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Fünf Tage in Beirut

Scharfschütze der Opposition nach der Beschiessung des prowestlichen Mustaqbal-TV in Beirut durch die Hisbollah.

(Keystone)

Innerhalb weniger Tage ist aus dem pulsierenden Hamra-Viertel in Westbeirut, wo sich alle Gesellschaftsschichten und Religionen mischen, ein Kriegsschauplatz geworden. Dann ist Ruhe eingekehrt. Ein Erlebnisbericht.

Die Zeichen deuten seit langem auf Sturm hin, doch Anfang Mai herrscht noch trügerische Ruhe in Beirut. In den Strassencafés an der Sonne junge Leute, die sich den neusten Tratsch erzählen. Andere mit Laptops loggen sich drahtlos ins Internet ein, um zu chatten, zu mailen oder Neues aus aller Welt zu lesen.

Ein älterer Mann in strahlendweisser und frisch gebügelter Gallabiya (traditionelles langes Hemd) spaziert durch die Hamra-Strasse, die Füsse in beigen Socken und weissen Plasticsandalen. In Hamra mischen sich Tradition und Moderne, Christen, Drusen, Sunniten und Schiiten. Man spricht Arabisch, Englisch und Französisch. Es ist Dienstagabend.

Am Mittwoch bin ich bei der Schriftstellerin Iman Humaydan im Aschrafiye-Viertel im christlichen Ostbeirut eingeladen. Viele der anderen Gäste sagen ab, weil sie sich nicht mehr aus dem Haus getrauen oder weil sie von Strassensperren der schiitischen Hisbollah-Miliz aufgehalten werden. Aus der Ferne sind Schüsse zu hören. Die Hisbollah hat die Strasse zum Flughafen gesperrt.

Ist das jetzt Krieg?

Am nächsten Tag versuche ich, ein Interview mit dem Hisbollah-Sprecher Moussabi Ibrahim zu vereinbaren. Er hat frühestens am Samstag Zeit, doch dann geht mein Flug zurück in die Schweiz. "Sie können am Samstag nicht fliegen", prophezeit er. "Solange die Regierung unsere Forderungen nicht erfüllt, bleibt der Flughafen zu."

Noch glaube ich ihm nicht. Doch am gleichen Abend, als ich wie viele andere im Younes-Café in Hamra meine Mails checke, kracht es ganz in der Nähe. Alle sehen von ihren Laptops auf und lauschen. Eine Salve von Schüssen, jetzt noch näher. Wir packen in Panik unsere Sachen zusammen und rennen davon. Die Kellner räumen hastig Stühle und Tische weg und schliessen das Café.

Zurück im Hotel fühle ich mich vorerst sicher. Doch weiterhin krachen Schüsse. Ab und zu detonieren Granaten. Die bange Frage taucht auf: Ist das jetzt Krieg? Und, nach einigen Stunden, um 3 Uhr früh, zunehmend verängstigt: Hört das denn nie mehr auf?

Flucht in den Osten der Stadt

Es hört auf. Von 4 Uhr bis 6 Uhr sind kaum noch Schüsse zu hören. Dann geht es wieder los. Ich bin gefangen. Im christlichen Ostbeirut wäre es ruhig, aber wie komme ich dorthin, solange in Hamra geschossen wird? Kein Taxifahrer ist bereit, das Risiko auf sich zu nehmen. Ich packe meine Sachen und gehe in der Lobby auf und ab.

Um 8 Uhr hält ein Taxi vor dem Hotel, der Fahrer kommt herein und fragt, wo ich hinwolle. "Nach Aschrafiye, Ostbeirut", sage ich. "Ok, kein Problem", sagt der Mann. Ich schöpfe Hoffnung, doch die Angst bleibt. Noch immer sind Schüsse aus den umliegenden Strassen zu hören.

Wir fahren langsam zum Meer hinunter, dann der Küste entlang, am Zeltlager der Hisbollah und am Regierungsgebäude vorbei in den Osten. Die Stadt wirkt gespenstisch leer, an jeder Strassenecke stehen bewaffnete Milizen. Wenn das nur gut geht.

Dann stehe ich vor dem Haus von Iman Humaydan, ich bin gerettet. Der Taxifahrer verlangt das Dreifache des üblichen Preises, doch mir ist alles egal. Risikozulage, das kann ich gut verstehen.

Die Medien im Visier

Iman ist noch im Nachthemd und schon online. Sie hat absichtlich keinen Fernseher, weil sie sich vor den schlechten Nachrichten schützen will. Doch jetzt läuft das Radio ununterbrochen, auch wenn sie gleichzeitig schreibt oder telefoniert.

