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Forschungszusammenarbeit


Berner Hightech gegen die Kriminalität in Estland


Von Andreas Keiser, Tallinn


Alles unter einem Dach: Im Januar 2011 wird das neue Institut für forensische Wissenschaften offiziell eröffnet. (swissinfo.ch)

Alles unter einem Dach: Im Januar 2011 wird das neue Institut für forensische Wissenschaften offiziell eröffnet.

(swissinfo.ch)

Gerichtsmediziner und Kriminalisten lösen Rätsel und spalten dabei buchstäblich Haare und andere Kleinstpartikel. Mit Geldern und Technologien aus der Schweiz kann Estland künftig Leichen digital und ohne Obduktion untersuchen und so Verbrechen schneller aufklären.

"Ich war oft in der Schweiz. Als Marketing-Chef von Toyota Estland besuchte ich jeweils den Genfer Autosalon", sagt Üllar Lanno bei der Begrüssung und provoziert damit gleich ein Rätsel: Weshalb ist der ehemalige Toyota-Verkäufer später Direktor des estnischen Instituts für forensische Wissenschaften geworden?

Die Auflösung des Rätsels spart sich Lanno für später auf, nach der Besichtigung "seines" Instituts. Dieses ist vorläufig noch über drei alte Gebäude verteilt. Der Neubau an der Stadtgrenze Tallins ist bis auf den Innenausbau fertig.

Lanno zeigt auf die Fassade und sagt stolz: “Hier werden auf 16 Stockwerken mehr als 40 forensische Fachgebiete untergebracht: Gerichtsmedizin, Gerichtspsychiatrie, Cyber-Crime-Bekämpfung, Kriminalistik, Datenbanken, die Staatsanwaltschaft und die Sprengstoffentschärfungs-Abteilung.“

16 Stockwerke? - “Ja, 7 an der Luft und 9 unter der Erde.“ – Wir nehmen die noch geländerlose Treppe in den Keller. Direkt unterhalb der Büros, wo künftig die Gerichtsmediziner ihren Arbeitsplatz haben werden, sind die Räume weiss gekachelt. “Da kommen die zwei ‘Virtobot‘–Einheiten hin, die Scanner, welche die Schweiz bezahlt und die in der Schweiz entwickelt wurden“, sagt Lanno.

Dreidimensionale Bilder der Leiche

“Damit wird es nicht mehr nötig sein, den Körper aufzuschneiden, um an die nötigen Informationen über Todesursache, Verletzungen oder den genauen Zeitpunkt des Todes heranzukommen“, so Lanno. “Wir können die Leute auch lebend scannen, etwa um Zahnstellungen, Operationsfolgen oder Verletzungen zu erkennen und die Bilder mit den nationalen oder internationalen Verbrecherdatenbanken zu vergleichen.“

“Virtobot“ steht für virtuelle Autopsie und ist ein Industrieroboter. Er liefert ein hochpräzises und dreidimensionales Bild der Leiche. Der Roboter wurde am Rechtsmedizinischen Institut der Universität Bern entwickelt. Er arbeitet mit Hilfe der auch bei der Erkennung von Krankheiten eingesetzten Magnetresonanz-Scannern und Computer-Tomographen.

Dank der mit Geldern des schweizerischen Nationalfonds entwickelten Hightech-Anlage können Leichen digital konserviert und eine Autopsie nach Jahren erneut durchgeführt werden, wenn in einem ungelösten Fall neue Erkenntnisse auftauchen. “Zudem können wir die Bilder umgehend via Interpol auch andern Untersuchungsbehörden zur Verfügung stellen“, sagt Lanno.

Enge Zusammenarbeit mit der EU

Im Bestreben, die Kriminalitätsrate, die in Estland höher ist, als in den Ländern der EU-15, hat der estnische Staat in den vergangenen Jahren verschiedene Reformen durchgeführt. So wurden sämtliche forensischen Aktivitäten des Landes zu einer Einheit zusammengeführt und dem Justizministerium unterstellt. “Die Dezentralisierung war ein Erbe aus der Zeit der Sowjetunion“, sagt Lanno.

Die relativ hohe Kriminalitätsrate führt Lanno darauf zurück, dass Estland Transitland zwischen Russland und den skandinavischen Ländern ist. Die Grenze zu Russland ist eine EU-Aussengrenze.“Deshalb arbeiten wir sehr eng mit den EU-Ländern zusammen“, betont Lanno.

Hilfe der Schweiz kommt zur rechten Zeit

Die Schweiz beteiligt sich an der Finanzierung der Hightech-Infrastruktur für das forensische Institut mit 3.5 Millionen Franken. Sie tut dies im Rahmen des Erweiterungsbeitrages, dessen Ziel die Verringerung des sozialen und wirtschaftlichen Rückstandes in den neuen EU-Ländern ist.

Im Betrag von 3.5 Mio. sind auch die Anschaffung eines neuen, extrem hochauflösenden elektronischen Mikroskops und Schulungen enthalten.

“Solche Mikroskope, die in der Lage sind, winzige Partikel von Schiesspulver zu identifizieren, halten 10 Jahre. Unser bisheriges Mikroskop ist jetzt genau so alt. Die Hilfe der Schweiz kommt also gerade rechtzeitig“, freut sich Lanno.

In den kommenden Wochen und Monaten wird das neue Gebäude sukzessive in Betrieb genommen. Jetzt sind die Bauarbeiter daran, die letzten Wände zu streichen und Böden zu verlegen. In den Kellern ist es stockdunkel. In einem Raum hallt es. “Das ist ein 300-Meter Schiesstand für die Polizei“, sagt Lanno und sucht vergebens einen Lichtschalter.

Die Verwandtschaft mit den Autos

Nebenan ist ein grosser, hoher Raum mit einer Zufahrtsrampe. “Das ist unsere Garage. Wir bringen die gestohlenen Autos hierher, sprayen sie mit einem Schaum ein und lösen ihn ab. So kommen wir innert kürzester Zeit an die Fingerabdrücke oder verdächtige Partikel heran und sehen zudem umgehend, ob das Auto neu lackiert worden ist.“

Im Auto, auf dem Weg in die Innenstadt, löst sich das Rätsel: “Als Arzt habe ich lange in Spitälern gearbeitet“, erzählt Lanno. "Deshalb spreche ich dieselbe Sprache wie die Gerichtspsychiater. Das ist in diesem faszinierenden Job ein grosser Vorteil. Forensik und Autos – das hat beides sehr viel und direkt mit den neusten Technologien zu tun.“

Schweiz und EU

Die EU hat ihre Kohäsionspolitik 1986 eingeführt. Ziel ist eine Umverteilung zwischen reicheren und ärmeren Staaten.

Von 1988 bis 2004 wurden dafür rund 500 Mrd. Euro eingesetzt.

Mit der EU-Osterweiterung 2004 kamen 10 neue, meist mittelosteuropäische Staaten dazu. Seither fliessen die meisten Kohäsionsgelder der EU in die neuen EU-Länder, also seit 2007 auch nach Rumänien.

Die Schweiz geht seit dem positiven Volksentscheid vom November 2006 eigenständig Verpflichtungen in Form von konkreten Projekten ein .

Eigenständig heisst, dass der Schweizer Erweiterungsbeitrag nicht in den EU-Kohäsionsfonds fliesst, sondern die Schweiz selbst entscheidet, welche Projekte unterstützt werden.

Von 1990 bis 2006 zahlte die Schweiz 3,45 Mrd. Franken Ost-Transitionshilfe und von 2007 bis 2011 weitere 0,73 Milliarden an nicht EU-Länder.



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