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Landessausstellung Expo 2027


"Schweizer sind nicht begeisterungsfähig, sondern misstrauisch"







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Es bleibt bei der luftigen Vision: Die Expo 2027, eingebettet in die Region Bodensee-Ostschweiz, wird es nicht geben. Der Aargau und die Nordwestschweiz bringen sich als Alternativen ins Spiel. (Hosoya Schaefer Architects/Plinio Bachmann/Studio Vulkan)

Es bleibt bei der luftigen Vision: Die Expo 2027, eingebettet in die Region Bodensee-Ostschweiz, wird es nicht geben. Der Aargau und die Nordwestschweiz bringen sich als Alternativen ins Spiel.

(Hosoya Schaefer Architects/Plinio Bachmann/Studio Vulkan)

Landesausstellungen sind grosse Bühnen, auf denen jede Generation über sich und ihre Schweiz nachdenken soll. Aber die Expo 2027, die nächste solche Grossveranstaltung, die am Bodensee hätte stattfinden sollen, wird es nicht geben: Zwei der drei beteiligten Kantone sagten Nein zum Projektkredit von 10 Mio. Franken. Die Zeit dieser Form des Nachdenkens über uns selbst laufe ab, befürchten Marco Solari, Gian Gilli und Martin Heller, drei Organisatoren von erfolgreichen Grossveranstaltungen.

Dieser Beitrag ist Teil von #DearDemocracy, der Plattform für direkte Demokratie von swissinfo.ch.

Das ist die Story: Die Expo 2027 im Raum Bodensee-Ostschweiz bleibt Vision - die Stimmbürger der drei designierten Gastgeberkantone sagten Nein zum Projektkredit. Direkte Demokratie als Stolperstein für Grossveranstaltungen?

St. Gallen, Thurgau, Appenzell Ausserrhoden: In elf Jahren hätten diese drei Ostschweizer Kantone die übrige Schweiz zur nächsten Landesausstellung empfangen sollen. Doch darauf haben sie keinen Bock. Mit dem Nein zum initialen Kredit besiegelten die St. Gallerinnen und die Thurgauer das Aus der Expo 2027, bevor diese überhaupt Gestalt annehmen konnte. Sie überstimmten die Appenzellerinnen und Appenzeller, die sich als einzige für den Startkredit aussprachen.

"Eine klare Mehrheit hat gesagt, 'Nein wir wollen das nicht und wir mögen das nicht!'", sagt Marco Solari. Diesen demokratischen Entscheid gelte es zu respektieren, aber er bedauere ihn sehr. Der 72-jährige Tessiner stellt die Frage in den Raum, ob die Zeit der grossen Veranstaltungen in der Schweiz damit vorbei sei. Seine Antwort ist ein klares Nein.

Solari hat viel Erfahrung mit Grossveranstaltungen. Einerseits als Delegierter der Schweizer Regierung für die 700 Jahrfeier, die erfolgreiche Jubiläumsfeier zum 700-jährigen Geburtstag der Schweiz 1991. Diese war Ersatz für die CH91, welche die Zentralschweiz abgelehnt hatte. 

Andererseits war er der Promoter einer Expo 2020 in den vier Gotthard-Kantonen Tessin, Uri, Wallis und Graubünden. Aber die Politiker der involvierten Kantone reagierten mit nüchternem Desinteresse auf den Vorschlag des Kantons Tessin, so dass die Tessiner Regierung und Marco Solari das Projekt beerdigen mussten. Eine Chance für das Berggebiet war damit vertan, findet Solari.

"Ist der Anlass vorbei, sind alle traurig"

"Die Schweizer haben Angst vor Grossanlässen, auch wenn sie sehr konkret und sogar modular aufgebaut sind. Schweizer sind nicht sehr begeisterungsfähig, sondern eher zurückhaltend und misstrauisch", lautet seine Erfahrung. "Das Paradoxe daran: Die Begeisterung kommt, aber erst, wenn der Anlass da ist. Und ist er einmal vorbei, sind alle traurig." Das beste Beispiel sei die "Landi" von 1939, die zuerst vehement abgelehnt und dann mythisiert worden sei.

Der eigentliche Sinn der Landesausstellungen aber ist für Solari aktueller denn je. "Die Schweiz ist immer noch - und vielleicht sogar mehr denn je - eine Willensnation. Die Bewohner, also wir, müssen uns stets von neuem die Frage stellen, welches unsere Gemeinsamkeiten sind. Dazu gehört auch, ob wir solche Grossanlässe überhaupt noch wollen."

