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"Stromleitungen in den Boden" gewinnt an Boden

Leben unter Starkstromleitungen: Ein Wohnhaus oberhalb von Lauerz im Kanton Schwyz.

(Ex-press)

Billiger Strom Ja, eine Hochspannungsleitung neben dem eigenen Haus nein danke: Dies die Haltung der meisten Konsumenten in der Schweiz. Die Befürworter der Erdkabel-Variante waren bisher politisch chancenlos. Jetzt beginnt sich die Situation zu drehen.

In der Schweiz, der Stromdrehscheibe Europas, finden Kämpfe statt, von denen kaum jemand etwas merkt - ausser den Betroffenen im Feld, oder besser, den Protagonisten im Gerichtssaal.

Ursache sind aber weder Gebietsansprüche noch der Kampf um Bodenschätze. Es geht um Starkstromleitungen oder deren Verhinderung.

Swissgrid, die nationale Netzgesellschaft, beziffert den Ausbaubedarf des Starkstromnetzes im Land bis ins Jahr 2020 auf nicht weniger als 1000 Kilometer.

Ausweg aus der Blockade 

Einzelne Abschnitte davon, wie etwa die Strecke Galmiz-Yverdon im Seeland sowie bei Riniken im Aargauer Mittelland, sind seit Jahren oder gar Jahrzehnten völlig blockiert. Anwohner und Gemeinden kämpfen vor Gericht gegen Stromunternehmen, weil sie durch den Bau von Freileitungen negative gesundheitliche Folgen befürchten oder die Landschaft frei von hässlichen Strommasten halten wollen.

Im Frühjahr sorgte das Bundesgericht für ein kleineres energiepolitisches Erdbeben und gab den Rinikern Recht: Im Bereich der Gemeinde muss das Stromunternehmen Axpo die Leitung in den Boden verlegen.

Und jetzt haben Wissenschafter, sozusagen als Nachlieferung, in einer grossen Vergleichsstudie aufgezeigt, dass die Verlegung der Kabel in den Untergrund auch im Hochspannungsbereich machbar ist. Bisher wurden vor allem Leitungen mit niedriger und mittlerer Spannung ins Erdreich verlegt.

"Ein Quantensprung", kommentierte Jean-François Steiert, Präsident des Vereins "Hochspannung unter den Boden" (HSUB), das Fazit der Experten der deutschen Universität Ilmenau.

Kosten nähern sich an

Zwar liegen die Kosten für Erdleitungen gemäss den deutschen Experten nach wie vor höher. Doch die Relationen haben sich geändert. "Früher galten Erdleitungen als 18 bis 30 Mal teurer. Heute beträgt der Faktor noch das Zwei- bis Dreifache", sagt Steiert gegenüber swissinfo.ch.

Der Nationalrat der sozialdemokratischen Partei (SP) verlangt, dass in der Kalkulation für den Bau einer Freileitung nicht nur die betriebswirtschaftlichen Kosten berücksichtigt würden, sondern vorallem auch die volkswirtschaftlichen. "Führt eine Hochspannungsleitung durch eine Bauzone, ist der Wertverlust des Bodens höher als in einer Landwirtschaftszone", sagt Steiert.

"Mehrkosten kaum spürbar" 

Durch die Verlegung in den Boden entstünden für die Konsumenten Mehrkosten "nur im äusserst marginalen Bereich". Steiert verweist auf eine Studie der Electricité de France, wonach die Erdverlegung des gesamten Hochspannungsleitungs-Netzes in Frankreich den Strompreis für die französischen Konsumenten lediglich um 1 Cent pro verbrauchter Kilowattstunde (kWh) erhöhen würde.

Steiert hält die Erdkabel-Variante im Mittelland für geeignet. Zum einen wegen des weichen Bodens (Erde oder Geröll), zum anderen gebe es dort mit Autobahnen und Eisenbahnen bereits bestehende Infrastruktur-Trassen, entlang derer Kanäle für eine Erdverkabelung gezogen werden können.

"Es ist aber nicht das Ziel des Vereins, 100 Prozent in den Boden zu verlegen, sondern Schritt für Schritt vor allem die neuen Starkstromleitungen", relativiert er.

