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Altersfreigabe im Kino


Was ist für Minderjährige nicht geeignet?




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Nasse Füsse: Helen, Protagonistin des Films "Feuchtgebiete", interpretiert von der Tessinerin Carla Juri. ()

Nasse Füsse: Helen, Protagonistin des Films "Feuchtgebiete", interpretiert von der Tessinerin Carla Juri.

Das kontroverseste Werk am Internationalen Filmfestival von Locarno, "Feuchtgebiete", hat die Debatte um die Altersfreigabe im Kino wieder neu entfacht. Nach welchen Kriterien wird entschieden, und welchen Sinn machen Altersbeschränkungen in Zeiten des Internets?

Der Film nach dem Roman "Feuchtgebiete" von Charlotte Roche, einem Bestseller mit über drei Millionen verkauften Exemplaren, dreht sich um die Protagonistin Helen, eine 18-Jährige, die sich treiben lässt, und deren (un)hygienisch-sexuelle Experimente.

Die Tonart des Films wird in den ersten Minuten klar: Man sieht die Hauptdarstellerin auf einer öffentlichen Toilette in Berlin, die nackten Füsse bis zu den Knöcheln im Dreckwasser, während sie sich ein Schamhaar, das sie auf der Toilettenbrille gefunden hat, in den Mund steckt. Einfach so.

Wenn man Autorin Charlotte Roche und Regisseur David Wnendt glauben will, ist "Feuchtgebiete " ein mutiger Film, "neofeministisch und ikonoklastisch".

Jedes Land setzt eigene Grenzen

ZERO DARK THIRTY (2013)

  •      Ohne Altersbeschränkung: Italien, Frankreich
  •      16 Jahre: Schweiz, Deutschland

 

DJANGO UNCHAINED (2013)

  •      Ohne Altersbeschränkung: Italien
  •      12 Jahre: Frankreich
  •      16 Jahre: Schweiz, Deutschland, Niederlande
  •      18 Jahre: Norwegen, Irland

BROKEBACK MOUNTAIN (2006)

  •      7 Jahre: Schweden
  •      12 Jahre: Deutschland
  •      14 Jahre: Italien, Schweiz
  •      18 Jahre: Irland

(Quelle: IMDb)

Dank grossem Medieninteresse, paradoxerweise angeheizt durch die Ankündigung von Facebook, den Trailer zu verbieten, hat der Film Tausende in die Kinos gelockt, darunter auch viele Junge und Jugendliche. Schliesslich ist dies auch das Zielpublikum, an das sich der Film richtet.

In der Deutschschweiz hat der Film kommerziell gesehen freie Fahrt, wurde er doch ab 16 Jahren freigegeben, ab 14 Jahren in Begleitung einer erwachsenen Person. Die Altersfreigabe wurde auf Grund der deutschen FSK-Norm ausgesprochen (Deutschland ist das Produktionsland von "Feuchtgebiete"), und niemand hat sich dagegen gewehrt.

Während in der französischsprachigen Schweiz kein Verleih des Films vorgesehen ist, hat das italienischsprachige Tessin seinerseits die Messlatte höher gesetzt und den Film für unter 18-Jährige verboten.

"Der Film ist nicht erbaulich und kann als pornografisch bezeichnet werden. Es reicht, an die Szene zu denken, in der erigierte Penisse in Zeitlupe auf eine Pizza ejakulieren", erklärt Marco Baudino, Präsident der Kommission Jugend und Kino. "Wir haben deshalb entschieden, dass der Film nicht für ein minderjähriges Publikum geeignet ist, weil er ekelhaft ist, eine kranke und zerstörerische Sexualität sowie Drogenmissbrauch zeigt."

Schweiz setzt Eidgenössische Kommission ein

Die Altersfreigaben für Filme unterscheiden sich von Land zu Land. Sie können von Einschätzungen durch Psychologen und Personen aus der Jugendbetreuung abhängen, aber auch von regionalen Sensibilitäten oder vom Gewicht der Produzenten und Verleiher. Italien und Frankreich sind beispielsweise viel freizügiger im Vergleich mit nordischen Ländern und auferlegen oft auch besonders gewalttätigen Filmen keine Einschränkungen.