Wir trinken Kaffee und tauschen Neuigkeiten aus. Hassan Dawud ruft an, Schriftsteller und Journalist bei der Zeitung "Al Mustaqbal", die der Hariri-Familie gehört. Die Hisbollah habe eine Granate aufs Redaktionsgebäude abgeschossen, sein Büro sei völlig ausgebrannt, zum Glück war er gerade nicht dort.

Auch der Fernsehsender "Al Mustaqbal", wo Hassan Dawuds Sohn arbeitet, wurde geschlossen. "Das gab's nicht einmal während des Bürgerkriegs, die Medien konnten damals immer arbeiten", kommentiert Iman Humaydan, die einen Roman über den Bürgerkrieg geschrieben hat. Unter dem Titel "B wie Bleiben wie Beirut" ist er auf Deutsch erschienen.

Die Grenzen gehen zu

Noch immer ist der internationale Flughafen in Beirut geschlossen. Ich gehe in ein Reisebüro in Aschrafiye, wo lange Schlangen von Leuten warten. Viele wollen jetzt nach Syrien ausreisen.

"Die Hauptverbindungsstrasse Beirut-Damaskus ist seit heute Mittag gesperrt und die Ausreise Richtung Norden nicht ohne Risiko", sagt die Angestellte. Gestern sei ein Taxi in Tripoli bei einer Strassensperre hängengeblieben und wieder zurückgekommen, ohne die Grenze erreicht zu haben.

Panik steigt auf, ich will nur noch raus aus dem Land, koste es, was es wolle. 450 Dollar verlangt ein Taxiunternehmer für die ganze Strecke Beirut-Damaskus über die Nordgrenze, sechs Stunden Fahrt. 75 Dollar kostet es im Sammeltaxi.

Bewaffnete Milizen

Am nächsten morgen um 9 Uhr stehe ich am Bus- und Taxibahnhof Shar Helwe. Um 12 Uhr lassen wir Beirut hinter uns. Neben dem Taxifahrer ein Algerier, ein Syrer, eine Syrerin, eine weitere Schweizerin und ich.

Eine beschauliche Fahrt, bis wir in der Nähe von Tripoli angehalten werden. Eine lange Kolonne schiebt sich langsam an bewaffneten Milizen vorbei. Diese schreien wild herum, halten jedes Auto an und fragen, wer die Passagiere sind. "Wir sind alle Libanesen und zwei Ausländerinnen", sagt der Taxifahrer jedes Mal stoisch.

Ich wundere mich und frage, ob das die Hisbollah war. "Nein", lautet die Antwort, "das waren Anhänger der Gegenseite, der antisyrischen Hariri-Partei. Die haben Syrer gesucht."

An der Grenze dauert die Abfertigung eine Stunde, dann sind wir draussen.

swissinfo, Susanne Schanda, zurück aus Beirut

GESCHICHTE DER GEWALT

Der Libanon ist seit dem Bürgerkrieg von 1975 bis 1990 nie mehr ganz zur Ruhe gekommen.

In den 1990er-Jahren beginnt der damalige Minister-Präsident und Milliardär Rafik Hariri mit dem Wiederaufbau des zerstörten Stadtzentrums.

Im Jahr 2000 zieht die israelische Armee ihre Truppen aus dem Süden Libanons zurück.

Die Ermordung Rafik Hariris im Februar 2005 führt zu einer Protestbewegung, der so genannten Zedern-Revolution. In der Folge wird die Regierung zum Rücktritt und die syrische Armee zum Abzug aus dem Libanon gezwungen.

Die Protestbewegung zerfällt bald in zahlreiche gegnerische Gruppen.

Die heutige Regierung um Ministerpräsident Fuad Siniora ist mehrheitlich prowestlich orientiert.

Der Koalition des Sunniten Saad Hariri (Sohn von Rafik) und des Drusenführers Walid Jumblat auf der einen Seite steht die radikalislamische Hisbollah und ihr christlicher Juniorpartner um den ehemaligen General Michel Aoun gegenüber. Zu ihnen zählt auch die ebenfalls schiitische Amal-Bewegung um Parlamentspräsident Nabih Berri.

Seit dem Ende der Amtsperiode von Emile Lahoud im November 2007 ist der Libanon ohne Präsident. Bereits 18 Mal wurde die Wahl verschoben. Als Kompromisskandidat steht der Armeechef Michel Suleimann zur Wahl.

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