegefamilien platziert, wo sie unter teils sklavenähnlichen Umständen gehalten wurden und Schwerarbeit verrichten mussten, ohne je irgendwo Gehör zu finden.

Jacqueline Fehr ist vom Nein des Bundesrats zur Revision der knapp 30-jährigen PAVO enttäuscht. "Die Haltung entspringt der Furcht, dem Bund neue Aufgaben zu übertragen", sagt sie. Die Regierung könne sich diese Haltung erlauben, weil sich politischer Druck im Pflegekinderwesen nur schwerlich aufbauen lasse. "Denn es geht um Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen."

Strategieänderung

Zudem gehöre die Familie laut offiziellem Bild in den Privatbereich. Mit seinem Nein zur historischen Erforschung des Themas weigere sich der Bundesrat ferner, die Geschichte aufzuarbeiten und die Lehren daraus zu ziehen, interpretiert die Politikerin.

Geht's ums Wohl der Verdingkinder, will sich der Staat also weiter raushalten. Fehr und die Pflegekinder-Aktion Schweiz suchen deshalb das Gespräch direkt mit den Kantonsbehörden. "Wir gehen unseren Weg, mit kleinen Schritten gegen grossen Widerstand", sagt sie. Damit keine Pflegekinder draussen im Regen stehen.

swissinfo, Renat Künzi

In Kürze

Die Pflegekinder-Aktion Schweiz ist ein gemeinnütziger, politisch unabhängiger und überkonfessioneller Verein.

Sie fördert als nationale Fachstelle die Entwicklung des Pflegekinderwesens.

Sie beteiligt sich an Forschungsprojekten, bietet Fortbildung für Pflegeeltern und Fachpersonen der Kinder- und Jugendhilfe an.

Die Aktion wurde nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet, als das so genannte Verdingwesen grassierte.

Kinder aus armen Familien wurden oft Pflegeeltern abgegeben. Dort mussten sie als Knechte und Mägde oft härteste Arbeit verrichteten.

Viele waren Kinder von ledigen Müttern, denen die Vormundschaftsbehörde das Sorgerecht entzogen hatte.

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Handlungsbedarf

Die Pflegekinder-Aktion Schweiz fordert vom Bund, dass er bei den Kantonen einheitliche Standards durchsetzt, damit die Qualität im Pflegekinderwesen verbessert wird.

Konkret soll er die Kantone verpflichten, die entsprechende Verordnung (PAVO) umzusetzen.

Die Kantone sollen statistisches Material über die Pflegeverhältnisse erheben.

Bewilligungspflicht und Aufsicht müssen ebenfalls in der Verordnung geregelt sein.

Es muss ein Mitspracherecht der Kinder in die PAVO aufgenommen werden.

Bund und Kantone müssen Koordinationsstellen schaffen, die für das Pflegekinderwesen zuständig sind.

Die Kantone müssen die Pflegeverhältnisse besser beaufsichtigen und begleiten.

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