Your browser is out of date. It has known security flaws and may not display all features of this websites. Learn how to update your browser[Schliessen]

40 Jahre-Jubiläum


Jazzfestival Bern – seit jeher strikt der Tradition verpflichtet


 Weitere Sprachen: 4  Sprachen: 4
Champion Jack Dupree, 1981 am Jazzfestival Bern. (Jazzfestival Bern)

Champion Jack Dupree, 1981 am Jazzfestival Bern.

(Jazzfestival Bern)

Jazz und seine entfernten, populären Verwandten in Montreux, die Avantgarde in Willisau und traditioneller Jazz und Blues in Bern: So sah die Karte der Schweizer Jazzfestivals 1976 aus. Nun findet das Jazzfestival Bern zum 40. Mal statt. Ein Gespräch mit dem Gründer Hans Zurbrügg.

Wynton Marsalis ist der weltweit bekannteste Jazztrompeter. Ein Star, der grosse Hallen füllt. Mitunter ruft er Hans Zurbrügg an und fragt, ob er ein paar Tage in seinem kleinem Jazzclub auftreten dürfe.

Dass sich der Star damit weit unter seinem Marktwert "verkauft", hat Gründe: Marsalis und Zurbrügg sind im Geiste eng verwandte Jazzenthusiasten und als solche einem puristischen und stark traditionsverbundenen Musikverständnis verpflichtet. Elektronik, Rock-oder Free-Jazz und Crossover-Experimente lehnen sie ab.

"Jazz aus erster Hand" nennt Zurbrügg das, was er seit 1976 konsequent in seinem Club, aber auch am Jazzfestival Bern auf die Bühne bringt.

swissinfo: Das Festival findet nun bereits zum 40. Mal statt. Was war damals ihre Motivation?

Hans Zurbrügg: Ein paar Jahre vorher hatte ich all die Cracks jener Zeit in Nizza erlebt und auch persönlich kennen gelernt. In der Schweiz gab es damals lediglich das Jazzfestival von Montreux und es war meine Absicht, den swingenden, traditionellen Jazz in Bern einem breiten Publikum bekannt zu machen.

Claude Nobs hatte in Montreux sein eigenes Konzept umgesetzt. Niklaus Troxler war daran, in Willisau ein Festival mit Avantgarde-Jazz auf die Beine zu stellen und wir haben gemeinsam die Termine abgesprochen.

swissinfo.ch: Der Sommer war und ist die Saison der grossen europäischen Festivals. Bern findet im Frühjahr statt, also in einer Zeit, in der die US-Stars nicht sowieso querbeet durch Europa touren. Hat das dazu geführt, dass Sie selber aktiv werden und die Musiker auswählen und extra einfliegen mussten?

H.Z.: Als wir das Datum festgelegt haben, war mir das nicht bewusst, aber ich habe dann sehr rasch die Erfahrung gemacht, dass dem so ist und es als Chance wahrgenommen.

Ein Beispiel: Der grosse Trompeter Clark Terry, der vor wenigen Tagen verstorben ist, hat ja vor Jahren eine Zeit lang in Bern gelebt. Nach einer Operation musste er einige Tage im Spital liegen. Das war für ihn als kreativen und initiativen Menschen eine Strafe sondergleichen. Ich besuchte ihn mehrmals im Spital. Er war sehr deprimiert. Da habe ich gesagt: Wir machen etwas. Stell eine Band zusammen, Du hast absolut freie Hand, mach, was Dir Freude macht. Am nächsten Tag hatte er die Namen der Musiker bereits aufgeschrieben und so sind die "Ellington Spacemen" zusammengekommen.

Auch viele andere Musiker haben für Bern eigens eine Band zusammengestellt und da ist sehr viel Kreatives dabei herausgekommen, das unser Festival punkto Angebot von praktisch allen andern Festivals abgehoben hat.

swissinfo.ch: Benny Goodman, Louis Armstrong, Oscar Peterson, Ella Fitzgerald, die grossen Stars des traditionellen Jazz sind tot. Die jüngeren Musiker sind einem breiten Publikum weniger bekannt. War das mit ein Grund, dass sie 2003 das Festival von einem grossen Saal in einen Club verlegt haben.

H.Z.: Das ist exakt so. Gleichzeitig ist der Jazz am Anfang und insbesondere sind auch die verschiedenen Stile in Clubs entstanden. Ich habe damals gesagt, der Jazz sollte zurück zu den Wurzeln und interessanterweise haben heute die meisten echten Jazzfestivals Clubs als Austragungsort.