Naturdenkmäler schützen 

Für Raimund Rodewald, Geschäftsleiter der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz (SL), ist klar, dass Hochspannungskabel dort in den Boden gehörten, wo sie durch Gebiete führten, die im Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN) figurieren. Aber auch in Siedlungsnähe, wo die gesellschaftliche Akzeptanz der Bevölkerung für eine Freileitung sehr gering sei.

Rodewald freut sich insbesondere über die Ankündigung der Swissgrid, Pilotvorhaben umzusetzen. "Wir brauchen solche, um herauszufinden, wie Best Practice bei der Verkabelung aussieht", sagt er gegenüber swissinfo.ch.

Das allein reiche aber noch nicht. Pilotprojekte müssten "relativ rasch" von Bundesrat und dem Bundesamt für Energie aufgegleist werden, fordert Rodewald. "Es braucht ein politisches Programm, in dem Abschnitte definiert werden, wo die Leitungen in die Erde verlegt werden."

Für Rodewald liegt auf der Hand, dass die Erdverlegung vor allem jene Freileitungs-Projekte ersetzen soll, gegen die sich Bevölkerung und Gemeinden vehement wehren.

"Mehrkosten, so oder so" 

Das ist beispielsweise auf der Linie Mühleberg-Wattenwil durch das Berner Gürbetal der Fall, im Zentralwallis im Bereich des geschützten Pfynwalds oder bei der geplanten Verbindung Galmiz-Yverdon in der Drei-Seen-Region.

Im Gegensatz zu Steiert geht Rodewald von spürbaren Mehrkosten aus, und unabhängig von der Frage, ob Freileitung oder Verkabelung. Denn die Investitionen für die 1000 Kilometer an neuen Hochspannungsleitungen veranschlagt er auf einen zweistelligen Milliardenbetrag.

Angesichts solcher Perspektiven fordert die Stiftung einerseits eine zusätzliche Lenkungsabgabe auf dem Strompreis. Da dieser in der Schweiz zu tief sei, müssten endlich Anreize für einen ökonomischeren Umgang mit dem Strom geschaffen werden. Andererseits müssten die mit Erdleitungen verbundenen Mehrkosten auf den Strompreis übertragen werden können.

"Gemäss geltendem Gesetz darf eine Strompreis-Erhöhung nur im 'zumutbaren Rahmen' liegen. Hier braucht es eine klare Aussage von Energieministerin Doris Leuthard", fordert Rodewald.

Tessiner machens vor 

Wer auch nach Bundesgerichtsurteil und der erwähnten Studie immer noch skeptisch ist, den oder die verweist HSUB-Präsident Jean-François Steiert auf das Tessin. Dort hat die Elektrizitätsgesellschaft azienda elettrica ticinese (aet) die Hochspannungsleitung zwischen Mendrisio und dem italienischen Cagno in den Boden verlegt.

Weil das Bewilligungsverfahren zu lange gedauert hätte, setzte die aet von Anfang an auf die Erdleitung. Mit Erfolg: Schon 2008, acht Jahre nach Planungsstart, floss die volle Nennleistung unter der Landesgrenze durch.

Die Studie

Autoren: Wissenschafter der Technischen Universität Ilmenau (Deutschland).

Sie verglichen über 170 Einzelstudien, die in den letzten zehn Jahren zum Thema Freileitungen und Erdkabel erschienen sind.

Bewertet wurden Investitions- und Betriebskosten, Übertragungsverluste, Betriebsstörungen, Magnetische Felder (Elektrosmog), Landschaftsschutz, Bodenschutz, die Eingriffe auf Flora und Fauna sowie die Akzeptanz der beiden Technologien.

Der Vergleich zeigt Unterschiede bei drei Kriterien:

Die Investitionskosten sind bei Freileitungen z.T. deutlich tiefer.

Die Erdverkabelung hingegen schneidet punkto Landschaftsschutz und Elektrosmog besser ab – und wird darum auch von der betroffenen Bevölkerung besser akzeptiert.

Kein eindeutiges Bild gibt es bei den Übertragungsverlusten.

Aber sowohl HSUB-Präsident Jean-François Steiert wie Raimund Rodewald von der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz bezeichnen diese bei Hochspannungsleitungen als beträchtlich.

Laut Rodewald entspricht der Stromverlust, der ab Freileitungen in die Atmosphäre entschwindet, gar der Jahresproduktion eines Atomkraftwerks.

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