Your browser is out of date. It has known security flaws and may not display all features of this websites. Learn how to update your browser[Schliessen]

"Ein Schritt in Richtung Gerechtigkeit"

Dass der bosnische Serbenführer Radovan Karadzic nach über 12 Jahren verhaftet wurde, hat weltweit für Aufsehen und Genugtuung gesorgt. Für die Menschen, die unter seinem Regime gelitten haben, bedeutet seine Arrestierung aber noch viel mehr.

Er sei unauffindbar untergetaucht, behaupteten serbische Regierungen, Geheimdienste und die Polizei, während Radovan Karadzic unerkannt in aller Öffentlichkeit lebte und arbeitete. Hinterbliebene, die westlichen Regierungen und Balkanexperten nennen ihn "Schlächter, Massenmörder, verantwortlich für den Tod Zehntausender und die Verwundung und Traumatisierung Hunderttausender".

Karadzic, alias Dr. Dragan David Dabic praktizierte in der serbischen Hauptstadt Belgrad mit Visitenkarte, E-Mail-Adresse und eigener Arztpraxis.

"Es ist ein bitteres Gefühl zu wissen, dass er sich all die Jahre frei in Serbien bewegen konnte", sagt Jasmina Pasalic, die Botschafterin von Bosnien-Herzegowina, gegenüber swissinfo. Sie lobt die neue serbische Regierung für ihr schnelles Handeln: "Das ist sicher hilfreich bei der Entwicklung bilateraler Beziehung zwischen Belgrad und Sarajevo."

Pasalic ist überzeugt, dass Karadzics Festnahme eine stabilisierende Wirkung auf die gesamte Region hat. "Das ist ein Schritt in Richtung Gerechtigkeit."

"Als ob ein Teil von einem ausgelöscht wird"

Osman Besic weilt seit 1990 in der Schweiz. Er arbeitet als Leiter der Abteilung Gesundheit beim Schweizerischen Roten Kreuz. Der studierte Politologe und Sozialarbeiter hat die Kriegsgräuel in den frühen 1990er-Jahren nicht am eigenen Leib miterlebt. Wie bei den meisten Bosniaken gehören auch Mitglieder seiner Familie zu den Opfern des Regimes von Radovan Karadzic und seines immer noch untergetauchten Generals Ratko Mladic.

"Es sind immer noch tiefe Wunden da. In Bosnien habe ich meine Jugend verbracht, wurde meine Identität gebildet, ich wurde dort geprägt. Und dann zerstört das jemand. Das fühlt sich an, als ob ein Teil von einem ausgelöscht wird."

Besic fühlte sich erleichtert und befreit nach der Festnahme von Karadzic: "Ich habe festgestellt, dass die alte Aufregung aus den Kriegszeiten wieder aufgekommen ist. Ich habe in dieser Nacht lange fern geschaut, serbische, bosnische und kroatische Sender."

Dieses Gefühl der Aufregung hält auch einige Tage später weiter an: "Das Erstaunen über sein Auftauchen, das ist immer noch da. Die ursprünglichen Gefühle sind immer noch präsent, aber nicht mehr in der früheren Intensität."

Viele wussten nicht, welcher Ethnie sie angehörten

"Alle Errungenschaften, welche die bosnische Gesellschaft damals auszeichneten, hat Karadzics grosserbische Ideologie vernichtet." Besic weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Bosnien vor dem Krieg dafür bekannt war, dass die Menschen dort trotz ihrer ethnischen und religiösen Unterschiede friedlich zusammenlebten.

"Wir hatten die grösste Zahl von Mischehen im damaligen Jugoslawien", sagt Besic. "Einmal pro Jahr wurden wir in der Schule gefragt, welcher Ethnie wir angehören", erzählt Besic. Viele wussten nicht, was sie waren. Es spielte keine Rolle."

Diese grosse Errungenschaft, die mit Vertrauen und Identitätsbildung verbunden war, wurde im Krieg zerstört. "Dabei haben wir sie gemeinsam aufgebaut, nicht eine einzelne Volksgruppe."

Und so konnten es die meisten nicht fassen, als Bosnien in Karadzics nationalistische Richtung steuerte. "Wir haben wahrscheinlich zu spät reagiert, denn wir standen alle unter Schock. Auch als die Panzer schon in Bosnien waren, habe ich nicht geglaubt, dass der Krieg kommt."

Manipulativ-mörderisches Potential

"Ich verbinde den Namen Karadzic mit einem manipulativ-mörderischen Potenzial, im Namen eines Grossserbentums die anderen aus Bosnien zu vertreiben."

Für Bosnien sei es extrem wichtig, dass man Leute wie Karadzic und Mladic aus dem Kollektiv herausnehme, dass klar herauskomme, dass diese Leute das Desaster mit krimineller Energie verursacht hätten, meint Besic. Man müsse sehen, dass dahinter auch Macht- und finanzielle Interessen stünden.

"Ich glaube, der folgende Strafprozess wird auch vielen Menschen auf der serbischen Seite klar machen, dass sie nicht für ein Grossserbien gekämpft haben, sondern für Menschen, die heute reich oder an der Macht sind."

Vergangenheitsbewältigung

Dass damalige Anführer wie Karadzic zur Rechenschaft gezogen werden, ist für Besic eine Bedingung für eine Aufarbeitung der Vergangenheit.

Die Wunden, welche das Massaker von Srebrenica oder die serbischen Konzentrationslager schlugen, können auch mit Prozessen nicht geheilt werden, ist Besic überzeugt. Die Wunden seien da, gerade bei den Direktbetroffenen. Die emotionalen Belastungen seien so stark, dass sie nicht von heute auf morgen gelindert werden könnten.

"Ich denke, nur das Leben wird das verändern können. Vielen ist das bereits gelungen, weil neue Generationen heranwachsen. Mittlerweile sind bald 15 Jahre vergangen und da muss eine neue Perspektive gesucht werden."

swissinfo, Etienne Strebel

Bosnienkrieg

Der Krieg in Bosnien und Herzegowina dauerte von 1992 bis 1995. Er forderte rund 100'000 Tote.

Nach dem Auseinanderbrechen der Republik Jugoslawien setzten sich in Bosnien und Herzegowina grosse Teile der serbischen Bevölkerung für einen engen Anschluss an Serbien, viele Kroaten für einen Anschluss an Kroatien und die Bosniaken für einen eigenen Staat ein.

Die Spannungen eskalierten nach der im März 1992 verkündeten Unabhängigkeit der Republik Bosnien und Herzegowina (RBiH) und der Ausrufung einer bosnisch-serbischen Republik.

So genannte ethnische Säuberungen mündeten in bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen allen drei grossen Volksgruppen.

Die von der Republik Serbien unter Slobodan Milosevic militärisch stark unterstützten bosnischen Serben kontrollierten bald bis zu 70% des Territoriums von Bosnien und Herzegowina.

Auch internationale Vermittlungsbemühungen sowie der Einsatz von UNO-Truppen konnten über lange Zeit den Krieg nicht eindämmen.

Nachdem die serbische Seite 1995 in die Defensive gedrängt wurde, führten die Kriegsparteien Verhandlungen, die im Dayton-Vertrag zur Beendigung des Krieges führten.

Darin wurden die beiden weitgehend selbstständigen Teile von Bosnien und Herzegowina (bosniakisch-kroatische Föderation und Serbische Republik) als Bestandteile von Bosnien und Herzegowina festgeschrieben.

Gleichzeitig wurde eine internationale militärische und zivile Kontrolle des Landes vereinbart, die bis heute anhält.



Links

×