Dazu kommt, dass die kleineren Distanzen in einem Club zu einem ganz anderem Erlebnis für den Besucher und auch für den Musiker führen, denn Jazz ist ja vor allem auch eine Musik der Emotionen und nicht der perfekten Techniken.

swissinfo.ch: Sie sprechen von "echten Jazzfestivals" und grenzen sich damit von all den Festivals ab, die ein wenig Jazz, aber auch viel verwandtes und sogar jazzfremdes programmieren. Jazz ist auch ein Label, ein Modewort geworden.

H.Z.: Das ist eben schade und das muss man korrigieren. Jazz hat als Kulturgut einen sehr hohen Stellenwert. Wir präsentieren ausschliesslich Musiker, die diesem Kulturgut und damit der Jazz-Tradition verpflichtet sind. Das heisst nicht, dass sie die Tradition einfach reproduzieren.

Bei andern, so genannten Jazzfestivals ist nur noch der wirtschaftliche Aspekt entscheidend. Die Halle muss gefüllt, der Sponsor zufrieden sein.

swissinfo.ch: Nehmen wir als Beispiel den grossen Jazzpianisten Oscar Peterson, der stark in der Tradition verankert war. Wer ist auf der aktuellen Szene so was wie Peterson – Keith Jarrett, Herbie Hancock?

H.Z.: Nein. Es gibt jetzt in den USA im Umfeld des Lincoln Centers von Wynton Marsalis eine junge Generation, die wieder an die Wurzeln des Jazz herangeführt wird. Benny Green – er ist mit 51 nicht mehr der Jüngste – ist ein von Oscar Peterson beeinflusster Pianist, aber es gibt auch Junge, wie Aaron Diehl, der dieses Jahr am Festival spielen wird. Es gibt eine ganze Anzahl junger Talente – und da zähle ich Herbie Hancock nicht dazu. Hancock oder Chic Corea haben ihren eigenen Stil, aber es gibt junge Pianisten, die im Spirit näher an der Tradition sind.

Hans Zurbrügg

Der Hotelunternehmer ist seit 1990 Mitbesitzer von zwei Hotels in Bern. Von 1972 war er Mitinhaber und Direktor der international tätigen Gauer Hotel Gruppe.

1976 gründete er das Jazzfestival Bern.

1992 eröffnete er zusammen mit seiner Frau Marianne Gauer das Hotel Innere Enge in Bern und den Marians Jazzroom, welcher heute weltweit das Renommee eines erstklassigen Jazzclubs hat.

2013 erhielt er von der New School Universität in New York den "Beacons in Jazz Award". Damit steht Zurbrügg in einer Reihe mit Jazzkoryphäen wie Cab Calloway, Benny Carter, Aretha Franklin, Ahmet Ertegun, Dizzy Gillespie, Max Roach, Wayne Shorter oder George Wein.

swissinfo.ch: Winton Marsalis ist stark der Tradition verpflichtet, aber auf der andern Seite waren die Musiker, auf die er sich bezieht zu Ihrer Zeit Erneuerer. Ist Jazz für Sie eine Musik, deren Entwicklung abgeschlossen ist. Oder kann sich sie sich auch in bislang unbekannte Richtungen entwickeln?

H.Z.: Ich denke, die Jazzgeschichte als solches ist geschrieben. Aber das heisst nicht, dass sich heutige Jazzmusiker nicht selbst verwirklichen und einen eigenen Stil, eine eigene Persönlichkeit entwickeln können. Ich glaube, es ist alles versucht worden, was irgendwie möglich ist. Alle möglichen Musikkulturen dieser Welt sind einmal mit Jazz vermischt worden.

Oscar Peterson hat es einmal auf den Punkt gebracht und gesagt, die Volksmusiken seien teilweise mit Jazz kompatibel, aber eben nicht alle. Als Hotelier mache ich einen Vergleich: Hamburger und Kaviar ergibt wahrscheinlich eine Mischung, die nicht ganz befriedigen kann.

swissinfo.ch: Seit einigen Jahren leitet Ihr Sohn Benny das Festival. Wie sieht die Rollenverteilung aus. Bleibt der Vater, der alles gegründet hat, der Chef?

H.Z.: Nein, mein Sohn ist der Chef, aber wir sind ein Team. Er ist jetzt seit 20 Jahr schrittweise in diese Funktion hineingewachsen. Wir haben ja noch das Programm im Club mit hunderten, über das ganze Jahr verteilten von Konzerten. Das Festival macht er in Eigenregie Ich bin dabei, wenn es um grundsätzliche Entscheidungen geht und habe eine beratende Funktion. Wir besprechen uns gemeinsam und wenn beide nicken, dann ist es ok.

×