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Pfarrer


'Die Bibel ist kein Buch mit Rezepten'


Von Igor Petrov



 (swissinfo.ch)
(swissinfo.ch)

René Weber war Dentaltechniker, bis er ein von Grund auf "neues" Leben anfing und evangelischer Pfarrer wurde. Gibt die Bibel dem heute 52-Jährigen Antworten auf sämtliche Fragen? Natürlich nicht, sagt er, aber sie biete ihm Wegweisung und Unterstützung im Leben.

Weber ist Pfarrer beim Evangelischen Gemeinschaftswerk Bern-Zentrum (EGW). Es war nicht einfach, sein Büro zu finden. Die besten Räume im Kapellengebäude werden für Deutschkurse für Immigranten genutzt.

Das Büro des Pfarrers ist im kleinsten Raum, direkt neben dem Lift. Im Zimmer stehen ein kleiner Tisch, zwei Stühle, sowie ein Büchergestell, das eine ganze Wand bedeckt. Dazu ein kleines Pult mit Computer, ohne Stuhl.

Als Weber ein junger Mann war, war nicht offensichtlich, dass er einmal bei einer Kirche landen würde. Es war ein langer und dorniger Pfad.

Das Ereignis, das sein Leben auf den Kopf stellte, war die Scheidung seiner Eltern. Er war 16 Jahre alt, und seine Welt lag in Scherben.

"Ich hatte Probleme, persönliche Beziehungen aufzubauen. Ich wusste nicht, wie feste Beziehungen zu knüpfen, auch nicht mit Mädchen. Ich dachte, ich würde nie mit jemandem einen Weg zur Kommunikation finden." Doch eines Tages änderte sich all dies – dank eines Schweizer Armeemessers.

Blickwechsel

"Ich war mit meinem Schlafsack auf den Gurten gegangen, den Hügel, wo Leute aus Bern gern ihre Freizeit verbringen. Ich wollte einfach dem Trubel der Stadt entfliehen, um über Dinge nachdenken zu können. Als ich am nächsten Morgen aufstand, sah ich eine Gruppe von Campern wie ich, die Frühstück machen wollten. Doch sie hatten ein Problem, sie hatten kein Messer, um ihr Brot zu schneiden. Aber ich hatte eines."

Und so traf er diese Leute, die ihren Glauben in Christus verkündeten. Sie luden ihn - nach einem gemeinsamen Frühstück - ein, sie am Sonntag darauf zu einem Gottesdienst zu begleiten. "Als ich mich dort in einer ganz neuen Umgebung befand, konnte ich einen radikal anderen Blick auf mich selbst werfen. Mir wurde klar, dass eine Person mit all ihren Schwächen und Stärken nicht einfach nur das Produkt ihrer Familie, der Gesellschaft und der Schule ist. Sondern dass hinter jedem von uns eine Macht steht, die kein Urteil über dich fällt, dir keine Vorwürfe macht, eine Macht, der du dich und dein Leben voll und ganz anvertrauen kannst."

Webers berufliche Karriere lief zu der Zeit gut. Er war Mitarbeiter einer recht erfolgreichen Dentaltechniker-Firma. Doch dann verstarb sein Geschäftsführer unerwartet. Weber übernahm danach in relativ jungem Alter dessen Geschäft, was vielen Leuten ein Gefühl von Stärke und einen Sinn fürs Leben geben kann.

Doch bei Weber war es nicht so. Er kam zum Schluss, dass er sein Leben völlig überdenken und neue Entscheide fällen musste.

Eine Wahl treffen

"Ich musste eine Antwort auf die Frage finden, ob mein Beruf meine Berufung war. Und wenn nicht, galt es herauszufinden, was denn meine Berufung war. Und ich sagte: Herr, wenn Du eine Berufung für mich auf Lager hast, dann sei dem so. Und ich hörte, klar und deutlich, einen Ruf – was das Wort 'Berufung' eigentlich bedeutet. Und so traf ich meinen Entscheid."

Er nahm ein Studium am Theologisch-Diakonischen Seminar Aarau (TDS) auf. Nach Abschluss seiner Studien trat er seine erste Stelle im Emmenthal an, in einem ländlich geprägten Teil des Kantons Bern, etwa 40 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt.

"Die Menschen dort hatten eine ganz andere Einstellung zur Arbeit. In

abgeschiedenen Orten wie dort wurde Büroarbeit, Arbeit an einem Pult, nicht als wirkliche Arbeit betrachtet. Ich musste daher andere Wege finden, den Leuten näher zu kommen. In der Regel stellte dort niemand besonders tief schürfende philosophische Fragen."

