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Meinung


Wer Olympia will, fragt besser nicht das Volk



Von Bruno Kaufmann, People2Power




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Von Bruno Kaufmann

Olympische Spiele und Demokratie verstehen sich schlecht, wie nicht nur die Schweiz lernen musste. Und es ist unwahrscheinlich, dass sich das bald ändern wird.

"Und der Gewinner ist… Peking." Die Ankündigung des Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Thomas Bach, wurde diesen Sommer weltweit mit einem grossen Seufzer aufgenommen. Die Olympischen Winterspiele 2022, die grösste Wintersport-Veranstaltung der Welt, in einer smog-geplagten Megalopolis ohne Schnee und mit einem Rekord an Verstössen gegen die Menschenrechte während der Sommerspiele 2008 in der gleichen Stadt durchzuführen, scheint ehrlich gesagt eine nicht sehr attraktive Idee zu sein.

Doch die Auswahl an Gastgeberstädten für die Austragung 2022 war derart eingeschränkt geworden, dass nur noch Almaty in Kasachstan, einer anderen asiatischen Diktatur, übrig geblieben war. München (Deutschland), St. Moritz-Davos (Schweiz) und Krakau (Polen) hatten aufgrund von Volksabstimmungen das Handtuch geworfen. Stockholm und Lviv hatten wegen mangelnder lokaler Unterstützung die Notbremse gezogen, während die norwegische Regierung die Reissleine für die Kandidatur Oslos wegen der hohen Anforderungen des IOC gezogen hatte.

Es waren unfruchtbare Versuche, die Idee der Spiele mit der Demokratie unter einen Hut zu bringen. Denn dies ist in der Tat zu einer sehr schwierigen Aufgabe geworden. Niemand kennt diese Herausforderung besser als die Bewohner des Kanton Wallis. Vier Mal haben sie in den letzten Jahrzehnten versucht, Olympische Spiele in den Schweizer Bergkanton zu holen, vier Mal konnte sich das Stimmvolk dazu an der Urne äussern: Nach einem ersten knappen "Nein" 1963 sprachen sich die Walliser und Walliserinnen drei Mal (1969, 1995 und 1979) mit einem überwältigenden Ja dafür aus, die weltgrössten Wintersport-Wettbewerbe in ihrem Kanton durchzuführen.

Doch das half wenig, die hohen Herren vom Internationalen Olympischen Komitee, dem IOC, gnädig zu stimmen: Jedes Mal vergab das höchste Gremium die Spiele an andere Städte und Regionen auf der Welt. Dazu nur eine kleine Randnotiz: Ironischerweise landeten die Winterspiele 1976, die das IOC an Denver/Colorado vergeben hatte, im österreichischen Innsbruck, nach einem späten, negativen Votum des Stimmvolks in Denver 1972. Trotzdem fassen Vertreter des Schweizer Sports nach der Vergabe der Olympischen Jugend-Winterspiele 2020 an Lausanne nun einen fünften solchen Versuch ins Auge.

Von Menschen, für Menschen

Diese unglückliche Entwicklung ist so verstörend wie viele andere Besonderheiten im Zusammenhang mit dem IOC und den Olympischen Spielen auch. Doch zu Beginn passte es recht gut zusammen: Beide, die Olympischen Spiele und die Demokratie, haben ähnliche Wurzeln; sie entstanden im alten Griechenland aus der Idee der Mitbestimmung und breiten Beteiligung des Volkes heraus. In der Neuzeit ist das IOC in einer der weltoffensten, dynamischsten und direktdemokratischsten Städten beheimatet: Lausanne in der Schweiz.

Von Menschen, für Menschen – während langer Zeit hatten die Sommer- und Winterspiele der Moderne, 1896 in Athen wieder aufgenommen und seither 49 Mal durchgeführt (27 Sommer- und 22 Winterspiele), wenig zu tun mit dem grossen Geld oder elitären Sportarten.

Das hat sich geändert. Die Anzahl der teilnehmenden Athleten und Nationen hat sich vervielfacht, moderne Medien haben die Veranstaltung globalisiert, und mit Budgets von über 50 Milliarden US-Dollars wie für die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi/Russland wurden alle jüngsten Beteuerungen von "klein, aber fein" ins Lächerliche gezogen. Zu einem grossen "Hindernis" wurden auch die obskuren Konten des IOC und fehlende Transparenz.

Das letzte Bieterverfahren für die Winterspiele 2022 ist ein starker Beweis dafür. In Oslo, Hauptstadt des ölreichen Norwegens, sagte das Stimmvolk im September 2013 Ja zu einer Kandidatur – in der ersten Abstimmung, welche die Stadt je durchführte.