In der Schweiz setzt seit dem 1. Januar 2013 die "Schweizerische Kommission Jugendschutz im Film" das Mindestalter für die Zulassung von Filmen in den Kinos fest. Einzige Ausnahmen: Der Kanton Tessin, der die Konvention nicht unterzeichnet hat, und der Kanton Zürich, der wegen einer Beschwerde der Verleiher weiterhin seine eigenen kantonalen Regeln anwendet.

Die Eidgenössische Kommission wurde geschaffen, um mitunter unverständliche Unterschiede zu vermeiden, wie etwa beim Film "Harry Potter und der Gefangene von Askaban", der in Genf für nicht begleitete Kinder unter 12 Jahren verboten war, in Basel aber in Begleitung ab 8 Jahren besucht werden konnte. Der Kompromiss scheint aber nicht in jedem Fall zu funktionieren und lässt etwa bei "Feuchtgebiete" zumindest einige Zweifel aufkommen.

Unabhängigkeit in Gefahr?

Anlass zu Diskussionen gab auch der Entscheid, die deutschen FSK-Normen zu übernehmen und nicht automatisch jeden Film zu prüfen. Laut Marco Baudino gibt es zwei grundlegende Probleme: "Einerseits besteht die FSK zum Grossteil aus Verleihern, Produzenten und Kinobesitzern, die andere Interessen haben als Psychologen, Sozialarbeiter und Eltern. Andererseits können die Filme nur auf Deutsch oder Englisch angesehen werden, und die Voraussetzungen können sich je nach Synchronisierung noch verändern."

Der Entscheid, die FSK-Normen zu übernehmen, hat Claude Ruey, Präsident von Pro Cinema Schweiz, gar nicht gefallen. Und er führt auch weiterhin zu lebhaften Diskussionen innerhalb der Jugendschutz-Kommission, wie deren Vizepräsident Fabrice Wulliamoz bestätigt.

"Die Bilanz der ersten neun Monate ist Schwarz-Weiss, und es besteht die Gefahr, dass das Projekt scheitert, auch wenn wir daran glauben, dass es wichtig ist. Die Schweizer Verleiher haben einen Anstieg des Mindestalters festgestellt und sind nicht besonders zufrieden."

Jugendliche vor Verharmlosung schützen

In der Ära des Internets – wo mit wenigen Klicks härtere Bilder als etwa im Film "Feuchtgebiete" angesehen werden können – stellt sich die Frage, ob solche Verbote noch Sinn machen.

Die Psychologin Catherine Krähenbühl, auch sie Mitglied der Eidgenössischen Jugendschutz-Kommission, hegt keine Zweifel: "Gerade weil in anderen Kontexten die nötigen Filter fehlen, muss der Staat der Gesellschaft eine klare Botschaft geben. Minderjährige müssen vor Bildern geschützt werden, die einen gefährlichen Einfluss auf ihre Entwicklung haben können; sie verfügen nicht über die gleichen Möglichkeiten für Analyse und Selbstschutz wie Erwachsene."

In der Schweiz ist ein Mindestalter von 16 Jahren für Filme vorgeschrieben, die Gewalt oder Drogenmissbrauch verherrlichen, gegen die Menschenwürde verstossen, zu Verbrechen anstiften oder sich am Rand der Pornografie bewegen. Es kann auf 18 Jahre angehoben werden, wenn ein Film als besonders problematisch eingestuft wird.

"Sorge bereitet uns nicht so sehr die Nachahmungs-Gefahr, sondern die Verharmlosung von abweichendem Verhalten, das in Filmen gerechtfertigt wird und beim Zuschauer ein positives oder sogar beruhigendes Gefühl erzeugt", sagt Psychotherapeutin Nathalie Humair Guidotti von der Tessiner Kommission Jugend und Kino.

Bildungs-Botschaft

In der Einschätzung der Kommissionen fliessen aber auch Bildungs-Aspekte oder Fragen des Humors ein, und ein Film wird nicht wegen eines einzigen problematischen Bildes angeprangert. Gewalt kann beispielsweise ganz unterschiedlich dargestellt werden.

