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Evian oder der Gipfel der aktiven Neutralität

18. März 1962: Historischer Tag für Krim Belkacem (links), Chef der algerischen Delegation, der mit einem Helikopter der Schweizer Armee nach Evian geflogen wurde.

(Keystone)

Vor 50 Jahren haben die Abkommen von Evian den Unabhängigkeitskrieg in Algerien beendet. Mit ihren Guten Diensten im Rahmen der aktiven Neutralitätspolitik spielte die Schweiz dabei eine wesentliche Rolle, sagt der Historiker Marc Perrenoud.

Als wissenschaftlicher Berater des Forschungsprojektes der Diplomatischen Dokumente der Schweiz ist Marc Perrenoud der Autor eines Artikels über die Rolle der Schweiz bei der Unterzeichnung der Abkommen von Evian in der Revue Politorbis des Eidgenössischen Departementes für auswärtige Angelegenheiten (EDA).

50 Jahre nach diesem bedeutenden Ereignis im Entkolonialisierungsprozess beteuert der Historiker im Gespräch mit swissinfo.ch, dass diese Abkommen "das bekannteste Beispiel eines Waffenstillstandes mit Hilfe der Schweiz als wichtigster Akteurin" seien.

swissinfo.ch: Welchen Stellenwert haben die Abkommen von Evian vom 18. März 1962 in der Geschichte der Schweizer Diplomatie?

Marc Perrenoud: Diese Abkommen sind ein besonders leuchtendes Beispiel der aktiven Neutralitätspolitik, die Bundesrat Max Petitpierre nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte. Die Schweiz will ihre Solidarität mit dem Rest der Welt ausdrücken und versucht, Konflikte zu beenden, wenn die Gelegenheit gegeben ist.

Genau das traf Ende 1960 ein, als die Schweiz nach dem Scheitern der direkten Kontakte zwischen Franzosen und Algeriern angegangen wurde. Die beiden kriegführenden Parteien bitten die Schweiz, die Verhandlungen zu erleichtern, die angesichts des schrecklichen, seit 1954 dauernden Krieges in Algerien äusserst schwierig waren. Man kann sagen, dass die Schweiz eine wesentliche Rolle bei der Lösung des Konfliktes gespielt hat.

swissinfo.ch: Hat diese Neutralitätsdoktrin, die im Algerien-Krieg angewendet wurde, Widerstand und Unruhe im Bundesrat, der Schweizer Regierung, hervorgerufen?

M.P.: Zu Beginn haben lediglich Aussenminister Max Petitpierre und seine engsten Mitarbeiter geheime Kontakte gepflegt und Verhandlungen geführt. Es ist nicht sicher, ob der Gesamtbundesrat dieses schweizerische diplomatische Engagement gutgeheissen hätte.

Einige befürchteten, dass ein unabhängiges Algerien ins kommunistische Lager schwenken könnte. Man befürchtete ferner, dass Frankreich der Schweiz vorwerfen könnte, gegenüber den Unabhängigkeitskräften eine zu positive Haltung einzunehmen, dies umso mehr, als die zahlreichen Unterstützungsaktionen auf Schweizer Territorium zugunsten der algerischen Nationalen Befreiungsfront (FLN) die Franzosen irritierten.

Weiter wurde befürchtet, im Fall der Unabhängigkeit könnte es zu einer Einwanderungswelle von Algeriern in die Schweiz kommen. Zu dieser Zeit aber versuchte die Schweizer Regierung, die Einwanderung von ausländischen Arbeitskräften einzudämmen.

swissinfo.ch: Versuchte die Schweiz, mit ihrem Engagement für eine Lösung des Algerien-Konfliktes ihr Image aufzupolieren?

M.P.: Sicher. Da die Schweiz der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft EWG (Vorgängerin der EU, Anm.d.Red.) nicht beitreten wollte, bewies sie ihre Nützlichkeit als neutraler Staat, indem sie Frankreich half, sich aus dem algerischen Drama herauszulösen und sich seiner Modernisierung und dem europäischen Aufbau zu widmen.