Doch weil auch die nationale Regierung eine hohe Defizitgarantie sprechen musste, liessen die primadonnenhaften Forderungen des IOC dieser keine andere Wahl: Das über 7000 Seiten dicke IOC-Handbuch verlangte Cocktailpartys mit der norwegischen Königsfamilie (bei der diese die Rechnung hätten berappen müssen…), während der Nacht geöffnete Bars und Fahrspuren exklusiv für Offizielle, um nur einige der Punkte zu nennen.

Für ein Land, das 1994 in Lillehammer vermutlich die letzten bodenständigen und höchst erfolgreichen Winterspiele durchgeführt hatte, ist die Investition von Milliarden von Steuerkronen für eine zweiwöchige Veranstaltung für die Elite heutzutage sehr schwer zu verkaufen.

Es zeigte auch, dass der Einbezug der Bevölkerung in den Prozess von Vorbereitung und Durchführung der Spiele – zumindest in den Augen des IOC – zu einem Rohrkrepierer für jede erfolgreiche Kandidatur geworden ist. Unabhängig davon, ob eine Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger die Idee unterstützt oder nicht, erfordert ein solch offener Prozess ein Minimum an Transparenz und Verantwortlichkeit.

Weitere Abstimmungen kommen

Diese unglücklichen Tatsachen wurden diesen Sommer augenfälliger, als die letzten Schritte zum Entscheid über den Austragungsort der Olympischen Sommerspiele 2024 im Gange waren. Boston, der US-Spitzenkandidat, zog sich zurück, nachdem offensichtlich wurde, dass eine bundesstaatliche Abstimmung in Massachusetts 2016 sehr spät kommen und Kritikern grosse Chancen bieten würde, die Kandidatur zu bodigen.

In Deutschland zog das Nationale Olympische Komitee die Stadt Hamburg Berlin für die Kandidatur für die Sommerspiele 2024 vor. Der Grund: Für Hamburg wurde die Möglichkeit einer positiven Volksabstimmung höher eingeschätzt. In Hamburg änderte der Senat (das Parlament) des Stadtstaats jetzt sogar die Verfassung, um eine vom Senat selbst ausgelöste Volksabstimmung zu ermöglichen. Die Abstimmung wird am 29. November dieses Jahres durchgeführt. Sie wird einmal mehr und unabhängig ihres Ausgangs dazu beitragen, dass das IOC versuchen wird, einen anderen, weniger demokratischen Kandidaten zu finden.

Der Konflikt bietet aber auch einige positive Aspekte. In Städten, Regionen und Ländern, die in einem Olympia-Bieterprozess beteiligt waren, wurden häufigere und bessere Diskussionen über die moderne direkte Demokratie geführt. So kritisierte die Demokratiebewegung "Mehr Demokratie" in Hamburg den plebiszitären Zugang zur Olympia-Abstimmung und schlug mehr bürgergetriebene Formen von Volksabstimmungen vor.

In Krakau war die Abstimmung von 2014 das erste bindende Referendum auf Stadtebene überhaupt. Sie wurde begleitet von weiteren Vorlagen zu anderen Themen. In verschiedenen anderen Hauptstädten rund um die Welt, die sich gerne in der Rolle des Gastgebers künftiger Spiele sehen würden – unter anderen Paris, Rom und Stockholm –, wird es sehr schwierig werden, ohne eine Beteiligung der Bürger weiterzumachen.

Andererseits wird dieser wachsende Bezug auf aktive Bürgerschaft und Mitbestimmung die auseinanderlaufenden Dynamiken moderner Olympischer Spiele und moderner Demokratie nicht aussöhnen – und es ist schwer zu sehen, wer mit einer dauerhaften Lösung kommen könnte. In den Fokus gerät deshalb eine grosse Stadt in Südkalifornien, die bereits einmal in der Geschichte die Spiele neu erfinden konnte – nach den katastrophalen finanziellen und politischen Erfahrungen von Montreal 1976 und Moskau 1980: Los Angeles. Wird die leuchtende Hauptstadt der Filmstars und der dynamische Schmelzpunkt des Multikulturalismus zu jenem Ort werden, wo die Ideen von Olympia und Demokratie einmal mehr vereint werden?

Die in diesem Artikel ausgedrückten Ansichten sind ausschliesslich jene des Autors und müssen sich nicht mit der Position von swissinfo.ch decken

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(Übertragen aus dem Englischen: Christian Raaflaub)

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