"Im Film 'Django Unchained' von Quentin Tarantino ist die Gewalt grotesk und keine Konstante", sagt Humair Guidotti. "Dann gibt es Gewalt, die in einem historischen Kontext steht. Einige Bilder können verstörend wirken, andererseits aber auch ein Schlüssel zum Verständnis der Realität sein."

Ähnlich kann im Fall des Schweizer Films "L'enfant d'en haut" von Ursula Meier argumentiert werden. "Der Junge, der den Touristen die Ski stiehlt, könnte ein schlechtes Beispiel sein", sagt Catherine Krähenbühl. "Doch der Film hat eine klare Moral und ist deshalb ab 12 Jahren freigegeben."

Bleibt anzumerken, dass die in der Schweiz für Minderjährige verbotenen Filme pro Jahr an den Fingern einer Hand abgezählt werden können. Gänzlich verboten, auch in den Sälen von Sexkinos, ist harte Pornografie: Pädophilie, Verkehr mit Tieren oder Szenen mit Fäkalien.

"Strafbar macht sich jede Person, die solche Bilder besitzt, kauft, mietet oder anschaut", sagt Marco Baudino. "Und bei 'Feuchtgebiete' gibt es lediglich eine Szene dieser Art, auch wenn sie zum Glück nicht in voller Länge zu sehen ist."

Drei Fragen an Carla Juri

Die im Kanton Tessin geborene und aufgewachsene Carla Juri gilt als eine der grossen Hoffnungen des Schweizer Kinos. Mit 27 Jahren hat sie bereits zweimal den Filmpreis "Quarz" gewonnen, als beste Hauptdarstellerin ("Eine wen iig – dr Dällebach Kari" von Xavier Kolller, 2012) und als beste Nebendarstellerin ("180 Grad" von Cihan Inan, 2011).

In "Feuchtgebiete" spielt sie die kontroverse Person der Helen, der Protagonistin in Charlotte Roches Roman.

swissinfo.ch: Was antworten Sie den Kritikern, die den Film vulgär und wenig erbaulich finden?

Carla Juri: Ehrlich gesagt, bin ich damit nicht einverstanden. Der Film wurde von den Medien auf ein paar Szenen reduziert, und wenn er so schlimm wäre, wie geschrieben wurde, hätte ich sicher nicht mitgemacht. Helens Verhalten ist keine bewusste Provokation. Sie ist eine junge Frau, die sich von den Eltern, von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlt und all dies tut, um ihren Schmerz zu vergessen und jene zu prüfen, die ihr nahestehen. Helen identifiziert sich ein wenig mit einem Bakterium, und in diesem Sinn ist sie fast eine Wissenschaftlerin.

swissinfo.ch: Einige Szenen sind extrem gewagt. War das nötig?

C.J.: Der Film kann manchmal auch hässlich erscheinen, gerade weil er das Malaise von Helen zeigt. Für mich ist er die Geschichte einer sehr einsamen Frau, die noch nie das Gefühl hatte, geschätzt zu werden. Daher hat sie ein anderes Verhältnis als wir zur Hässlichkeit, zum eigenen Körper, zur Hygiene.

swissinfo.ch: Wie haben Sie sich auf die Rolle der Helen vorbereitet?

C.J.: Ich habe mit den Äusserlichkeiten angefangen. Ich habe mir die Haare geschnitten, bin mit einer Klasse von 18-Jährigen zur Schule gegangen, ohne ihnen zu sagen, dass ich Schauspielerin bin. Ich habe Helen ein wenig ausprobiert. Und dann musste ich ihren Schmerz verstehen, diesen in eine Richtung lenken, um die Rolle einer nonchalanten Person zu spielen. Helen schläft lieber mit irgendeinem Idioten, als allein im Bett zu liegen. Nur aus Angst vor der Einsamkeit, und das hat mich wirklich beeindruckt.


(Übertragen aus dem Italienischen: Christian Raaflaub), swissinfo.ch



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