Aber die Schweiz versucht auch, ihre Eigenheit gegenüber ihrem französischen Nachbarn zu behaupten. Dazu will die Schweiz in einer Periode der Entkolonialisierung als glaubwürdiger Partner für entstehende Drittwelt-Nationen erscheinen.

swissinfo.ch: Was hat die Schweizer Behörden dazu bewogen, ihre Meinung zu ändern?

M.P.: Zu Beginn des Krieges war die grosse Mehrheit der Schweizer Politiker und der Bevölkerung für die Aufrechterhaltung des französischen Algeriens. Eine beträchtliche Zahl von Schweizern war am Ende des 19. Jahrhunderts nach Algerien ausgewandert. Man nahm an, dass diese Schweizer Emigranten nicht übermässig erfreut sein würden über die Teilnahme ihrer Regierung an den Verhandlungen.

Doch die Grausamkeiten, die im Algerien-Krieg begangen wurden, ändern die Lage. Ehemalige Legionäre und andere Personen veröffentlichten Informationen über Folterungen. Man wird sich bewusst, dass es für Frankreich unmöglich ist, sein Kolonialreich aufrecht zu erhalten.

Von 1956 an bekräftigt Max Petitpierre, dass die Unabhängigkeit Algeriens die einzige Lösung ist. Und der Suizid von Bundesanwalt René Dubois 1957 infolge der Aufdeckung seiner Mitarbeit bei der Ausspionierung der ägyptischen Botschaft in Bern zugunsten Frankreichs verursacht in der Schweiz einen beträchtlichen Schock.

swissinfo.ch: Bern war der Ort, an dem die Führung des FLN am 1. November 1954 den Beginn des bewaffneten Unabhängigkeitskampfes beschloss. Hatte die FLN-Führung vor allen anderen die wesentliche Rolle erkannt, welche die Schweiz bei ihrem Kampf spielen sollte?

M.P.: Die FLN-Führung hat sofort erkannt, dass ihr Kampf international sein muss. Denn sie wusste, dass die FLN keine Chance hatte, die französische Armee auf militärischer Ebene zu besiegen.

In diesem Zusammenhang war die Schweiz, wie in anderen Kriegen, ein Ort der Kontakte, eine Drehscheibe für Personen, Finanztransaktionen, gewisse Waffengeschäfte und für die Veröffentlichung von Informationen. Diese internationale Rolle der Schweiz wurde von den Algeriern bewusst benutzt.

swissinfo.ch: Welchen konkreten Nutzen konnte die Schweiz aus den Abkommen von Evian ziehen?

M.P.: Infolge der Entwicklung des jungen, unabhängigen Algeriens – geprägt vom Staatsstreich Boumediennes, der die Abkommen von Evian teilweise ablehnte – waren jene Personen, mit denen die Schweizer Diplomaten Kontakte geknüpft hatten, nicht mehr am Drücker. Die Schweiz konnte deshalb nicht alle wirtschaftlichen Möglichkeiten erfassen, die sie sich erwünschte.

Aber die Beziehungen zu Algerien sind gut geblieben, und das Land ist der Schweiz bis heute noch dankbar für deren Rolle am Ende des Krieges.

Der Diplomat Olivier Long stellt fest, dass der gute Ruf der Schweiz in Afrika und in der arabischen Welt seit Sommer 1961 mit dem Nimbus der aktiven diplomatischen Rolle im Algerien-Konflikt umgeben ist. Die Franzosen ihrerseits sind der Schweiz auch sehr dankbar. Obwohl die Schweiz (damals) nicht Mitglied der UNO ist, unterstreicht sie ihre Wichtigkeit im Konzert der Nationen.

swissinfo.ch: Welche Lehren hat die Schweizer Diplomatie aus dem Erfolg der Vermittlung im Algerien-Konflikt gezogen?

M.P.: Solche Guten oder Vermittlungs-Dienste der Schweiz gibt es bis heute. Doch die Abkommen von Evian bleiben das bestbekannte Beispiel eines hauptsächlich von der Schweiz vermittelten Waffenstillstandes.

