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"Pilzgeige" lässt Stradivari links liegen

(Egmont Seiler)

Ein Holzforscher und ein Geigenbauer revolutionieren mit pilzbehandeltem Holz den Geigenbau. Die beiden haben es Anfang September mit ihrer Geige gewagt, im Blindtest gegen eine echte Stradivari anzutreten – und beim Publikum prompt gewonnen.

Ein kühles Büro in einem Bau aus Stahl und Glas etwas ausserhalb des Zentrums von St. Gallen.

Francis Schwarze sitzt am Computer und zeigt am Bildschirm, was das Geheimnis des Wohlklangs ist.

"Wir setzen Fadenpilze ein, die das Holz nachträglich leichter machen, also die Dichte verringern", erklärt der Professor.

Der Brite ist Leiter der Gruppe "Holzschutz / Biotechnologie" in der Abteilung Holz der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa). Seit dem Erfolg beim Blindtest in Osnabrück ist er ein gefragter Mann.

Im Kühlraum zeigt Schwarze inmitten hunderter mit verschiedensten Pilzen versetzter Holzproben, was er in fast sechs Jahren Forschung mit seinem Team entdeckt hat.

"Ein langer, beschwerlicher Weg", betont er. "Vielleicht auch beschwerlich, weil wir wenig Unterstützung bekommen haben, auch finanzieller Art. Ich glaube, die wenigsten haben wirklich geglaubt, dass es funktionieren kann."

Schädling wird Nützling

Zwei Pilzarten erwiesen sich in den Forschungen als am besten geeignet, da sie die Zellen von innen her abbauen und damit die Zellwände dünner werden. Die Arbeit dieser Schädlinge hat einen direkten Einfluss auf die Verbesserung der Klangeigenschaften des Holzes.

Zudem öffnen die Fadenpilze die Membrane wieder, die Verbindung zum Stoffaustausch zwischen den Zellen, die bei totem Holz verschlossen ist. So wird der Klang noch schneller durchgelassen und damit wohlklingender.

Kleine Eiszeit

Eigentlich simulieren die Empa-Forscher für das Holz eine Kleine Eiszeit. Man nimmt an, dass Geigenbauer wie Antonio Stradivari, ohne davon zu wissen, von diesem Phänomen des 17. Jahrhunderts profitierten.

Denn die Kälte dieser Jahrzehnte hatte das Holz damals sehr gleichmässig wachsen lassen.

Wichtig bei der Behandlung von bereits gutem Klangholz ist, dass es vor der Pilzbehandlung sterilisiert ist und dass das Wachstum des Pilzes kontrolliert gestoppt wird, betont Schwarze.

Holz wird lebendig

Szenenwechsel: Das Atelier von Geigenbauer Michael Rhonheimer im Aargauer Städtchen Baden. In seinem Arbeitsraum dominieren Holz, warmes Licht und der Geruch von Lack. Hier hat er die Siegergeige aus dem pilzbehandelten Holz zum Leben erweckt.

Rhonheimer sitzt an seiner Werkbank und repariert eine Geige. "Es ist schön, begehrt zu sein", kommentiert er den Erfolg. "Schade, dass es einem ein bisschen viel Energie wegnimmt für die Arbeit. Ich würde gerne mehr Geigen bauen. Habe die Zeit dazu im Moment nicht."

Das Klangholz, das er ausgewählt und von der Empa behandelt zurückerhalten habe, hätte er vom Anklopf-Verhalten her vielleicht gar nicht verbaut, sagt er. "Ich habe es aber natürlich machen wollen, war gespannt, wie sich das verhält."

Behandlungslänge macht den Unterschied

Zwei Geigen hat er aus dem Holz gebaut. Für Boden und Zargen (Seitenwände) wird Bergahorn verwendet, für die Decke norwegische Fichte.

"Das sechseinhalb Monate behandelte Holz war genau gleich zu verarbeiten wie unbehandeltes", erzählt er und zeigt die daraus entstandene Geige "Opus 58".