"Hier in Bern, wohin ich als nächstes versetzt wurde, denken die Leute etwas anders. Auch die Sorgen und Bedenken, mit denen sie an mich herantreten, sind anders und komplexer, obschon sie normalerweise mit Alltagsproblemen zu tun haben."

"Gedankenlandkarten"-Predigt

Das Evangelische Gemeinschaftswerk Bern ist eine rechtlich unabhängige Glaubensgemeinschaft, die durch die Spenden ihrer Mitglieder finanziert wird. Das EGW ist Mitglied der Schweizerisch Evangelischen Allianz (SEA), wie Weber erklärt.

"Manche Leute betrachten uns als Sekte, weil wir nicht Teil der 'anerkannten' Strukturen sind. Viele Menschen mögen die Tatsache nicht, dass wir unseren Glauben nicht einfach nur in Worten deklarieren, sondern wirklich ein Leben führen wollen, das in Übereinstimmung steht mit den Idealen unseres Glaubens", sagt er.

"Wir glauben, beispielsweise, dass intime Beziehungen nicht nur für die Fortpflanzung der Menschen da sind, sondern auch zum gemeinsamen Geniessen und der Freude am Partner, der Partnerin. Wenn wir aber sagen, dass Sexualität in den geschützten Rahmen der Ehe gehört, wird dies häufig als rückständig empfunden".

Als Pfarrer zieht er es vor, in seinen Predigten spontan zu sein und schreibt diese daher nicht im Voraus auf. "Es sieht nicht natürlich aus, wenn man vor einem Mikrofon seinen Text abliest. Ganz ohne Notizen geht es allerdings auch nicht."

Er zieht ein Blatt Papier hervor und zeichnet etwas, das wie eine Sonne mit einzelnen Strahlen aussieht. "Das ist eine Gedankenlandkarte."

Dank dieser Technik hat er die Kernpunkte seiner Predigt oder seiner Ansprache vor sich, und wählt dann Worte, die zur jeweiligen Situation passen.

Gott urteilt nicht 

Findet Weber in der Bibel und seinem Glauben Antworten auf alles? "Natürlich nicht. Die Bibel ist für mich das lebendige Wort, aber dieses Wort wurde schon vor langer Zeit geschrieben. Wenn wir die Bibel lesen, können wir lernen, was die Bedeutung von Besonnenheit oder Mitgefühl ist. Doch was kann uns die Bibel zum Beispiel dazu sagen, wie wir uns hinter dem Steuer eines Autos benehmen sollen? Andererseits haben sich die grundsätzlichen Probleme der Menschen im Verlauf der letzten 2000 Jahre nicht wirklich derart stark verändert."

"Die Bibel ist ein Buch mit Wegweisungen, kein Buch mit Rezepten. Gott ist weder Richter, noch Polizist. Er ist ein Trainer, der am Rande des Spielfelds steht und das Spiel beobachtet. Manchmal wartet er bis zur Halbzeit, um dir persönlich etwas zu sagen, das nicht eben angenehm zu hören ist. Aber der Punkt ist nicht, dich zu bestrafen, sondern dir zu helfen, besser zu spielen."

Webers neues Leben half ihm, mit beiden Beinen wieder fest auf dem Boden zu stehen. "Mein Glauben brachte mir einige grundsätzliche Prinzipien. Diese versuche ich bewusst in meinem täglichen Leben umzusetzen, statt sie nur in Worten zu verkündigen. Es ist kein Zufall, dass ich seit vielen Jahren glücklich verheiratet bin, und dass wir drei Kinder haben."

Begegnung auf der Treppe

Das Paar hatte sich in der Kirche in Bern kennen gelernt. "Ich ging die Treppe hinunter, und Hanna kam die Treppe hoch. Ich konnte sie gar nicht übersehen. Es stellte sich heraus, dass sie längere Zeit in Afrika gewesen war. Ich hatte sie gefragt, ob sie neu sei in der Gemeinde. Darauf hatte sie gelacht und gesagt, nein, sie nicht, ich aber schon. Und genau so war es."

Arbeitet Weber nicht, verbringt er viel Zeit mit seiner Familie. Daneben spielt er auch elektrische Gitarre. Stolz zeigt er auf das Instrument und den Verstärker in einer Ecke seines kleinen Büros. Zu Hause hat er noch sechs weitere Gitarren, akustische und elektrische. Musik hilft ihm zu entspannen, seine Stimmung zu ändern und die Harmonie zu spüren, die er direkt mit seinen Fingern produziert.

Von Igor Petrov, swissinfo.ch
(Übersetzung: Rita Emch)



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