Der Algerien-Krieg hatte besondere Umstände: Frankreich war ein Nachbar der Schweiz, es gab persönliche Beziehungen zwischen den hohen Beamten beider Länder. Andererseits gab es Algerier, die sich ebenfalls seit längerem in der Schweiz aufhielten.

Auch heute versucht die Schweiz, in gewissen Konflikten zu vermitteln. Doch diese liegen meist weit entfernt, nicht an der Landesgrenze. Die geografische Nähe, die es den Schweizer Diplomaten erlaubte, die erste Geige bei der Lösung des Algerien-Konflikts zu spielen, gibt es heute nicht mehr.

Favrods Kritik

Als ehemaliger Journalist der Gazette de Lausanne und von Radio suisse romande war und ist Charles-Henri Favrod ein Kenner des algerischen Unabhängigkeitskampfes.

Seiner Einschätzung nach war das Engagement der Schweiz vor allem auf die "geografische Nähe" zurückzuführen. Nachdem Favrod mit vielen hochrangigen Persönlichkeiten aus beiden Kriegslagern zu tun gehabt hatte, wurde er gebeten, sich aus den Vermittlungs-Bemühungen der Schweizer Diplomatie herauszuhalten.

Favrod fand, die Schweiz hätte zu lange zugewartet: "Es brauchte den Schock des Suizids des Bundesanwalts René Dubois, um die Behörde auf Trab zu bringen. Die algerische Frage konnte nicht mehr ignoriert werden."

Laut Favrod sind der Schweiz ihre Guten Dienste im Fall des Algerien-Konflikts nicht gelungen: "Und die Ermordung des Stadtpräsidenten von Evian 1961 durch die OAS (der Organisation, die für den Verbleib Algeriens bei Frankreich kämpfte) beweisen, dass das Schweizer Aussenministerium die ersten Verhandlungen gar nicht hätte öffentlich machen dürfen."

Doch während der zweiten Verhandlungsphase, die zur Unterzeichnung der Abkommen geführt hatte, bewies die Schweiz laut Favrod einerseits Diskretion, andererseits ihre führende Rolle als Mediatorin.

Was die Abkommen an sich betrifft, die ein Jahr danach zu Stande kamen, so hätten sie ihr ursprüngliches Ziel nicht erreicht, nämlich eine Art von Zusammenleben von Algerienfranzosen und Algeriern zu ermöglichen.

"Nach den schrecklichen, von der OAS 1961 begangenen Massakern mussten die Algerienfranzosen einsehen, dass ein weiteres Zusammenleben künftig nicht mehr möglich war", sagt Favrod.

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Abkommen von Evian

Am 18. März 1962 vereinbaren die französische Regierung und die provisorische Regierung der Republik Algerien (GPRA) ein Ende des seit 1954 dauernden Konflikts, der von französischen Nationalisten in Algerien ausgelöst worden war. Frankreich akzeptiert damit die Unabhängigkeit Algeriens.

Nach dem Misserfolg der Unterhändler in Melun bei Paris im Juni 1960 ruft die GPRA die Guten Dienste der Schweiz an, was auch von Paris gewünscht wird. Im November 1960 beauftragt der damalige Chef der Schweizer Diplomatie, Max Petitpierre, Olivier Long mit der Antwort.

Anfang Januar 1961 lässt Long dem französischen Algerien-Minister mitteilen, es sei der Wunsch der GPRA, mit Paris in Kontakt zu treten. Seither sitzt die Schweiz bei den Verhandlungen mit am Tisch, welche in den in Evian eingeführten Waffenstillstands-Vertrag münden.

Die Treffen zwischen den Algeriern und den Franzosen finden in Luzern, Neuenburg und in benachbarten französischen Orten wie Evian, Lugrin oder Aux Rousses statt.

Die algerischen Emissäre waren in dieser Zeit in der Schweiz niedergelassen.

Die Schweizerische Diplomatie, Sicherheitsdienste, Polizei und Armee halfen mit, um die Organisation dieser Treffen zu erleichtern.

(Quelle: Historisches Lexikon der Schweiz)

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(Inputs: Mohamed Cherif, Übertragung aus dem Französischen: Jean-Michel Berthoud), swissinfo.ch

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