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100 Jahre Pro Infirmis "Man soll Menschen mit einer Behinderung nicht übermässig schützen"

Behinderte als fixer Teil des Alltags: Was etwa in skandinavischen Ländern schon längst der Fall ist, ist in der Schweiz noch ausbaufähig.

(Keystone / Samuel Truempy)

In der Schweiz leben fast 1,7 Millionen Menschen mit einer Behinderung. Seit 100 Jahren unterstützt und berät sie die Organisation Pro Infirmis. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausgegrenzt und in Heimen versorgt, sind Menschen mit Behinderungen heute besser in die Gesellschaft integriert. Aber es bleibe noch immer sehr viel zu tun, sagt Präsident Adriano Previtali.

Die führende Schweizer Organisation für Menschen mit Behinderungen wurde am 31. Januar 1920 in Olten im Kanton Solothurn gegründet. Sie hiess damals "Schweizerische Vereinigung für das Anormale". 1946 wurde der Name in Pro Infirmisexterner Link geändert.

Der Auftrag ist seit 100 Jahrenexterner Link unverändert: Sie unterstützt und berät Menschen mit körperlichen, kognitiven und psychischen Behinderungen. "In einem Jahrhundert hat es viele Fortschritte gegeben, aber es bleibt immer noch Raum für Verbesserungen", sagt Pro-Infirmis-Präsident Adriano Previtali.

swissinfo.ch: Wer sind die Menschen mit Behinderungen, die von Ihrer Organisation unterstützt werden?

Adriano Previtali: Pro Infirmis beschäftigt sich mit allen Arten von Behinderungen: körperliche, geistige und psychische. In den letzten 20 Jahren aber haben wir unsere Arbeit vor allem im Bereich der geistigen Behinderung weiterentwickelt. Nachdem diese lange Zeit vernachlässigt worden war, ist sie nun zu einem sehr wichtigen Teil unserer Arbeit geworden.

"Es wird immer kranke Menschen geben, und die Gesellschaft muss Regeln erlassen, die ihre Integration ermöglichen."

Ende des Zitats

swissinfo.ch: Wie hat sich die Behinderung in der Schweiz im vergangenen Jahrhundert entwickelt?

A.P.: Es ist vor allem das Konzept der Behinderung, das sich im Laufe der Zeit entwickelt hat. Vor 100 oder sogar 50 Jahren gab es sie einfach nicht. Menschen mit Behinderungen wurden als krank und von der Norm abweichend betrachtet. Daher mussten sie in Institutionen untergebracht werden, um die Gesellschaft zu schützen.

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Mit der Einführung der Invaliditätsversicherung (IV) rückte der Begriff der Invalidität allmählich in den Vordergrund. Es gab nicht mehr nur den Begriff der Krankheit, sondern auch den der Langzeitinvalidität, die einen Anspruch auf IV-Leistungen begründet. In den 1980er-Jahren schliesslich kam der Begriff des Handicaps auf und wurde auf internationaler Ebene von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eingeführt.

Es entspricht eher der Realität: Es handelt sich nicht nur um eine individuelle Behinderung, sondern um ein soziales Problem. Es wird immer kranke Menschen geben, und die Gesellschaft muss Regeln erlassen, die ihre Integration ermöglichen.

swissinfo.ch: Wie kann die Schweiz die Betreuung von Behinderten verbessern?

A.P.: Vor dreissig Jahren waren Behinderungen noch ein Grund für die Stigmatisierung. Wir befinden uns jetzt in einer Phase, wo wir Verbesserungen erzielt haben. Aber wir brauchen einen neuen Impuls, damit wir nicht stagnieren. Die Einstellungen müssen sich noch ändern. 

Die Präsenz von Menschen mit Behinderungen muss in der Ausbildung, in der Arbeitswelt, im gesellschaftlichen Leben im weitesten Sinne sowie im politischen und kulturellen Leben verstärkt werden.

Vor zwanzig Jahren leitete Pro Infirmis einen Paradigmenwechsel ein: Die Kampagnen zeigten Menschen mit Behinderungen als Individuen, die ein selbstbestimmtes Leben führen und ihre Rechte einfordern. (Bild: Kampagne 2019).

(ldd)

Es wurden bereits viele Fortschritte erzielt, aber es gibt noch grosses Potenzial für Verbesserungen. Es müssen auch Strukturen geschaffen werden, die mehr Unterstützung für pflegende Angehörige bieten. 

Die Alterung der Bevölkerung wird auch in den kommenden Jahren eine der grössten Herausforderungen sein. Es braucht Ressourcen, damit wir die Betreuung von Menschen gewährleisten können, die sich am Ende ihres Lebens in einer Situation der Abhängigkeit befinden.

"Die Präsenz von Menschen mit Behinderungen muss in der Ausbildung, in der Arbeitswelt, im gesellschaftlichen Leben im weiteren Sinne sowie im politischen und kulturellen Leben verstärkt werden."

Ende des Zitats

swissinfo.ch: Pro Infirmis sagt auch, sie wolle gegen die "lästigen Klischees" kämpfen, die den Menschen mit Behinderungen anhaften. Was sind das für Klischees?

A.P.: Es sind Klischees, die in unserer Kultur so tief verwurzelt sind, dass wir sie gar nicht mehr wahrnehmen. Zum Beispiel wird eine Person mit einer Behinderung mit Armut in Verbindung gebracht. Aber viele Menschen mit Behinderungen sind überhaupt nicht arm, sondern tragen ihren Teil zum Wohlstand bei.

Die Vorstellung, dass eine Person mit einer Behinderung weniger produktiv ist als jemand anderes, ist ebenfalls weit verbreitet. Dabei können auch solche Menschen sehr produktiv sein.

Wir glauben auch, dass Menschen, die an einer geistigen oder mentalen Behinderung leiden, geschützt werden sollten. Sie sollten aber nicht übermässig geschützt werden. In der Schweiz können mehrere zehntausend Menschen aufgrund ihrer psychischen Erkrankung ihr Stimm- und Wahlrecht nicht ausüben, aber einige von ihnen könnten absolut abstimmen und wählen.

Einige Menschen sind auch in Bezug auf ihr Gefühlsleben geschützt, was bedeutet, dass sie kein Gefühls- oder Sexualleben haben. Objektiv gesehen gibt es Menschen mit Behinderungen, die Schutz benötigen. Aber einige sind in der Lage, ihre Sexualität frei zu wählen und zu leben.

Behinderte in der Schweiz

Die Zahl der Menschen mit Behinderungen wird auf etwa 1,7 Millionen geschätzt. Von diesen gelten 27% als schwer behindert. Sie leben in spezialisierten Institutionen. Ein selbstständiges und unabhängiges Leben zu Hause ist ihnen nicht mehr möglich.

Die Zahl der Kinder mit einer schweren Behinderung wird auf rund 10'000 geschätzt, 44'000 Kinder weisen eine leichtere Behinderung auf.

(Quelle: Bundesamt für Statistikexterner Link)

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(Übertragung aus dem Französischen: Renat Kuenzi)

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