Acht Monate Behandlung wären aber bereits zu viel gewesen: "Ich musste extrem aufpassen, die Zellveränderungen brachten zum Teil auch scheidenförmige Öffnungen im Holz, weil sich das Holz verdichten wollte und Material fehlte."

Den richtigen Moment zu finden, um den Pilz zu stoppen, sei also zentral. Er habe es aber geschafft, auch aus dem langzeitbehandelten Holz eine Geige zu bauen. Diese ist laut Rhonheimer allerdings heute bereits nicht mehr spielbar. Ganz im Gegenteil zur "Opus 58", die schliesslich eine Stradivari an die Wand spielen sollte.

Der Blindtest

Osnabrück, 1. September: Fünf Geigen liegen hinter einem weissen Vorhang in Reih und Glied. Der britische Starviolonist Matthew Trusler spielt auf jedem Instrument Stücke von Brahms und Mendelssohn.

Im Rahmen der 27. Osnabrücker Baumpflegetage sitzen 180 Tagungsteilnehmende und eine namhafte Fachjury im Saal und lauschen gebannt den Klängen, die hinter dem Vorhang ertönen.

Eine der Geigen ist seine eigene, eine Stradivari aus dem Jahr 1711 mit einem Wert von 2 Millionen Dollar. Zwei der vier Rhonheimer-Geigen sind pilzbehandelt, zwei nicht.

"Für mich war eigentlich klar, dass sie keine Chance haben", erzählt Geigenbauer Rhonheimer. Schwarze vermutete beim Test, dass die wohlklingendste Geige die "Strad" war, "weil deren Klang schön rund und harmonisch war".

Doch es war die pilzbehandelte "Opus 58" aus dem Hause Rhonheimer, die schliesslich von einer Mehrheit des Publikums und der Jury zur wohlklingendsten Geige gewählt wurde. "Umso überraschter war ich über das Ergebnis", gibt Schwarze zu.

"Ich habe diese Geige bereits in nicht-lackiertem Zustand gehört, an Ostern 2009", betont er. "Das war für mich ein ganz bewegender Moment. Und ein echtes Highlight in meinem Leben."

Die Zukunft?

Schwarze glaubt, dass die Pilzmethode eine "sehr wichtige Bedeutung" für den Geigenbau der Zukunft haben wird. "Bislang konnten nur Starsolisten auf einer Stradivari spielen."

Wie das Projekt nun weitergeht, darüber äussert er sich allerdings nur diplomatisch: "Da gibt es im Moment Verhandlungen seitens Empa und Klangholzhändler sowie Geigenbauer. Ich kann leider im Moment noch nicht so viel dazu sagen."

Mittelfristig erwarte er aber, "dass die Empa oder eine Spin-Off-Firma der Empa Klangholz mit den Pilzen veredelt und so das Klangholz für jeden Geigen- und Gitarrenbauer zur Verfügung gestellt wird". Wie genau das ablaufen werde, kläre sich innerhalb des nächsten Jahres.

Christian Raaflaub, St. Gallen und Baden, swissinfo.ch

EMPA

Die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (EMPA) definiert sich seit 1988 als Forschungsinstitution für Materialwissenschaften ...

Stradivari

Geigenbaumeister Antonio Stradivari lebte von 1644 (andere Quellen nennen 1648) bis 1737 im italienischen Cremona.

In diesem Städtchen hatte der Grossvater seines Lehrmeisters Nicolo Amati um 1550 die Geige in ihrer heutigen Form erfunden.

Stradivari und andere Geigenbauer wie Guarneri profitierten davon, dass das Holz während der Kleinen Eiszeit (Maunder Minimum, 1645 bis 1715) sehr regelmässig wuchs, was für einen volleren Klang sorgte.

Dies ist aber nicht der einzige Grund für den Erfolg der Geigen: Die Grundvoraussetzung war sicher Stradivaris ausserordentlich hohe Handwerkskunst.

Seither wurden die Klangeigenschaften der "Strads", die heute oft mehrere Millionen kosten und als Messlatte gelten, nie mehr erreicht.

Es wird vermutet, dass heute noch etwa 540 Violinen, 50 Celli und ein Dutzend 12 Bratschen aus seiner Werkstatt erhalten sind.

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