Eine Frage, der sich auch Gian Gilli stellt. Auch er kennt die Höhen und Tiefen in Sachen Aufgleisen und Veranstalten von Grossanlässen: Gilli war – erfolgreicher - Präsident des Organisationskomitees der Eishockey-Weltmeisterschaft 2009 in der Schweiz.

Er war aber auch Direktor der gescheiterten Kandidatur seines Heimatkantons Graubünden für die Olympischen Winterspiele 2022. Vor drei Jahren hatten die Bündner das Projekt an der Urne versenkt - für den Macher Gilli eine herbe Enttäuschung. "Es ist der Effekt der satten Kuh, die nicht mehr frisst, wenn ihre Mägen voll sind. Wir sind in einer Komfortzone, in der wir uns fragen, wieso wir das Risiko, die Arbeit und die Kosten, die mit einem Grossprojekt verbunden sind, auf uns nehmen sollen." Dies sei zwar menschlich, aber das Leben in einer Komfortzone mache ängstlich, so Gilli.

"Entwicklungsimmunität"

"Es fehlt der Hunger, etwas Spezielles und Aussergewöhnliches auf die Beine zu stellen. Ich spreche von fehlender Entwicklungsmotivation, von Entwicklungsimmunität. Wer aber nur noch die Innensicht pflegt und innerhalb des eigenen Gärtchens denkt, wird gegen aussen schwächer", ist er überzeugt.

Bewegung in Sachen Expo 2027

Das Aus der Expo 2027 am Bodensee bedeutet nicht das endgültige Aus der Grossveranstaltung.

Im Umlauf sind zwei neue Szenarien:

Expo 2027 im Aargau. Die Initiative kommt vor allem aus Gewerbekreisen. Martin Heller und Marco Solari begrüssen die Pläne. "Die Geschichte des Aargaus zeigt, dass er ein Kanton ist, der immer wieder überraschen kann", sagt Solari. Er ist überzeugt, dass es diesmal klappen wird.

Expo 2027 in der Nordwestschweiz. Diese bringen die Kantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft sowie Solothurn ins Spiel. Sie wollen auch die benachbarten Grenzgebiete Elsass (Frankreich) und Baden-Württemberg (Deutschland) einbeziehen.

Aber wie anstellen, dass der Hunger auf Veränderungen wieder wächst und die Zukunft als Chance gesehen wird statt als Gefahr? Gilli verweist auf den Faktor Zeit. "Es braucht für demokratische Prozesse mehr Zeit, Ideen und Projekte bei der Bevölkerung reifen zu lassen. In den letzten Abstimmungen über Grossprojekte wurden die Menschen zu rasch vor den radikalen Entscheid gestellt, dazu Ja oder Nein zu sagen."

"Im Moment wollen die Menschen nichts Neues. Das, was sie in der Schweiz haben, reicht ihnen", sagt Martin Heller. "Und sie haben viel, denn die Schweiz ist ein reiches, gesättigtes Land", findet auch der künstlerische Direktor der letzten Landessausstellung Expo.02, der das gescheiterte Ostschweizer Projekt begleitet hat. "Wir brauchen keinen Aufbruch und keine Zukunftsvisionen. Wir begnügen uns mit dem, was da ist", so Heller am Schweizer Fernsehen. 

Jeden Tag Expo

Der Basler Historiker Georg Kreis glaubt, dass die Neugierde fehle, mit der Landesausstellung auch einen Blick in die Zukunft zu wagen. "Wir leben heute in einer tagtäglichen Expo. Wir leben einen permanenten Austausch und sind permanent überinformiert", sagte Kreis ebenfalls am Schweizer Fernsehen. Der zusätzliche Bedarf für eine solch grosse Plattform sei deshalb "nicht mehr zwingend".

Gian Gilli bleibt aber optimistisch. Auch eine demokratische Gesellschaft, die sich in der Komfortzone befinde, könne die Chancen und Potenziale von Grossprojekten erkennen.

"Unser USP ist das Knowhow: Die Schweizer sind die besten Organisatoren der Welt! Es gibt keine Grossveranstaltung und kein Grossprojekt, die schlecht organisiert waren. Der neue Gotthard-Eisenbahntunnel ist der beste Beweis dafür."

Sportmanager Gilli denkt dabei natürlich auch an eine neuerliche Olympia-Kandidatur. "Einen solch zuverlässigen Partner wie die Schweiz kann sich das IOC nur wünschen!"


Frage an Sie: Sind grosse Landesausstellungen heute noch zeitgemäss? Schreiben Sie uns in den Kommentaren!

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